Noch nie habe er sich so viele Sorgen um unsere Demokratie gemacht, sagt Lehrer und Politiker Gerd Rinck und wirbt daher bei den Jugendlichen für mehr Verständnis für diese einzig wahre Gesellschaftsform.
Es gibt dieses Bild in unserem Familienalbum, aufgenommen vor rund 80 Jahren. Es zeigt meine jungen Großeltern, die mit einem Kinderwagen vor der Kulisse von Schloss Bruchsal spazieren gehen. Ein Motiv, das jeder von uns kennt; es gibt vermutlich keinen Bruchsaler, der sich nicht schon einmal vor den prunkvollen Mauern abgelichtet hat. Doch auf diesem Foto sind besagte Mauern keineswegs prunkvoll, sondern mit Asche und Ruß überzogen, die Fensterhöhlen schwarz und leer. Das Dach ist eingestürzt, das ganze Gebäude nahezu vollständig zerstört, nur noch ein einziger düsterer Schatten seiner selbst.

Dieses eindrückliche Bild markiert anschaulich das Ende jener Ära, in der unser Land sich von demokratischen Werten abgewandt und sich dem Rausch von Macht, Ausgrenzung, Gewalt und Hass hingegeben hat. Mit der Bombardierung Bruchsals gegen Ende des Zweiten Weltkrieges ging hier diese lange schwarze Nacht tragisch und blutig zu Ende.
Wenn Schlossmauern Geschichte erzählen
Heute, 81 Jahre, 4 Monate und 21 Tage später, glänzt Schloss Bruchsal wieder in seiner ganzen Pracht. Doch der Geist, der durch die alten Mauern weht, ist längst nicht mehr derselbe wie damals. Heute steht dieses Schloss allen Menschen offen, es gibt kaum verschlossene Türen. Es ist ein Ort, der unendlich viele Geschichten zu erzählen hat. Die wichtigste Geschichte von allen ist aber diese: Ungezügelte Macht, Ausbeutung und Unterdrückung können überwunden werden, wenn wir nur zusammenhalten und standhaft bleiben.
Genau das ist der Grund, weshalb sich der langjährige Lehrer und Kommunalpolitiker Gerd Rinck dazu entschieden hat, das Schloss zu einer Station seines Projekts „Demokratie leben, Demokratie erleben“ zu machen. Ein Projekt, das er auch Jahre nach seiner Pensionierung mit so viel Leidenschaft und Herzblut vorantreibt, dass man beides in seiner Gegenwart regelrecht greifen und spüren kann.
„Wir wollen den Schülern vermitteln, dass Demokratie etwas einzigartig Gutes ist, das wertvoll ist, dass Demokratie aber nicht selbstverständlich ist, dass Demokratie erkämpft werden musste, dass Demokratien kaputtgehen können, zerstört werden können und dass man Demokratien tagtäglich pflegen und hegen und dafür werben muss.“
Gerd Rinck, Lehrbeauftragter für kommunale Demokratie und regionale Geschichte an der Handelslehranstalt Bruchsal.
Demokratie ist keine unumstößliche Tatsache
Für die meisten Menschen in Deutschland – im Grunde eigentlich alle, die nach Kriegsende geboren wurden – ist Demokratie zu etwas absolut Selbstverständlichem geworden. Keiner hinterfragt diese Gesellschaftsform, denn sie umgibt uns wie ein natürlicher Kokon, seit wir auf der Welt sind. Aber wir müssen uns nur umsehen, nur den Blick in Nachbarländer wagen, um festzustellen, dass Demokratie keineswegs eine unumstößliche Tatsache darstellt.



Demokratische Regierungen stehen unter Druck, rechtsextreme Kräfte erleben Höhenflüge, große Demokratien verwandeln sich zusehends vor unseren Augen in Autokratien und sogar ein Krieg auf europäischem Boden tobt mittlerweile im fünften Jahr. Auch unsere eigene demokratische Grundstruktur ist vielen Angriffen ausgesetzt und wird in letzter Zeit immer größer werdenden Zerreißproben unterzogen.
„Ich habe mir noch nie so viele Sorgen um unsere Demokratie gemacht, nach über 40 Jahren aktiver Lehrertätigkeit und Politik wie zurzeit“, sagt Gerd Rinck.
Gerd Rinck, Lehrbeauftragter für kommunale Demokratie und regionale Geschichte an der Handelslehranstalt Bruchsal.
Wer auch nur sporadisch das politische Geschehen in diesem Land verfolgt, kann ihm nur recht geben.
Architektur der Unterwerfung
Das Schloss mag auf den ersten Blick nicht als geeigneter Ort durchgehen, um demokratische Werte aufzuzeigen … doch nur auf den ersten Blick. Denn das Schloss selbst ist im Grunde eine einzige große Täuschung: gebaut, um ein Ziel zu erreichen, gebaut, um zu manipulieren, gebaut, um die Macht Weniger zu bündeln, zu erhalten und gegenüber den Vielen durchzusetzen.
Das wissen auch die beiden erfahrenen Schlossführerinnen Kira Kokoska und Annika Sanfilipo. Sie zeigen den Schülerinnen und Schülern von Gerd Rinck – denen sich Abordnungen aus vielen anderen großen Bruchsaler Schulen angeschlossen haben, darunter die Käthe-Kollwitz-Schule, die Balthasar-Neumann-Schule, das St. Paulus Heim und natürlich die Handelslehranstalt –, wie raffiniert die einstigen Schlossherren ihre eigene Größe inszenierten und den Besuchern die eigene Unzulänglichkeit vor Augen führten.

Das beginnt bereits bei der Architektur und der Gestaltung der Räumlichkeiten, die mit so viel Größe und Prunk jeden Besucher zum kleinen Bittsteller degradierten. Strikte Abläufe, Bevorzugung und Abstrafung, Gesten der Demut und der Unterwerfung: Es galt, die Macht in jedem Aspekt und kompromisslos zu demonstrieren, führen die beiden bei ihrer rund einstündigen Führung aus. Besagte Macht ging lange Zeit auf Schloss Bruchsal von der Person des Fürstbischofs aus. Dieser vereinte zwei vollkommen unterschiedliche Machtbereiche in einer einzigen Person: Er war gleichzeitig geistliches Oberhaupt und weltlicher Herrscher eines eigenen Territoriums.
Vom Ort der Herrschaft zum Raum für alle
Auch die Nationalsozialisten bedienten sich lange Zeit später an diesen alten Symbolen der Macht, inszenierten das Schloss und dessen neue Führung eisern und unbarmherzig. Heute ist von dieser Härte an diesem historischen Ort nichts mehr zu spüren. An heißen Tagen kühlen sich die Bruchsaler im Schlossgarten ab, man heiratet in den lichtdurchfluteten Sälen, feiert und freut sich, kommt in der Adventszeit zum gemeinsamen Adventsmarkt zusammen. Das Schloss ist heute ein Ort, der für demokratische Teilhabe steht. Es steht für Gemeinsamkeit, für gemeinsame Werte und macht keine Unterschiede zwischen den Menschen, die es besuchen wollen.

Das neue, von Gerd Rinck ins Leben gerufene Format stößt hier auf offene Arme. Jane Krämer, Leiterin der Schlossverwaltung, freut sich über diese neue Form der Führung. Spricht sie doch zum einen ein jüngeres Publikum ganz konkret an und bietet zum anderen eine Perspektive auf Schloss Bruchsal, die dessen klassisches Repertoire bislang noch nicht abgedeckt hat.
Die Vermittlung demokratischer Werte ist keine sterile Pflichtaufgabe, sie ist das Lebenselixier unserer Freiheit. „Demokratie ist für mich eine Grundhaltung, eine Lebenshaltung. Nicht nur eine Frage der Institutionen“, fordert Gerd Rinck. Wer vergisst, wie kostbar und fragil dieses Gut ist, dem blickt aus der Bruchsaler Geschichte eine Fratze entgegen: die schwarzen, rußverschmierten Mauern und die toten Augen eines zerstörten Schlosses. Es ist die stumme, gewaltige Erinnerung daran, worin der Rausch von Macht und Hass unweigerlich endet. Damals wie heute trennt uns oft nur eine einzige Atempause vom Abgrund – vor weniger als einem Menschenleben war dieser Abgrund hier Realität.
Unsere Demokratie ist eine Aussage von Erich. Unsere Demokratie ist das was CDU/CSU, SPD und Grüne bestimmen. Demokratie heißt klar und deutlich der Wille des Volkes und nicht der Wille der Parteien ist maßgeblich. Das sollten sich einige Herrschaften hinter die Ohren schreiben !
In der Schweiz gibt es auch eine Demokratie mit Volksabstimmungen. Bei Stuttgart 21 heute Stuttgart 41 hat man das so formuliert, daß das Ergebnis raus gekommen ist was man wollte.