Charlie Dickmann, die Disco-Legende aus dem Zabergäu, ist gegangen. Er hinterlässt uns unzählige Erinnerungen, die ihn für immer unsterblich machen.
Ich mochte Charlie. Er war immer ehrlich, geradeheraus, absolut unverfälscht – ein Original durch und durch. You get what you see: Man bekommt, was man sieht. Und was ich gesehen habe, war ein echter Kerl, der sein Ding und seine Leidenschaft mit einer derart akkuraten Geradlinigkeit durchgezogen hat, dass ich einfach nicht anders kann, als meinen Hut vor ihm zu ziehen. Charlie hat uns die Disco in die Hügel geholt und uns diese ganz eigene, kultige Form des Tanzlokals nähergebracht wie kaum ein Zweiter.
Um zu verstehen, was das in unserer damals wie heute ländlichen Gegend bedeutet hat, muss man zurückreisen in eine Zeit, die lange hinter uns liegt. Damals, als es uns noch nicht in die großen Städte gezogen hat und keine Stadtbahn im 20-Minuten-Takt nach Karlsruhe oder Heilbronn gefahren ist, haben wir unsere Abende – nein, unsere Nächte – zu Hause verbracht. Nicht in den eigenen vier Wänden, aber an Orten, die dem Begriff »Zuhause« bei dem einen oder anderen schon verdammt nahekamen. Tanzlokale, die ganz einfache Namen trugen wie Topsy, Malibu, Amun, Midnight, Mirage, Bounty oder Sternen. Sie waren nichts anderes als unsere gemütliche Variante großstädtischer Paradiesvögel wie dem Studio 54, dem Les Bains Douches oder dem Roxy.

Ohne es allzu sehr zu romantisieren: Das waren durch die Bank dunkle Räucherhöhlen mit Discokugel, schweren Polsterhockern und Tresen aus Holzfurnier, in denen Musik gespielt wurde, die vor allem eines war: laut und tanzbar. Dazu tranken wir Batida Kirsch, Asbach Cola, Grüne Wiese und Schneegestöber oder kippten Herrengedecke. Die Jungs schüttelten auf der Tanzfläche Vokuhila und Matte, während die Ladys mit ihrer Föhnwelle à la Farrah Fawcett zu Donna Summer und Chic die zigarettenrauchgeschwängerte Luft durchwirbelten.
Eine dieser Diskotheken, mitten in den Hügeln im kleinen Zaberfeld, öffnete in den 70ern unter dem Namen »Skippie Club«. Der blonde Kopf hinter dieser Neueröffnung war später Charlie Dickmann, der schon zuvor reichlich Erfahrung in ähnlichen Lokalitäten gesammelt hatte – beispielsweise im Flippers Club in Gondelsheim, nur einen Katzensprung neben seiner letzten Wahlheimat Bretten. Ob er damals gewusst hatte, dass er nahezu sein gesamtes Leben der Disco widmen würde?
Als ich ihn bei der Eröffnung des Eppinger E2 – als Hommage und Wiederbelebung des kultigen, lange zuvor geschlossenen E1 – vor rund 11 Jahren dazu befragt habe, sagte er einfach nur: »Ich mach das jetzt schon 40 Jahre.«
40 Jahre, und trotzdem wollte er es noch einmal wissen. Das E2 war eine Herzensangelegenheit für ihn, die Renaissance einer Legende aus Eppingen und der Versuch, an alte Zeiten anzuknüpfen. »Jedes Projekt ist eine neue Herausforderung. Aber mit Sicherheit wird es meinerseits das letzte werden«, sagte er damals. Es tut mir heute noch im Herzen weh, dass das E2 nicht in die großen Fußstapfen des Vorgängers treten konnte.

Nach dem üblichen Andrang zum Start lief die jüngste Inkarnation der großen Eppinger Discotage zunächst gut, dann schleppend und schließlich gar nicht mehr. Auch Appelle an das Publikum inklusive Crowdfunding-Kampagne brachten nicht die erhoffte Wende: Nach nur eineinhalb Jahren schloss das E2 schließlich wieder.



Die Disco hat Charlie nie wirklich losgelassen. In einer eigenen Facebook-Gruppe tauschte er sich noch Jahre später mit ehemaligen Gästen des Skippie Club über die goldenen Tage aus. Die Kommentare, die man generell unter Artikeln über jene Zeit, die Disco und seine Person liest, strotzen nur so vor schönen Erinnerungen, schrägen Anekdoten und wertschätzenden Worten über Charlie Dickmann.
Auf Instagram schrieben die Betreiber des aus dem Club hervorgegangenen Labbaduddl Discostadl: »Charlie gehörte über die Jahre einfach fest zum Labbaduddl-Team und zur Familie dazu. Wir haben ihm unvergessliche Nächte, klare Worte und viele gemeinsame Geschichten zu verdanken. Die Lücke, die er hinterlässt, ist riesig.«
Anfang des Monats starb Charlie im Alter von 71 Jahren nach einer langen und zehrenden Krankheit. Er wird nur 12 km Luftlinie von jenem Ort entfernt beigesetzt, an dem er seine schönsten Momente verbracht und die schönsten Erinnerungen gesammelt hat.
Der Kraichgau verliert ein echtes Original. Einen Macher, einen Weggefährten, einen Typen, mit dem man nächtelang bei einem Bier über diesen wilden Ritt philosophieren konnte – eine Zeit, die nur versteht, wer selbst ein Kind der Dorf-Disco war.
Mach’s gut, Charlie. Du bleibst unvergessen.
Whether you’re a brother or whether you’re a mother
You’re stayin‘ alive, stayin‘ alive
Feel the city breakin‘ and everybody shakin‘
And we’re stayin‘ alive, stayin‘ alive
– Bee Gees, 1977
Das E1 war legendär. Ich denke, daß es auch Kult war. Es ist ein sehr typischer hügelhelden Artikel. Das meine ich ganz ehrlich. KEIN Süßholz geraspel. Der gute Mensch ist mir nicht begenet.
Ich erinnere mich an Zeiten als wir LP’s hatten die wir am Abend durch gespielt haben. UNd einer der guten Zeitgenossen hat ein wenig Gras geraucht.