Wo die wilden Wichtel leben? Lange ein Geheimnis, doch jetzt ist klar: Genau hier, direkt unter uns.
von Stephan Gilliar
Ein Ort der Kraft
Seit ich zurückdenken kann, gibt es für mich keinen schöneren Platz auf Erden als inmitten eines grünen Waldes. Sobald ich ihn betrete, sobald sich das Grün der Bäume, die dichten Zweige und das Licht, das sich an den Blättern bricht, um mich herum schließen, kommt etwas in mir zur Ruhe, das sich außerhalb dieser Sphäre einfach nicht bändigen lassen will.
Ein echter Wald, alt und gewachsen, nicht die schwache Ansammlung magerer Bäumchen eines immer wieder ausgeschlachteten Nutzhains, ist ein Ort, der eine Magie verströmt, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Das Raunen des Windes, das Seufzen der alten Riesen, die schon so viel gesehen, so viel erlebt haben, berührt dich auf eine Weise, die älter ist als alles, was du kennst und was dich ausmacht. Manche Orte tief im Wald sind so kraftvoll, dass ihre Energie dich durchströmt, durchdringt und eine Batterie in dir auflädt, von der du nicht einmal wusstest, dass sie existiert – und wie sehr sie sich im Treiben der Zeit und deines Alltags entladen hat.

Für Menschen, die diese Verbindung zu unseren Wäldern nicht spüren, mag sich das wie esoterisches Geblubber anhören. Doch alle anderen – die, die wachsam und achtsam die eigene Präsenz im Wald diesem uralten und weit verflochtenen Organismus unterordnen –, mögen es vielleicht ein Stück weit nachempfinden können.
Die Magie der Unsichtbaren
Dieser Magie des Waldes kann man sich auf unterschiedliche Art und Weise annähern: lauschend und andächtig, aber auch mit Fantasie und kindlicher Neugier. Ich habe mir immer vorgestellt, dass der Wald von Wesen bevölkert wird, die sich unseren oberflächlichen Blicken entziehen. Einer meiner Lieblingsfilme als Kind war die Sage von Ronja Räubertochter. Hier koexistieren die Menschen mit all den mystischen Bewohnern des großen und weitläufigen Mattiswaldes: den Rumpelwichten, den Graugnomen, den Wilddruden und den Unterirdischen.
Auch wenn es skurril anmuten mag, irgendwie finde ich den Gedanken, dass solche Kreaturen unsere Wälder bevölkern, mehr als nur schön. Kleine, gute Geister zwischen all dem Moos, den hohlen Baumstämmen, dem Unterholz und dem Wurzelwerk.

Damit bin ich übrigens in verdammt guter Gesellschaft. Die Mystik des Waldes beschäftigt Menschen seit unerdenklichen Zeiten und das überall rund um den Globus. Japaner glauben an die Kodama, Baumgeister, die in den alten Bäumen leben. In den slawischen Ländern gibt es den Leschy, den Herrn des Waldes und Beschützer der Tiere, sowie dessen Kinder, die Lesavka. In Südamerika kennt jedes Kind die Sage des Curupira, dem Dschungelgeist mit feuerrotem Haar, dessen Füße nach hinten gedreht sind, um Verfolger durch falsche Spuren zu verwirren. Auf Hawaii gibt es die Menehune, ein scheues Volk von kleinen, handwerklich hochbegabten Wesen, die tief in den Wäldern und Tälern leben. Sie bauen nachts Straßen oder Tempel, meiden aber strikt den Kontakt zu Menschen. Aus der aztekischen Mythologie kennt man vielleicht noch die Geschichten rund um die Chaneque – koboldartige Wächter der Natur, die unter der Erde oder in Bäumen leben. Wer den Wald beschädigt, wird von ihnen bestraft – oft, indem sie den Menschen vorübergehend die Seele rauben. Ja, nicht alle Wesen aus der Mythologie des Waldes sind ausschließlich gut, aber auch nicht böse. Es ist eben eine eigene Welt mit ihren eigenen Regeln.
Eine kleine große Welt
Ausschließlich gut dagegen sind die Wichtel, die in einem kleinen Waldstück zwischen Ubstadt und Zeutern heimisch sind. Hier haben sie ihre kleinen Refugien geschaffen: Häuser in den Baumstämmen, Terrassen und Freisitze auf grünem Moos und sogar ein kleines Stadion, in dem die Spieler des FC Wichtel auflaufen. Gut, der hier liebevoll angelegte Wichtelpfad mag vielleicht nicht in Übereinstimmung mit alten Legenden entstanden sein, aber ich bin sicher, er wurde von der Faszination und diesem allgegenwärtigen mythischen Hintergrundrauschen des Waldes inspiriert. In einem kleinen, versteckten Winkel, direkt neben einem der verschlungenen Wanderwege, finden sich zahlreiche kleine Schauplätze, an denen die wilden Wichtel wirken. Kleine Gärten, Wohnhäuser, eine Schule, sogar die Werkstatt der Weihnachtswichtel.






Es ist schön, dass es Menschen gibt, die sich hier eingebracht haben, die sich hier engagieren. Auch wenn die Zielgruppe zweifelsohne Kinder sind, fühle auch ich mich als Erwachsener von der fantasievollen kleinen großen Welt in ihren Bann gezogen. Denn in einer Zeit der großen Sorgen können ein paar kleine, magische Wesen viel bewirken – wenn man nur ein bisschen an sie glauben mag.
Gut zu wissen
Den Wichtelpfad Zeutern gibt es tatsächlich. Er findet sich im Wald zwischen Ubstadt, Stettfeld und Zeutern, nicht weit von der Pauluskapelle entfernt. Eine genauere Ortsangabe enthalten wir Ihnen bewusst vor, denn das Suchen, Finden und Entdecken gehört zur Magie dazu.
Bleiben Sie aufmerksam, bleiben Sie wachsam, den Blick auf den Boden und zur Seite gerichtet. Und wenn Sie ihn gefunden haben, diesen wunderbaren kleinen Ort, behandeln Sie ihn ebenso wachsam und behutsam wie auf der Suche nach ihm. Anschauen, aber nicht berühren; staunen, aber nicht verändern. Für alle, die nach Ihnen kommen, aus Respekt vor dem Erschaffenen und vor seinen kleinen Bewohnern.
