Der Ottilienberg, das Goldknöpfle, das Horn – es gibt viele schöne Orte, um in den Mai zu feiern, doch keiner ist so kultig wie das Himmelreich in Zeutern.
Wenn Sie schon immer einmal wissen wollten, was sich hinter dem Begriff „Völkerwanderung“ verbirgt, dann sollten Sie an einem sonnigen 1. Mai dem Kraichgauer Hügelland einen Besuch abstatten. Besonders auf den beliebten Wanderrouten sieht man dabei nicht nur sporadisch Wanderer und Spaziergänger, sondern abschnittsweise kein Fleckchen Asphalt mehr – so dicht drängen sich die Menschentrauben, die sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Bollerwagen zwischen den unzähligen Festlen hin und her bewegen.






Wenn der Mai ruft, dann hört man hier auch zu und strömt bereits ab dem späten Vormittag durch die tausend Hügel. Der Maifeiertag ist ein echtes Phänomen, denn er spricht nicht nur das wander-affine, ältere Publikum an, sondern im Grunde die ganze Altersspanne zwischen 0 und 99. Man sieht Familien mit kleinen Kindern, Säuglingen vor der Brust oder auf dem Rücken, Teenager, Twens, Golden Ager und Senioren – teilweise Seite an Seite durch die Landschaft flanieren. Wenn es irgendeinen Tag gibt, der das Zeug dazu hat, die Trennlinien zwischen den Generationen zu verwischen, dann ist es dieser 1. Mai.
Vollgas von A bis Z
Um dieses gigantische Publikum entsprechend zu bewirten und zu unterhalten, reißen sich so ziemlich alle Vereine zwischen A wie Angelbachtal bis Z wie Zaisenhausen den A wie Allerwertesten auf. An keinem anderen Tag des Jahres gibt es ein so dichtes Netz aus Festen und Feiern wie am 1. Mai. Sie können mancherorts wortwörtlich keine 200 Meter laufen, ohne auf die nächste Hocketse zu treffen. Dazwischen das, was die Rushhour auf der Autobahn ist – in Form von Muskelkraft, per pedes oder per Velo. Besonders die Jugend bewegt dabei ordentlich Gewicht und Traglast rauf und runter durch die Hügel.





Auf den Leiterwägen transportiert man nicht nur Unterhaltungselektronik in kaum noch kompakt zu nennender Bauweise, sondern auch einen halben Getränkemarkt. Bedudelt marschiert es sich eben besser, dabei wird aus den Boxen gedudelt – und zwar keine dezente Klassik, sondern intellektuelles Weltkulturerbe von Mickie Krause, Peter Wackel und Co.
Jeder wie er mag
Das ist übrigens nicht nur der Jugend vorbehalten – auch aus den Bluetooth-Boxen eher bieder aussehender Familienverbände pumpen die lyrischen Ergüsse, die sich in feinster Prosa mit Saufen, Titten und Kartoffelsalat befassen. Aber sei es drum, dieser Tag ist gelebte Ausnahme, jedem Tierchen sein Pläsierchen und sein persönlicher Start in den Wonnemonat.
Eine Frage der Route
Wo man den 1. Mai verbringen möchte, das ist eine sehr knifflige Frage, denn die Auswahl ist unendlich groß – sie erschlägt regelrecht. Die Listen, die auch wir im Vorfeld alljährlich veröffentlichen, lesen sich äußerst umfangreich. Sie müssen sich schon auf eine Route festlegen, denn alles abklappern wäre so, als ob der Weihnachtsmann tatsächlich an einem Abend Geschenke für alle Kinder dieser Erde ausliefern müsste.







Nichts falsch machen können Sie mit einer Route durch Ubstadt-Weiher, denn die Freiwillige Feuerwehr bittet gleich an drei verschiedenen Hotspots zum Tanz. Da wären die Kollegen aus Weiher, die nach der traditionellen Großübung am Morgen an der Spitzweidenhütte feiern. Oder Sie kehren in Ubstadt am Waldrand Sperbel ein – aus dem unsere Autokorrektur auch wirklich jedes Jahr das Wort Sperrmüll machen möchte. Unbedingt sollten Sie aber irgendwann im Laufe des Tages das Himmelreich in Zeutern ansteuern, denn hier feiert Ubstadt-Weiher schon etwa seit 3000 Jahren vor Christi Geburt in den Mai. Kein Wunder, denn von der großen Almwiese aus hat man einen herrlichen Ausblick – nicht nur über Zeutern, sondern bis tief in die Rheinebene hinein, bei gutem Wetter problemlos bis nach Philippsburg oder sogar weiter nach Mannheim. Dazu Hausmacher-Verpflegung von der Feuerwehr, Schorle und Radler hektoliterweise – eben alles, was das Herz begehrt. Musikalisch kommen Sie auch auf Ihre Kosten: Elegant verbinden sich die Mallorcaklänge aus 300 viel zu lauten mobilen Lautsprechern zu einer Kakophonie, die Sie im besten Fall beschwingt, wahrscheinlich aber eher Stück für Stück in des Wahnsinns süße Umarmung treibt. Aber keine Sorge – in der Faschingshochburg Ubstadt-Weiher hat man gelernt, sich mit kulturellen Ausschweifungen dieser Art zu arrangieren.
The Place to Be
Von einem Besuch hier oben hält dieser wilde Mix in jedem Fall nicht ab – ganz im Gegenteil: Das Himmelreich ist The Place to Be. Hier trifft man Gott und die Welt – wer nicht mindestens einem Nachbarn oder Kollegen über den Weg läuft, versteckt sich vermutlich das ganze Jahr über im Keller. Alle Tische sind randvoll, auf der Wiese wird gepicknickt, kleine Kinder toben, befreundete Feuerwehren – beispielsweise die Damen und Herren aus Bad Schönborn – absolvieren Gastbesuche bei den Kollegen aus Ubstadt-Weiher, es ist einfach herrlich.




Ach ja – ein klein bisschen Wahlkampf darf natürlich nur wenige Tage vor der Bürgermeisterwahl nicht fehlen. Mit der schweren Maschine knattert während unseres Aufenthalts im Himmelreich BM-Kandidat Arved Oestringer auf der Grünfläche neben der Himmelreichhütte an. Ein beliebtes Missverständnis, denn nicht an der Himmelreichhütte wird gefeiert, sondern etwa 100 Meter weiter auf dem Festplatz. Kein Problem, das Stück ist schnell zu Fuß erledigt, ein Foto Seite an Seite mit der Küchenmannschaft der Freiwilligen Feuerwehr – samt roter Schürze und erhobenem Bierkrug – und weiter geht’s. Auch die anderen Bewerbenden sind heute on Tour, so erzählt man uns – leibhaftig getroffen haben wir auf unserem Trip allerdings nur den einen.
Willkommen im Wonnemonat
Warum auch nicht? Gesehen und gesehen werden – auch darum geht es an diesem 1. Mai. Freunde treffen, Spaß haben, gemeinsam lachen, gemeinsam wandern – direkt hinein in den schönsten aller Monate in Ubstadt-Weiher.
Willkommen im wunderbaren Mai. Möge er für das Kleeblatt nur Gutes mit sich bringen.

Brot und Spiele fürs Volk 😇
Der eine Bürgermeisterkandidat kam sogar mit einer eigenen Oldtimerfeuerwehr und hat auch Kinder damit rumgefahren. Gibt es davon Bilder ?