„Machen ist viel geiler als wollen“

|

Stefan Martus ist seit über 20 Jahren Bürgermeister in Philippsburg, einer Stadt, die hoch geflogen, tief gestürzt und nun dabei ist, sich ganz neu zu erfinden.

Es ist irgendwie ein trostloses Bild, das die Stadt an diesem Septembernachmittag abgibt. Klar, der unangenehm kühle Sprühregen und ein Himmel zwischen schmutzigem Weiß und bleiernem Grau sind hier nicht gerade förderlich, aber auch der Rest der Szenerie versetzt nicht gerade in Hochstimmung. Der Ortskern von Philippsburg wirkt verwaist, nur wenige Menschen sind hier gerade unterwegs – zumindest nicht zu Fuß. Als Passant auf dem neu gestalteten Marktplatz fühlt man sich ein bisschen wie in einer Arena, sind doch die Scheinwerfer unzähliger parkender Autos um ihn herum durch das Gebüsch auf einen gerichtet.

Eigentlich ist er sehr schön geworden, der lang gezogene Platz mit dem Kriegerdenkmal an der Stirnseite und dem Blick auf die alte Kirche Sankt Maria dahinter. Doch drumherum gibt es nicht mehr allzu viel, das Anlass gäbe, die Innenstadt aufzusuchen: ein paar Dönerläden, einige Friseure, eine kleine Buchhandlung und die Filiale eines Discount-Kleiderhändlers. Wirklich große Magneten sucht man vergebens. In schönster Lage hat gerade eine Art Automatengeschäft eröffnet, in dem Verkaufsautomaten stumpf und massig wie Kleiderschränke ihre meist ungesunde Ware anbieten.

Ja, die Tage der lebendigen Innenstädte auf dem Land – sie scheinen lange vorbei. Als man noch die Wahl zwischen mehreren Metzgereien und Bäckereien hatte, als es kleine Lebensmittelgeschäfte, Klamottenläden, Drogerien, Schreibwaren und was weiß ich noch alles direkt im Dorfkern gab. Das ist keineswegs ein Phänomen, unter dem nur Philippsburg zu leiden hat, aber hier lässt sich der Strukturwandel besonders gut beobachten.

Zwei Säulen, ein Abschied

Jahrzehntelang gab es hier zwei große wirtschaftliche Spieler, die das Gesicht Philippsburgs nach innen und nach außen prägten: Da wäre zum einen der große Reifenhersteller Goodyear, der am Stadtrand ein riesiges Werk betrieb, zum anderen eines der letzten Atomkraftwerke im Land.

So schwer es für Außenstehende sein mag, sich hier einzufühlen – der Fall der beiden Kühltürme vor einigen Jahren traf viele Menschen in der Stadt emotionaler, als sie es vielleicht im Vorfeld vermutet hätten. Die rauchenden Schlote, die dutzende Kilometer weit zu sehen waren, prägten jahrzehntelang ein Stück weit die Identität Philippsburgs. Dabei ging es mehr um die ruhige, unaufdringliche Konstante als um irgendein Bekenntnis zur Kernkraft. Die beiden Riesen standen einfach für die Heimat und hinterließen nach ihrer Sprengung ein Loch im Herzen mancher. Kein Wunder: Viele sind mit diesem Anblick groß geworden, rund 50 Jahre lang ließ der alte Siedewasserreaktor weiße Wolken in den Philippsburger Himmel aufsteigen.

Doch nichts bleibt, wie es ist – das weiß man auch in Philippsburg. Das weiß man auch im Rathaus, wo eine andere Art Konstante seit ziemlich genau 20 Jahren das höchste Amt bekleidet.

Bürgermeister Stefan Martus kennt Philippsburg wie seine Westentasche. Er hat seine Glanzzeiten erlebt, seine schweren Tage und alles, was dazwischen liegt. 1993 begann er seine politische Laufbahn im benachbarten Oberhausen-Rheinhausen als Hauptamtsleiter, wurde 2005 zum ersten Mal zum Bürgermeister in Philippsburg gewählt – danach mehrfach im Amt bestätigt.

Wie die Stadt auch hat Stefan Martus seine persönlichen Höhepunkte erlebt und Momente, in denen viel auf dem Spiel und auf der Kippe stand. Wer ihn kennt, weiß, dass er durchaus streitbar sein kann. Man erinnere sich nur an die Verwerfungen mit der CDU rund um die Kreistagswahl 2014 oder im Disput mit der Bürgerinitiative, als es um die künftige Nutzung des ehemaligen Kasernenareals anno 2018 ging. Vorgänger, die ihm damals sichtlich zugesetzt und im Zusammenhang mit einer Operation am Herzen viel Kraft gekostet hatten.

Doch er ist immer noch da, wurde auch danach weitergewählt – vielleicht, weil die Philippsburger im Grunde ganz genau wissen, was sie an ihm haben. Denn eines steht fest: Stefan Martus hat für seine Stadt immer nur das Beste im Sinn, und das nicht nur im abstrakten Sinne oder als Bekenntnis in einem Poesiealbum. Er arbeitet konkret an einer Art Philippsburg 2.0, an einem neuen Gesicht für die Stadt.

Nach all den Jahren, in denen Philippsburg für das konservative und atomare Zeitalter stand, soll die Stadt künftig Gesicht und Aushängeschild der Energiewende werden, ein Symbol der Transformation hin zur Moderne.

Energiewende als Chance

Das ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Tatsächlich ist der Energiesektor in und um Philippsburg eine Boom-Branche. Mit einem der zentralen Knotenpunkte des deutschen Netzausbaus steht in Philippsburg einer der wichtigsten Hochspannungskonverter Deutschlands. Als Teil des Projekts „SuedLink“ wandelt er den Strom aus Windkraftanlagen im Norden in Gleichstrom um und transportiert ihn mit geringeren Verlusten in den Süden. Damit wird der Konverter zu einem Schlüsselelement für die Stabilität des Stromnetzes und die erfolgreiche Integration der erneuerbaren Energien in die deutsche Energieversorgung.

Zudem freut sich Stefan Martus über die Ansiedlung mehrerer großer Spieler aus der Solarbranche auf den seit dem Goodyear-Abgang massig zur Verfügung stehenden Gewerbearealen der Stadt. Jüngste Branchenberichte krähen bereits das nächste Großprojekt von den Dächern: Die EnBW plant auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks eines der größten Speicherprojekte Deutschlands – eine Batteriekapazität von rund 800 MWh als einer der dringend nötigen Stabilisatoren für den Ausbau erneuerbarer Energien im Land.

Das wird für eine hochwillkommene Entspannung der Gemeindekassen sorgen, die seit dem Wegbruch von Kraftwerk und Großgewerbe schmerzhafte Einschnitte erdulden musste. Mehr Steuereinnahmen, aber nicht zwangsläufig mehr Arbeitsplätze: Der Konverter beispielsweise wird im Grunde vollständig automatisiert arbeiten. Ähnliche Beschäftigtenzahlen wie in den goldenen Jahren des Kraftwerks wird es in diesem Sektor nicht mehr geben.

Die Stadt wird sich also dennoch verändern. Ein „Alles wie früher“ steht auch mit der Neuausrichtung als Energiewende-Standort nicht zu erwarten. Bei Familien ist Philippsburg dennoch beliebt: Die Stadt kommt kaum mit dem Ausbau von Kitaplätzen nach, die Neubaugebiete boomen, und sogar das Sanierungsprogramm des Dorfkerns trägt erste, wenn auch überschaubare Früchte.

Große Pläne, offene Fragen

Stefan Martus hält sich nicht mit Flickwerk oder Symptombekämpfung auf. Für ihn muss es im Großen knallen, damit es im Kleinen flutscht. Auch nach 20 Jahren im Amt hat er Visionen, die sich beim Zuhören wie eine Utopie anhören, beim genauen Nachdenken aber alles andere als abwegig klingen. So arbeitet der aktive Netzwerker Martus bereits daran, Spieler und Akteure miteinander an einen Tisch zu bringen, die sich XXL-Themen widmen – wie der großformatigen Generierung von Wasserstoff oder Philippsburg als Standort für eine Art deutsches Silicon Valley im KI-Bereich.

Dabei mag man im ersten Moment die Augenbrauen hochziehen. Doch wenn man sich bewusst macht, welche enormenMengen an Energie Rechenzentren für die Bereitstellung von künstlicher Intelligenz benötigen, wird schnell die strategische Schnittmenge mit den in Philippsburg gehandelten Energiemengen klar. Substanzlose Träumereien sind das jedenfalls nicht.

Ob es so kommen wird, steht freilich noch in den Sternen – und ob Stefan Martus im Falle einer solchen Zukunft noch immer die Fäden im Rathaus in der Hand halten wird. In drei Jahren wird das nächste Mal in Philippsburg gewählt. Und auch wenn er sich durchaus noch eine weitere Amtszeit vorstellen könnte, wird darüber der Familienrat an Weihnachten vor dem Wahljahr entscheiden. Rund 60 Jahre wird er dann alt sein – nicht zu alt, aber auch nicht mehr jung, eine Phase, die viele Amtskollegen bewusst nutzen, um einen Generationenwechsel in der Stadt zu ermöglichen.

Andererseits ist Stefan Martus alles andere als amtsmüde, und an Ideen und Visionen mangelt es ihm ganz offenkundig nicht. „Mit 100 will ich noch arbeiten können, aber nicht mehr müssen“, sagt er – und vergisst dabei das „wollen“. Denn Stefan Martus will arbeiten, will in diesem Sessel im ersten Stock des Rathauses sitzen und die Geschicke seiner Stadt gestalten. Der von vielen ersehnte Ruhestand scheint ihm sichtbares Unbehagen zu bereiten: „In der Schrebergartenhütte Rasen mähen? Nee, definitiv nicht“, lacht er und wendet sich wieder seiner Arbeit zu – obwohl es spät ist, draußen bereits dunkel und das Rathaus menschenleer.

Und allein das zeigt, wie ernst es ihm damit ist. Draußen hat die Nacht die Stadt übernommen, doch im ersten Stock des Rathauses brennt noch Licht. Stefan Martus arbeitet. Weil er weiß: Visionen sind wie Strom – sie nützen nichts, solange sie nicht fließen. Oder wie Stefan Martus es sagt: „Machen ist viel geiler als wollen“

4 Kommentare zu „„Machen ist viel geiler als wollen““

  1. Man sollte nicht glauben, dass in Philippsburg jahrzehntelang ein AKW stand, mit dem Milliarden gescheffelt wurden.
    Wo sind die denn hin?🤔

  2. „Philippsburg
    als Standort für eine Art deutsches Silicon Valley
    im KI-Bereich“

    Was ist das für ein Geschwurbel ?
    Falls es nicht Geschwurbel ist, kann man näheres darüber erfahren ?

  3. Wenn man schon so einen Bullshit aufgezwungen bekommt wie,
    erstklassige Produktionsanlagen (el. Energie) ohne Not stillzulegen und eigenhändig in die Luft zu jagen,
    ist die Idee – Flucht nach Vorne in die neue Energie-Welt mit 100% Einsatz, nicht die schlechteste.
    Meine (moralische) Unterstützung hat er bzw. die Stadt für alle genannten Projekte.
    Gaskraftwerk (evt.) auf dem KKW-Gelände, und Geothermie-Kraftwerk auf dem Gebiet eines ehemaliges Kerosinlagers, wurde im Artikel nicht erwähnt.

Die Kommentare sind geschlossen.