Grüne Insel trifft grüne Hügel – auch die 24. Ausgabe der Irish Folk Nights in Zaiserweiher weiß zu begeistern
von Stephan Gilliar
Caledonia. Ein Wort, das für Schotten weit mehr ist als eine geografische Angabe; es ist ein Destillat aus Sehnsucht, Stolz und jener sprichwörtlichen Sturheit, die dieses Land prägt. Historisch der alten lateinischen Bezeichnung für das antike Schottland entsprechend, ist das gleichnamige Lied von Dougie MacLean für viele eine inoffizielle Nationalhymne. Quod erat demonstrandum: Gleich zweimal wurde es am Samstagabend bei den Irish Folk Nights in Zaisersweiher von den beiden Mainacts in ihrer jeweiligen Version angestimmt.
Was? Sie kennen die Irish Folk Nights in „Zasch“ (aka Zaisersweiher) noch nicht? Dann haben Sie entweder für das mit Abstand lebendigste musikalische Genre Europas nichts übrig oder das letzte Vierteljahrhundert in einer Höhle verbracht. Beides wäre bedauerlich, doch kein Herz für die Musik aus Britannias wildem Norden oder seinem fröhlichen Westen zu haben, wiegt deutlich schwerer.
Es ist eine ungezügelte Musik, die direkt aus dem Herzen sprudelt – ungestüm und voller Hingabe. Da ist die Bodhrán, die wie ein trotziger Pulsschlag den Rhythmus setzt; die Thin oder Low Whistle, die mit ihren hellen, fast schon schneidenden Melodien die tiefen Rhythmen durchbricht; die Fiddle, die beides verbindet; oder die fast schon elektrisch knisternden Vibrationen der Steelstrings einer irischen Bouzouki. Dazu gesellen sich die schweren Kaliber aus Schottland, wie die archaisch treibende Great Highland Bagpipe, und Texte voller Drama, Schicksal, Liebe und Leichtsinn. Ach ja, und natürlich die Trinkfestigkeit: The Wild Rover, Whiskey in the Jar oder – mein Liebling – Finnegan’s Wake, in dem der Protagonist alkoholbedingt verstirbt, nur um durch selbigen umgehend wiederbelebt zu werden. Drama und Comedy, schwer aufgetragen und leicht wiedergegeben: Das ist Northern Folk at its best.
Auf diesen Mix außerhalb der britischen Inseln zu treffen, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Der Boom der nordischen Folkmusic hat in unseren Breitengraden nachgelassen, doch das Herz will eben, was das Herz will. Das Festival in der kleinen Turnhalle im badischen Hinterland ist wie ein alter Kutter, der sich seit 24 Jahren trotzig durch die Moden der Musikindustrie pflügt. Dass das Publikum dabei eher aus erfahrenen Seebären als aus Leichtmatrosen besteht, tut der Energie keinen Abbruch – im Gegenteil. Wer einmal in Schottland einen Pub mit Livemusik besucht hat, der weiß: Das Alter spielt keine Rolle; hier feiern alle Generationen Seite an Seite.






Doch kommen wir zurück nach Zaisersweiher. Es ist ein Jahr her, seit wir einen Blick auf die wilden Anfänge gewehrt haben – und die Geschichte verdient eine Auffrischung. Alles begann in den Achtzigern, als Wolfgang Burger im VW Bulli die irischen Straßen und Pubs unsicher machte. Was als tiefe Liebe zu Guinness und Folk startete, führte direkt zum legendären ersten Versuch in Maulbronn. Man erinnert sich: Es war die Geburtsstunde der Irish Folk Nights, ein herrlich chaotischer Mix aus riesigem Fanansturm und leergefegten Getränkevorräten. Ein Desaster mit Herz, das den Weg für etwas viel Größeres ebnete.

Aus diesen stolpernden ersten Schritten ist eine feste Institution gewachsen. Wo früher noch improvisiert wurde, zieht das Team des TSV Zaisersweiher heute eine zweitägige Konzertreihe durch, die sitzt wie eine Eins. Das Rezept bleibt bewährt: Jede Nacht drei Bands auf der Bühne, eine Mischung aus alten Bekannten, spannenden Neuentdeckungen und den Lieblingen der Szene. Die Magie von damals ist geblieben, nur das Bier geht heute garantiert niemandem mehr aus. Guinness oder Kilkenny vom Fass bekommt man schließlich selten im Kraichgauer Hinterland.
Mit jeweils einem solchen Humpen in der Hand waren wir auch dieses Jahr wieder in „Good Old Zasch“ und haben uns die Show am Samstagabend angesehen. Die Iren waren auf der Bühne übrigens in der Minderheit; vornehmlich traf man auf Schotten und ein paar im Herzen nordische Holländer.

Den Anfang machte Gary Cleghorn, ein Hüne von einem Mann aus Kelso im Grenzland. Im Schweiße seines Angesichts – in der Halle dürfte es auf der Bühne locker über 40 °C gehabt haben – gab er handgemachte Musik zum Besten. Darunter waren zahlreiche Klassiker, aber auf Wolfgangs Wunsch hin vor allem ein „Best of“ von Runrig. Kein Wunder, war Gary doch eng mit der Kultband befreundet, insbesondere mit dem verstorbenen Bruce Guthro. Wenn man die Augen schloss, konnte man ihn durch Garys Kehle singen hören: intensiv und wunderschön. Gary lieferte eine One-Man-Show ab, die für viele das heimliche Highlight des Abends war.









Nach langen Standing Ovations betraten die „Radaubrüder“ von Rapalje die Bühne. No offense – Rapalje darf man durchaus mit Radau übersetzen. Eigentlich stammt das Quintett aus den Niederlanden, aber sie tragen das Herz eines Schotten in der Brust. Vom urigen Look mit zottigen Bärten und historischer Gewandung abgeshen, lieferten sie genau das, was man sich unter Folk-Rock vorstellt: peitschend und lebensbejahend. Als Multiinstrumentalisten scheint jeder von ihnen einfach alles zu beherrschen. Die ständig wechselnde Rollenverteilung sorgte für eine Dynamik, die unter die Haut ging. Vor allem beim Finale mit Gary lief der Halle ein Schauer nach dem anderen über den Rücken: Loch Lomond, voller Inbrunst vorgetragen – ein unvergesslicher Moment.









Bereits nach 22:00 Uhr startete schließlich die Show von Skerryvore. Ein Name, der für einen Leuchtturm auf einer brandungsumtosten Insel der Hebriden steht – und für eine über 20-jährige Erfolgsgeschichte. Die Reise der Band begann 2005 auf der winzigen Insel Tiree, wo die Brüder Daniel und Martin Gillespie mit traditionellen Klängen und modernen Rhythmen starteten. Was als lokale Sensation begann, entwickelte sich rasch zum globalen Phänomen. Mit ihrem selbstbetitelten dritten Album fanden sie 2010 ihren Sound: ein kraftvoller Mix aus Dudelsäcken, Rockgitarren und Pop-Elementen. Dieser „Trad-Rock“ brachte ihnen mehrfach die Auszeichnung als „Live Act of the Year“ ein. Heute tourt die achtköpfige Band durch die Welt – oder sie steht eben in Zaisersweiher auf der Bühne und lässt die Massen ausrasten. Die Kombination aus technischer Perfektion und Energie muss man live erlebt haben. Zwei Dudelsäcke, so synchron gespielt, dass man kaum glauben mag, dass hier zwei Musiker am Werk sind – man kann nur den Hut ziehen.











Darf ich mir nach dieser Lobeshymne noch ein kleines Fazit erlauben? Skerryvore haben abgeliefert, und zwar richtig. Es war eine beeindruckende Performance von Vollblutmusikern, die der Perfektion verdammt nahekommen. Dennoch: Müsste ich mich für einen Favoriten entscheiden, fiele meine Wahl auf Gary und Rapalje. Warum? Weil Folk am Ende nicht von klinischer Präzision lebt, sondern von den Kanten und Furchen. Gary und Rapalje haben diesen „Dreck unter den Fingernägeln“, der die Musik erst wahrhaftig macht. Oder wie Reinhard Mey es einst besang:
„Da lob‘ ich mir ein Stück Musik von Hand gemacht,
noch von einem richt‘gen Menschen mit dem Kopf erdacht,
‘ne Gitarre, die nur so wie ‘ne Gitarre klingt,
und ‘ne Stimme, die sich anhört, als ob da jemand singt.
Halt ein Stück Musik aus Fleisch und Blut,
meinetwegen auch mal mit ‘nem kleinen Fehler, das tut gut!“
Reinhardy Mey

Treffender kann man ein Live-Konzert nicht wiedergeben. Wer nicht selbst dabei war kann den Spirit dieser Worte förmlich fühlen.
Vielen Dank Stephan