Bis vors Loch

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Manche Zeitgenossen im Hügelland fahren auch noch wirklich den sprichwörtlich letzten Zentimeter mit dem Auto – selbst dann, wenn das den Mitmenschen gegenüber rücksichtslos, für die Natur eine Belastung und ganz nebenbei schlicht verboten ist.

von Stephan Gilliar

Leben und leben lassen – ein wunderbares Motto. Ich bemühe mich wirklich täglich, als halbwegs entspannter Zeitgenosse durch unser schönes Hügelland zu gehen. Doch dieser Vorsatz wird derzeit sehr regelmäßig auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Nehmen wir beispielsweise den diesjährigen Vatertag zum Anlass, um ein Thema aufzugreifen, das auch manche von Ihnen vielleicht schon einmal umgetrieben haben könnte.

Vom Wandertag zum Autokorso

Die vielen kleinen Tankstellen und Feststationen, die an solch einem Tag einfach dazugehören, liegen nicht selten irgendwo außerhalb. Das ist auch völlig in Ordnung so, schließlich ist der Vatertag im Grunde ein Wandertag, ein Tag der Nomaden. Ob sie nun zu Fuß, mit dem Fahrrad oder in Ausnahmefällen auch mal mit dem alten Schlepper samt Party-Anhänger unterwegs sind: Wir haben so viele schöne kleine Hotspots auf Vereinsgeländen, Grillplätze und Versammlungsstätten in besonderen Lagen – diese müssen einfach, ja sollen einfach erlebt werden.

Wenn der Regen die Bequemlichkeit siegen lässt

Der Vatertag in diesem Jahr ist bekanntlicherweise ein ziemlich regnerischer Tag gewesen, zu regnerisch für viele, um sich im wahrsten Sinne des Wortes nass zu machen. Wandern und Radfahren bei Regen? Für viele offenbar keine echte Option. Auf eine Party verzichten? Offenbar aber auch nicht.

Symbolbild aus dem Archiv der Redaktion

Nicht wenige – ich möchte tatsächlich so weit gehen und sagen ziemlich viele – Feiertägler haben diesen Widerspruch aufgelöst, indem sie einfach mit dem Auto direkt bis zum außerhalb gelegenen Festplatz vorgestoßen sind. Da kämpfen sich Familien mit dem Fahrrad durch den Schlamm, Wanderer trotzen gut gelaunt im Regenponcho dem Wetter – und plötzlich schiebt sich ein Wagen über den gesperrten Waldweg an ihnen vorbei. Wenn dann nicht einmal das Tempo gedrosselt wird und die Fußgänger ins nasse, zeckenverseuchte Gebüsch flüchten müssen, damit die Festzelt-Besucher im Trockenen ankommen, verliert die Idylle ganz schnell ihren Glanz.

Keine unverbindliche Empfehlung

Ein typischer Fall von „Gehtjamolgarnet“, wenn Sie mich fragen. Denn gesperrte Waldwege sind aus gutem Grund gesperrt, die entsprechende Beschilderung dient nicht einfach nur als unverbindliche Empfehlung. Der Wald ist so ziemlich das letzte Ökosystem, das wir noch halbwegs schonen. Es hat eine feine Ironie, die Natur mit zwei Tonnen Blech, stinkenden Abgasen und Motorenlärm zu erobern, um ihre Ruhe zu suchen. „Ich will zum Festle, dabei aber nicht nass werden“ ist definitiv kein guter Grund, in diese grüne Lunge einzudringen.

Ein Phänomen des Alltags

Das ist ein Phänomen, welches sich keineswegs nur auf Ausnahmen wie den Vatertag beschränkt. Die vielen kleinen Wirtschaftswege, die ein dichtes Netz durch unser Hügelland ziehen, werden von nicht wenigen ganz regulär genutzt, sei es, um morgens oder nachmittags den Berufsverkehr zu umschiffen, oder einfach, um abzukürzen.

Nicht nur eine unverbindliche Empfehlung…

Oder man denke an das allmorgendliche Drama vor unseren Schulen: Da wird das eigene Kind aus Sicherheitsgründen im schweren Wagen bis direkt vor das Schultor chauffiert – und genau dadurch entsteht das Verkehrschaos, das die Kinder gefährdet, die ganz tapfer zu Fuß unterwegs sind.

Das könnte man noch eine Weile so weiterziehen. Muss bei jeder Veranstaltung Runde um Runde gedreht werden, um auf jeden Fall einen Parkplatz möglichst nah am Eingang zu ergattern? Müssen wir uns mit Autos zwischen Passanten hindurch durch dicht frequentierte Einkaufsstraßen drängen? Müssen wir den schweren Wagen tatsächlich bis an die allerletzte Rebe setzen, um den romantischen Ausblick über die Weinberge zu genießen – während direkt hinter dem Auspuff die Natur im Abgas steht?

Eine Frage der Relation

Es gibt hier durchaus Konstellationen, in denen man ein Auge zudrücken kann. Oma und Opa, die einfach nicht mehr so gut laufen können, trotzdem mal wieder in der Natur spazieren gehen möchten, oder wenn man mal unter Zeitdruck den Hund ausführen muss, es aber einfach bis zum nächsten Waldrand zu lange dauert. Natürlich geht es auch klar, wenn man ein eigenes Grundstück ansteuern möchte oder jemanden dort besucht – Sie wissen, was ich meine. Es ist immer eine Frage der Situation, eine Frage der Relation.

Ganz regulär auf sämtliche Verbote und Gebote noch nicht einmal ein müdes Lächeln zu entgegnen, markiert jedoch einen bedenklichen Trend. Es ist das Prinzip „Ich zuerst, nach mir die Sintflut“. Doch das Kuriose ist: Wenn jeder nur noch an seine eigene Bequemlichkeit denkt, stehen wir am Ende alle im selben Stau – mitten im Wald, vor der Schule oder in der Fußgängerzone. Und das kann niemand ernstlich wollen.

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10 Kommentare zu „Bis vors Loch“

  1. Nun ja, manche Zeitgenossen würden mit dem Auto auch gerne zur Toilette fahren, wenn es möglich wäre. Laufen, das kann man ja nicht wirklich von Jemanden verlangen oder noch schlimmer zumuten. Übrigens habe ich heute den ganzen Tag 14.610 Schritte zurück gelegt, das entspricht 10 km

  2. Was will man denn erwarten?
    Kontrollen finden keine statt…sind doch gar nicht gewollt.
    Viele wissen und genießen es doch, dass man hier machen kann, was man will.
    Im Zweifelsfall auf Kosten der Umwelt oder anderer.

  3. Typisch deutsch eben. Regeln und Rücksicht sind nur solange in Ordnung, so lange es für einen selbst bequem ist.
    Wirds unbequem oder kommt der Fall von „die machens aber auch!“ – schwupps ist alles egal.

  4. Das ist ein Fakt :
    Das fällt mir hier in der Region besonders auf !
    Man kann nirgendwo mehr in Ruhe laufen gehen und seine Gedanken schweifen lassen . Es kommt immer irgendwo ein Auto her oder die neue E-Biker Rentnergang .

  5. Oder parken auf dem Fußgängerweg.

    Rücksicht ist seit längerem immer und überall mal mehr, mal etwas weniger zu einemFremdwort geworden.

  6. Was mich auch ziemlich nervt, ist die Fahrerei auf den verbotenen Feldwegen. Man kann einfach nicht in Ruhe spazierengehen.

  7. Leider nur eines von vielen Themen in Zeiten in denen hunderte von Menschen vor
    Läden Campen um eine Plastikuhr zu kaufen, auf tote Wale klettern um Selfies
    zu machen……….:-((((((

  8. bestes Beispiel Hohberg Verbindung zwischen Heidelsheim und Kraichtal. Heute morgen 6 Uhr ein Fahrzeug der DB mit 60-70 km/h direkt am Waldrand entlang, wo das Wild vom Wald auf die Freifläche wechselt. bis 6:30 Uhr mind. 3 Fahrzeuge mit überhöhter Geschwindigkeit. Die Folge: angefahrene Tiere rechts und links des Verbindungsweges. Zwerquetschte Feuersalamander, Kröten, Schmetterlinge, Blindschleichen, Ringelnattern etc. Fussgänger oder Radfahrer werden als Hindernis wahrgenommen und mit unverminderter Geschwindigkeit passiert. Das ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine Frechheit. Ebenso leider manche Rad Fahrer, die Fussgänger ohne Rücksicht überholen bzw. sich nicht einmal durch Klingeln bemerkbar machen. Auf dieser Verbindungsstrecke besteht UNBEDING HANDLUNGSBEDARF !!!

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