Der Himmel über Oberacker – Seit 1987 lebt der Gleitschirmclub Kraichtal seinen ewigen Traum vom Fliegen
von Stephan Gilliar
Routiniert zieht Björn das kleine Funkgerät vom Gürtel, hält es an den Mund und gibt Bodo an der Seilwinde, einen guten Kilometer weiter „de Buggel nuff“, ein paar knappe Anweisungen. Nur Sekundenbruchteile später spannt sich die Leine, die in einer Schneise durch das Kornfeld oberhalb von Oberacker hangaufwärts verläuft … oder abwärts, ganz wie man es sehen möchte. Sehen kann ich mich in diesem Moment selbst – als schillerndes Spiegelbild in der schnittigen Sonnenbrille, die auf Björns Nase sitzt. Er ist heute Master of Disaster, der Chief, der Flugleiter des Tages. Ein Job mit viel Verantwortung, der viel Wissen voraussetzt, schließlich ist Björn nicht Teil der örtlichen Fußballmannschaft, sondern einer der flotten Flieger des Gleitschirmclubs Kraichtal.



Auch wenn man seine Augen in diesem Moment nicht sehen kann, sind sie mit aufmerksamem Blick auf den Windsack gerichtet, der oben an seinem Mast hin und her zappelt. Für ihn ist der Wind nicht nur das himmlische Kind, sondern entscheidet darüber, ob ein Flug gelingen oder überhaupt angetreten werden kann. Für Gleitschirmflieger ist Windrichtung und -stärke entscheidend, da Start und Landung gegen den Wind erfolgen, schwacher bis mäßiger Wind Auftrieb bietet und starker Wind gefährlich werden kann. Björn weiß das alles, lässt sich von Erfahrung und Intuition leiten, gibt schließlich mit einer erneuten knappen Durchsage per Funk grünes Licht.
Jetzt spannt sich das Seil, das mit Saschas Fluganzug verbunden ist, an dem wiederum – breit aufgefächert hinter ihm – der große und leichte Gleitschirm hängt. Was nun kommt, geht erstaunlich schnell. Sascha läuft gerade noch ein paar wenige Schritte auf dem Kraichtaler Ackerboden, schon hängen seine Beine in der Luft, und er gewinnt Höhe. Es ist ein beeindruckendes Bild, wie der bunte Gleitschirm groß und kräftig unsichtbar in die Luft greift und Sascha gen Himmel hebt.



Mit zusammengekniffenen Augen, abgeschirmt durch die Hand, blicke ich nach oben in den makellos blauen Kraichtaler Himmel, wo Sascha immer kleiner wird. Ich kann sehen, wie er das Schleppseil abwirft und mit den Beinen in das sackartige untere Ende seines Anzugs schlüpft. Was jetzt kommt, ist der Tanz zwischen Mensch und Wind – das Einswerden mit der Thermik und der unsichtbaren Dynamik des Himmels. Es ist in erster Linie das eigene Gespür, der Instinkt, den Sascha nun nutzt, um stabile Aufwinde zu finden, die ihn in der Luft halten, ihn noch weiter nach oben tragen. Gelingt ihm das und ist ihm das Glück hold, kann er theoretisch viele Stunden dort oben verbringen – ganz ohne Motor oder Antrieb, nur getragen von den Lüften selbst.
Wo seine Reise endet, ist dabei unmöglich am Anfang auszumachen. Wer lange oben bleiben möchte, der muss sich von denen binden lassen, die sich eben gerade anbieten. Björn zum Beispiel ist schon bis nach Frankreich geflogen oder bis ins Fränkische, wo er dann entweder abgeholt werden musste oder einfach mit dem Zug nach Hause fährt – inklusive voller Montur, versteht sich. Auch das gehört zum Abenteuer des Gleitschirmfliegens.
Ein Abenteuer, das in Kraichtal bereits seit 1987 gelebt wird. „Fast wie im Traum – über mir ein fast 30 m² großes, buntes Tuch, das an ein paar Leinen hängt, und unter mir das reizvolle badische Kraichgauer Hügelland. Damit fliege ich lautlos meinem Landepunkt entgegen und genieße die Landschaft.“ So beginnt die vereinseigene Chronik auf der Webseite des Clubs – eine Geschichte, die mit viel Enthusiasmus und noch mehr Improvisation beginnt.



Dazu muss man wissen, dass das Gleitschirmfliegen zu jener Zeit noch eine junge Sportart war, vornehmlich in bergigen Regionen praktiziert wurde – zu welchen man Kraichtal selbst mit viel Enthusiasmus nicht zählen kann. Um Mann und Schirm in die Luft zu bekommen, braucht es also eine gewisse Startgeschwindigkeit, und die wurde am Anfang tatsächlich zu Fuß realisiert. Anstatt mit einer Seilwinde, zogen die Vereinskameraden den flotten Gleitschirmflieger per pedes und Muskelkraft in die Luft. Irgendwann knotete man das Seil an ein Auto und gab Gas, bis schließlich 1988 eine selbst gebaute Seilwinde mit rund 1000 m Stahlseil die Provisorien ersetzte. 1993 kaufte der Club eine Doppelseilwinde auf einem Pick-up, die auf der im Jahr 2000 noch einmal verlängerten Startpiste zum Einsatz kommt. Stück für Stück wird Ausstattung und Equipment verbessert und professionalisiert – der Verein wächst, die Mitgliederzahlen steigen.
Wer einmal dabei ist, der bleibt auch dabei – das Fliegen ist im positiven Sinne wie eine Droge. Wer sie einmal genommen hat, will sie nicht mehr missen. Doch vor dem Fliegen kommen reichlich Übungen und Schulung. Schließlich ist man bei dieser Sportart in großer Höhe unterwegs – und was hinaufgeht, kommt bekanntlich auch irgendwann wieder hinunter. Und zwar am besten sicher und kontrolliert.
Gleitschirmfliegen gilt als relativ sicher, birgt aber Risiken wie plötzliche Wetterumschwünge, Turbulenzen, starke Thermik, Materialversagen – aber auch neue Phänomene wie die sogenannten Dirt Devils, die in Zeiten des zunehmenden Klimawandels immer häufiger spontan auftreten.

Sascha hat heute leider kein Glück. Er bekommt keine stabile Thermik zu packen und setzt nach rund einer Viertelstunde bereits wieder zur Landung an. Jetzt gilt es, sich hinten einzureihen, denn zwischenzeitlich sind andere Clubmitglieder auf das Flugfeld bei Oberacker gekommen, um sich selbst in die Luft hinaufzuschwingen. Einer davon ist Detlev, der bereits in voller Montur auf seinen Lift-off wartet.
Um sich die Zeit zu vertreiben, fachsimpelt er ein bisschen locker mit den beiden Vorständen Julia und Franz. Franz fährt heute braun gebrannt und barfüßig auf dem Quad zwischen der mobilen Seilwinde oben beim Kreisverkehr und dem Abflugplatz weiter unten hin und her. Julia hat sich selbst bereits in ihren Anzug geschmissen, möchte für die Hügelhelden heute ein paar Aufnahmen ganz oben aus den Lüften erstellen.

Die Crew ist fröhlich, locker, aber hellwach und aufmerksam. Spielend bewältigt man hier in Oberacker den Spagat zwischen der Freude am Fliegen und dem notwendigen Fachwissen, ohne das diese undenkbar wäre. Während Björn noch ein paar technische Daten aus seinem unerschöpflichen Faktenwissen schöpft, entfährt es mir irgendwann spontan:
Aus welchem Grund fliegt ihr denn aber am Ende eigentlich? Eine Antwort, die Detlev geben kann – spontan und ganz Marke Owwerakker: „Ha, weil es einfach das Geilschte ist!“
Ein Bekannter von mir hat den großen Wunsch einmal einen Tandemflug zu absolvieren. Warum er seinen wunsch nicht realisiert kann ich nicht sagen. Ich werde ihm Mut machen.