Noch heute wird auf der ganzen Welt große Mode aus hauchdünnen Fasern hergestellt, in deren DNA noch immer eine gute Portion Östringen steckt
Das Nylonarchiv in Östringen bekommt ein modisches Upgrade – mit Strumpfhosen, Sportmode und Stilgefühl made in Kraichgau.
Vor 85 Jahren stürmten beim „N-Day“ die Damen die amerikanischen Kaufhäuser, um ein paar brandneue Nylonstrümpfe zu ergattern. Ein Wendepunkt in der Modeindustrie, in deren Geschichte auch eine Stadt aus unserem schönen Hügelland auftaucht: Östringen. Die Stadt war Teil des Nylonbooms, hier wurden nicht zuletzt wichtige technische Errungenschaften erreicht, die noch heute die Modewelt prägen. Die hauchdünne Faser hat aus einem verschlafenen, landwirtschaftlich geprägten Dörfchen über jahrzehntelang eine florierende Stadt erwachsen lassen. Alles begann mit drei Buchstaben: ICI – Die britische Firma Imperial Chemical Industries investierte mitten im Kraichgau seinerzeit 120 Millionen Mark in den Aufbau einer Fabrik und schuf so in Östringen und für das Umland rund 1500 Arbeitsplätze.

Eine goldene Ära, an die man heute in der Stadt immer noch gerne zurückdenkt. Es ist nicht zu übersehen, dass Östringen seine industrielle Vergangenheit längst nicht vergessen hat – ganz im Gegenteil. Mit dem Nylonarchiv, liebevoll aufgebaut und kuratiert von Walter Rothermel und Christoph Wohlfarth, lebt die Geschichte des einst größten Nylonfaserwerks Europas weiter – und wird nun sogar um einen ganz besonders schicken Aspekt erweitert: Mode.
Aus der Spinnerei auf den Laufsteg
Dass aus der unter anderem in Östringen entwickelten Nylonfaser weitaus mehr entstehen kann als Teppichgarn und technische Textilien, wurde jüngst beim Jahrmarkt der Stadt eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Unter großem Applaus präsentierte das Model Eileen Lehner eine Auswahl an Kleidungsstücken aus eben jener legendären Faser, die vor Jahrzehnten mit Östringer Know-how mit- und weiterentwickelt wurde

Ob Sportkleidung, Freizeitlooks oder sogar Abendgarderobe – allesamt gefertigt aus Weiterentwicklungen des klassischen Nylons wie Lycra, dem robusten Nylon 6.6 oder der besonders nachhaltigen Sensil-Faser von Nilit. „Sanft. Robust. Umweltbewusst. Ästhetisch.“ – so fasst es Walter Rothermel – selbst lange Jahre Teil des Führungskaders der alten Nylon – zusammen: Funktion trifft auf Stil, Geschichte auf Gegenwart.
Von Strumpfhosen zu SAP
Die Geschichte des Östringer Faserwerks liest sich wie ein Wirtschaftsmärchen. In den 60ern war Östringen noch ein verschlafenes Bauerndorf, geprägt von Landwirtschaft und der Erinnerung an bessere Tabakzeiten. Dann kam ICI. Der britische Chemieriese stampfte hier ab 1963 ein Faserwerk aus dem Boden, das nicht nur Arbeitsplätze, sondern gleich einen ganzen Strukturwandel mitbrachte. Der örtliche Bademeister, der den suchend kreisenden Helikopter der Baulandentwickler bemerkte und ein paar heiße Tipps für einen möglichen Standort in petto hatte, ist nur eine von vielen Legenden und Geschichten, die sich um die Keimzelle des Östringer Wirtschaftswunders ranken.

Mit über 2.400 Beschäftigten war „die Nylon“ in jedem das wirtschaftliche Rückgrat der Stadt. Strumpfhosen, Hemden, Teppiche – alles entwickelt und gestalter mit der hauchdünnen Faser aus Östringen. Und während sich der Wohlstand in Neubaugebieten, Bildungszentren und einem neu gewonnenen Selbstbewusstsein widerspiegelte, floss auch ein wenig Nylonblut in die DNA von SAP. Kein Witz: Einige der späteren Gründer sammelten zuvor bei IBM Erfahrungen in ICI-nahen Projekten.
Rothermel’s Reich
Doch wie so oft in der Industrie: Was aufsteigt, fällt auch irgendwann – das ist das Gesetz des Lebens. Spätestens mit dem Rückzug von DuPont, dem Übergang zu Invista und der finalen Abwicklung durch Nilit war das Kapitel Nylonproduktion 2012 endgültig geschlossen. Was blieb, war Erinnerung – und ein Mann, der sie bewahren wollte.

Walter Rothermel, selbst Jahrzehnte im Werk tätig, sammelte Maschinen, Dokumente, Möbel – das Erbe einer ganzen Ära. Und er rekonstruierte es liebevoll in einer Lagerhalle nahe dem Rathaus: das Nylonarchiv. Hier riecht es nach Geschichte, nach Arbeit, nach Fortschritt. Alte Mikroskope, vergilbte Computer, sogar weiße Kittel hängen an der Wand. Ein Stück Industriegeschichte zum Anfassen, mit Seele und Herzblut konserviert.
Nylon reloaded – jetzt auch in schön
Mit der neuen geplanten Modeabteilung will sich das Archiv nun weiterentwickeln. Eileen Lehner, Yoga-Lehrerin, Personaltrainerin und verwandt mit Walter Rothermel, kehrte dafür eigens aus Rosenheim zurück in die Heimat. Sie zeigte auf dem Jahrmarkt eindrucksvoll, wie gut sich Funktion und Mode ergänzen – wenn die Faser stimmt. Ob beim Joggen, auf der Party oder im Alltag: Nylon aus Östringen kann beides – praktisch und hübsch.

Walter Rothermel bringt es auf den Punkt: Die Exponate im Archiv lassen sich nun nicht nur bewundern, sondern auch erleben. In Film, in Text, im Fühlen – und eben auch auf dem Laufsteg. Wer bislang dachte, Museum sei was für Regentage, irrt: Das Nylonarchiv ist lebendig, modern, und dank seines zukünftigen Mode-Upgrades sogar ein echter Hingucker.



Möchte nicht klugscheissen, aber es dürfte Annalen heißen, nicht Analen…
Jessas, peinlich, da hast du natürlich recht
Je nach dem, was der Schreiber zum Ausdruck bringen möchte 🤣
Ich bedanke mich für den sehr informativen Artikel. Stellt er doch eine doch eine wichtige wirtschaftliche Geschichte da. Was die Siemens für Bruchsal war, das war die Nylon für Österingen. Ob es auch Menschen gab die aus Gochsheim dort hin fuhren um zu arbeiten ist mir nicht bekannt.