Willkommen in der Steinzeit – ein Erfahrungsbericht
Wie der einfache Umtausch eines Führerscheins zu einer gar nicht so einfachen Odyssee wird
Sie besitzen noch den klassischen Führerschein – entweder den legendären rosa Lappen oder das ehrwürdige alte Kärtchen? Dann ist Ihre Frist zum Pflicht-Upgrade auf den EU-Führerschein entweder schon leise im Hintergrund verpufft oder steht kurz davor. Und dieser Wechsel könnte theoretisch wunderbar unkompliziert sein – praktisch ist er jedoch eine kleine Expedition in die analoge Savanne der Servicewüste Deutschland.
Ein analoger Reisebericht von Tommy Gerstner
Ich gestehe es freimütig: Von dieser Umtauschpflicht habe ich schon vor Jahren gelesen. Und wie Millionen anderer dachte ich: „Ach, das mache ich irgendwann… später.“ Der Mensch neigt ja zum Verdrängen – bis das Verdrängte irgendwann fröhlich winkend wieder vor der Tür steht. In meinem Fall läuft die Frist für einen der ersten Führerscheine im Scheckkartenformat (Sommer 1999 – Vintage!) am 19. Januar aus. Ein Monat also. Eigentlich machbar. Eigentlich. Kleiner Spoiler: Vermutlich nicht.
Denn das Verfahren, das im Landkreis Karlsruhe für diesen simplen Austausch vorgesehen ist, wirkt wie ein liebevoll restauriertes Museumsstück aus einer Zeit, in der Telefone noch Wählscheiben hatten und man vor Formularen ehrfürchtig den Hut zog.
Mein erster Versuch: ein Anruf bei der Behördennummer 115 – in fröhlicher Unwissenheit. Eine freundliche junge Dame hebt sogar schnell ab. Nur leider kann sie mir nicht helfen, da ich mangels freier Leitungen in Karlsruhe offenbar versehentlich in Trier gelandet bin. Immerhin eine schöne Stadt. Ein weiterer Anruf bringt mich ins idyllische Potsdam… Also Plan B: direkt beim Landratsamt Karlsruhe anrufen.
Dort erwartet mich zunächst eine knapp zweiminütige Bandansage samt Hinweis auf die besagte Behördennummer, über die ich gerade bereits elegant nach RLP und Brandenburg gereist bin. Die Auswahlmöglichkeiten passen leider alle nicht zu meinem Anliegen, also bleibe ich in der Leitung. Nach ein paar Minuten habe ich tatsächlich eine Mitarbeiterin dran – die mich jedoch versehentlich direkt wieder aus dem Gespräch und der Leitung verabschiedet. Also nochmal: zwei Minuten Ansage, Warten, erneute Durchstellung. Dann erklärt mir eine andere Mitarbeiterin das Verfahren, das so auch in den Fünfzigern noch problemlos funktioniert hätte: Formular abholen, ausfüllen, biometrisches Foto organisieren, Kopien von Führerschein und Personalausweis erstellen, alles per Post schicken oder wieder vorbeibringen. Fortschritt? Ja! Man kann das Formular auch downloaden und selbst ausdrucken. Tusch!
Ich klicke mich also pflichtbewusst auf der Webseite des Landratsamtes zum verheißungsvollen Button „Anliegen online erledigen“. Ein kleiner Spoiler: Genau das geht hier leider überhaupt nicht. Unter „Auto und Verkehr“ stoße ich auf ein Kontaktformular, unter „Führerschein beantragen“ lande ich auf einer landesweiten Seite zum Erstantrag – als hätte ich nicht schon seit 25 Jahren einen.
Also auf zu Google. „Führerschein Umtausch Landkreis Karlsruhe.“ Der erste Treffer wirkt vielversprechend: „Umtausch in EU-Führerschein beantragen“. Klingt fantastisch. Ich klicke.
Es erscheint viel Text. Und dann endlich: „Für den Online-Antrag nutzen Sie bitte den Link auf dieser Seite” und auch “Die erforderlichen Nachweise können Sie im Rahmen des Online-Antrages hochladen.“ Ich bin entzückt. Nur führt der Link nach Eingabe des Wohnortes auf… ein PDF. Hochladen? Nichts. Digitaler Antrag? Fehlanzeige. Und auch das Portal „service-bw“ nimmt mir nach meiner Demaskierung als Karlsruher Umlandbewohner freundlich jede Illusion: „Kein Onlineantrag vorhanden.“
Ein weiteres Highlight im Text lautet: „Meistens reicht die Fahrschule, bei der Sie sich angemeldet haben, den Antrag für Sie ein.“ Meine Fahrschule? Die ich 1999 besucht habe? Ich bezweifle, dass die sich noch an mich erinnern, geschweige denn darauf warten, meinen Antrag einzureichen. Vermutlich ist dieser Satz aus dem Erstantrag für Fahranfänger kopiert worden – und auf diesem Weg versehentlich in mein Abenteuer geraten.
Das Formular selbst ist übersichtlich, aber mit kleinen Denksportaufgaben gespickt. Eine davon: „Eine Karteikartenabschrift wurde beantragt – Ja/Nein.“ Ich weiß weder, was diese Karteikartenabschrift ist, noch wo man sie beantragt, noch ob ich jemals eine haben wollte. Das biometrische Passbild muss ich ebenfalls selbst organisieren: Behördlicher Fotoautomat? Nope!, Studio oder Drogerie bitte. Kostenpunkt: rund 10 bis 20 Euro. Der Umtausch selbst: 26,50 Euro. Man hat´s ja.
Zeit für eine aufmunternde Übersicht: Sie benötigen für Ihren Führerschein-Upgrade folgende Skills und Utensilien:
• Talent für komplexe Online-Recherchen
• Hingabe für das Durchforsten widersprüchlicher Informationen
• Ein biometrisches Foto (Studio oder Drogerie)
• Ein Drucker/Scanner oder Copyshop
• Kopien Ihres alten Führerscheins und Personalausweises
• 26,50 Euro
• Zeit für Post oder persönliche Abgabe
Wenn Sie sich also fragen, warum in den Nachrichten regelmäßig berichtet wird, dass Millionen Führerscheine, die längst hätten umgetauscht sein sollen, immer noch fröhlich weiter durch die Gegend fahren – nun ja, vielleicht erklärt dieser Erfahrungsbericht zumindest einen kleinen Teil des Phänomens.
Was mich betrifft: Mein altes Kärtchen steckt weiterhin standhaft in der Brieftasche. Ich bleibe dran – aber ein wenig weniger Indiana-Jones-Feeling würde ich mir beim nächsten Schritt dann doch wünschen. Wo wir schon im Jahr 2025 leben.
Vielleicht wäre ein Hauch mehr digitale Wirklichkeit ja gar nicht so verkehrt.

Wenn Bürokraten Bürokratie abschaffen, dann erschaffen sie wahrscheinlich ein Ministerium zur Bürokratieabschaffung.
Darum erstaunen mich die Meldungen nicht, dass Bürger im Bürgerabwehrbüro dem Bürgermeister mit dem nackten Arsch ins Gesicht springen !
Sorry, vielleicht ein bisschen direkt,- aber isso.
Früher musste man auf’s Amt. Man brachte Zeit und Geduld mit und bekam am Ende was man brauchte.
Heute braucht man schon Zeit und Geduld damit man überhaupt in die Warteschleife kommt. Den Rest brauch ich ja nicht mehr zu erklären…
Ach ja, beim Doktor ist es genauso.
Das Beste ist dann noch was man benötigt, um einen LAPPEN umzuschreiben.
Eine Karteikartenabschrift des Führerscheinregisters bei der Behörde, die ihn initial ausgestellt hat…….
Tommy Gerstner hätte vielleicht einfacher mit einem Passbild und dem alten Führerschein die Führerscheinstelle seiner Kommune aufgesucht. Die ist im Rathaus, da geht das vor Ort ;-)
Ich bin mit meinem Führerschein und einem biometrischen Bild zum Bürgerbüro in Ubstadt gegangen und hatte ca vier Wochen später meinen neuen Führerschein. Es wäre sicher etwas schneller gegangen, wenn ich das Geld gleich im Rathaus hätte bezahlen können, musste jedoch auf die per Post verschickte Rechnung aus Flensburg warten.
Also ich habe noch meinen grauen Lappen von 1980. Und dabei bleibt es.
Ich würde in all den Jahrzehnten 1 x kontrolliert! In Frankreich!
Also weniger oft, wie ein Unternehmen in Deutschland vom Finanzamt.
Da wird es statistisch bis zum Ende reichen.
Bevor ich mir diesen Verwaltungsunsinn antue und bezahle, behalte ich mein Original und versaufe die Gebühren!