Robin hat ein Herz für gutes Bier und gute Musik. Auf seinem Biergarten OpenAir sind alle herzlich willkommen, abgesehen von Coverbands.
„Shot through the heart, and you’re to blame“, dröhnt der Leadsänger in das Mikrofon und sofort ist das Publikum auf den Beinen. Aus hundert Kehlen folgen die bekannten Zeilen „…you give love a bad name“. So wiederholt sich das Song um Song, Hit um Hit. „Summer of ’69“, „An Tagen wie diesen“, „Sweet Caroline“… bam bam bam… Sie wissen schon. So geschehen in diesem oder jedem anderen Sommer auf unzähligen Partys und Festen in der Region. Verstehen Sie mich nicht falsch, dagegen ist im Grunde nichts einzuwenden. Der Mensch mag vertraute Muster, sie geben Sicherheit und im Falle dieser Songs erinnern sie meist auch noch an eine gute Zeit, die wir irgendwann in unserer Jugend hatten. Jeder kennt die Texte auswendig, jeder weiß, was ihn erwartet und was er zu tun hat. Da spielt es auch kaum eine Rolle, dass der Leadsänger meist nur eine katastrophale Kopie des Originals in die Röhre rotzt – Hauptsache, die Stimmung passt.
Das Problem an den gefühlt 25.000 Coverbands der Region ist einfach ihre grundlegende und zentrale Prämisse: Sie geben nur etwas wieder, das es schon gibt, das sich jemand anderes ausgedacht hat. Das ist einfach, das funktioniert, das bringt Geld und Publikum – mit etwas Talent sogar nicht zu knapp. Dem zugrunde liegt dasselbe seltsame Phänomen, das auch das moderne Formatradio prägt: Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung. Ganz böse überspitzt: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Oder hört es nicht.
Die wahre Kunst des Erschaffens
Aber noch einmal: Alles in Ordnung, Covermucke hat durchaus ihre Berechtigung, nicht selten ist ein Cover sogar hier und da eingängiger als das Original. Am Ende bleibt es aber eine Kopie, und jede weitere dieser Kopien nimmt Platz und Raum für all die Künstler und Musiker, die noch wirklich und wahrhaftig Neues erschaffen, frische und echte Musik kreieren. Denn das – da müssen wir uns ehrlich machen, Freunde – ist die wahre Kunst: sich Melodien und Texte zu überlegen und diese auszuarbeiten, die es vorher noch nicht gegeben hat. Der Welt etwas Neues schenken.










Derzeit wird die Welt bedauerlicherweise mit reichlich Neuem beschenkt: Musik aus der Dose, erzeugt von künstlicher Intelligenz. Das mag hier und da vielleicht gut klingen, aber rein künstlerisch gesehen ist das Abfall. Es ist ein aus Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten gestrickter Tonteppich, der sich nur an den Werken und dem Können anderer bedient und keinerlei individuelle Schaffenskraft in sich trägt.
Sehr lange Rede, kurzer Sinn: Künstler und Musiker, die noch wirklich etwas Eigenes und komplett Mensch- und Handgemachtes erschaffen, haben heute einen immer schwereren Stand. Sie finden kaum noch Gehör und noch seltener Platz, um sich zu präsentieren. Denn im Zweifelsfall setzen Veranstalter dann doch auf das Bewährte. Schließlich weiß man hier, was man bekommt – alles andere ist nur ein wackeliges Wagnis.
Bammental als Schutzreservat für echten Sound
Ganz anders funktioniert das auf dem seit einigen Jahren stattfindenden Biergarten Open Air im klitzekleinen Bammental bei Wiesloch. Es ist eine Art Schutzreservat für bedrohte Musiker – für solche, die noch selbst erschaffen wollen. Ihr Schutzengel hört auf den Namen Robin, ein gelernter Eventtechniker, der sich nach einem Unfall beruflich umorientieren musste und im Haus seiner Eltern kurzerhand einen eigenen Biergarten eröffnete. Da es ohnehin zu seinen großen Hobbys und Leidenschaften zählte, eigenes Bier zu brauen, lag das natürlich nahe. Quasi Erzeugung und Vertrieb Seite an Seite.
Robin ist durch und durch Optimist und strahlt eine Ruhe aus, die man nur selten findet. Er hat gelernt, sich mit Widrigkeiten zu arrangieren und sich nicht aus der Bahn werfen zu lassen, komme, was wolle. Die Eröffnung seines Biergartens fiel auf den vermutlich ungünstigsten Zeitpunkt seit Ewigkeiten: nur wenige Tage, bevor die Corona-Pandemie und die ersten Lockdowns die Gastronomie in ihren Würgegriff nahmen. Doch irgendwie hat er es durch diese Zeit geschafft – mit reichlich Schulden, mit reichlich Problemen, aber dennoch steht er immer noch aufrecht.










Vielleicht hat ihm dabei auch seine Musik geholfen, denn Robin ist selbst leidenschaftlicher Musiker. Mit seiner Band „Barrel“, an einem tristen Abend spontan benannt nach einer Spülmaschine für Bierfässer, spielt er Grungecore – einen ungestümen Mix aus Rock, Grunge, Punk und Metal. Beim Bier und bei der Musik kennt er keine Kompromisse: Nur Selbstgemachtes und Selbstgebrautes ist das Wahre. „Als Eventtechniker kannst du eh keine Coverbands mehr hören. Und deswegen habe ich gesagt, okay, wenn man ein eigenes Festival macht, dann nur Bands, die eigene Mucke machen. Und das ist richtig und wichtig, und das muss gefördert werden, weil es immer weniger Locations gibt, die das anbieten.“
Pragmatismus statt Traumtänzerei
So wurde das Biergarten Open Air geboren und bringt seither Jahr für Jahr an zwei Tagen im Sommer über ein Dutzend Bands zusammen, die eines gemeinsam haben: selbst gemachte Musik. Das ist trotz der noblen Idee keineswegs ein Selbstläufer. Es gab durchaus schon Jahre, in denen Robin am Ende mit einer dicken roten Zahl aus diesem Wochenende hervorgegangen ist. Doch wie es nun mal seine Art ist, lässt er sich davon nicht aus der Fassung bringen. Improvisieren, Mund abwischen, weitermachen. Das ist keine Traumtänzerei, das ist ehrbarer Pragmatismus in Reinkultur. Schließlich läuft die Combo aus Festival und Biergarten bereits seit vier beziehungsweise sechs Jahren.

Damit das klappt, hat er reichlich Freunde, enge Vertraute und Familie um sich herum, die ihn unterstützen. Ohne ehrenamtliche Helfer wäre das Open Air ohnehin nicht zu stemmen. Hier geht es nicht um Geld, hier geht es um Musik – und zwar um Musik, wie sie sein sollte: echt, unverfälscht und von Menschen erdacht und gemacht.
Das hat sich längst herumgesprochen. Aus ganz Deutschland erreichen Robin nonstop Anfragen von Bands, die ein Teil dieser Idee sein wollen. Doch zwischenzeitlich sind die Bewerbungen zu zahlreich geworden: Von rund 2.000 E-Mails pro Jahr spricht Robin und hat sich deswegen zu einem digitalen Cut entschieden. Kein E-Mail-Booking mehr. Wer bei ihm in Bammental spielen möchte, der muss sich etwas einfallen lassen. Was? Das konkretisiert er nicht. Es gilt, ihn auf irgendeinem anderen Kanal zu erreichen und für sich zu begeistern. Wie das Ganze aussehen kann? Keine Ahnung, aber Musiker, die es gewohnt sind, komplette eigene Songs zu schreiben, wissen schließlich, wie man Dinge dreht und bewegt – wie man Botschaften, Gefühle und Geschichten in Worte und Noten verschmilzt. Und das ist bei Robin nicht nur die halbe, sondern definitiv gleich die ganze Miete.
Vielen Dank für diesen Hinweis. Mit einem guten selbstgebrauten Bier kann man mich immer hinterm Ofen vorlocken. Und wenn dann noch gute Musik aus den Lautsprechern kommt – was will man mehr.