Im kleinen Laden von Martina und Sabine ist Bargeld wertlos. Hier tauscht man stattdessen Waren, Können und Wertschätzung.
Tauschen – ein Vorgang, so faszinierend wie einfach. Ganz ehrlich: Haben wir doch alle gemacht, in der Grundschule bei uns damals waren zum Beispiel die Stickeralben sehr beliebt. Etwas von dir für etwas von mir, so einfach war das. Scheint auch heute noch ein Renner zu sein, wenn man sich ansieht, wie rund um die Fußballweltmeisterschaft das Tauschen von Sammelkarten und Fußballaufklebern plötzlich wieder en vogue ist.
Wobei der Teufel beim Tauschen immer im Detail steckt. Denn die große Schwierigkeit ist herauszufinden, was ungefähr den gleichen Wert hat oder einbringt. Bei den Stickeralben waren zum Beispiel diese textilen Stoffsticker mehr wert als ein ganz normaler Hochglanzsticker, irgendwo dazwischen rangierten noch Specials wie die Metallic-Sticker. Das brachte immer reichlich Diskussionen mit sich und natürlich Feilschen, bis der Arzt kommt.

Es wundert daher nicht, dass die Menschheit schon sehr früh nach Alternativen zum Tauschhandel gesucht hat. Erste Formen von Währung gab es bereits tausende Jahre vor Christi Geburt; man darf davon ausgehen, es war schon immer ein Thema, das der Menschheit unter den Nägeln brennt. Ein universelles Tauschmittel war dennoch die Variante, die sich sehr schnell durchgesetzt hat, noch heute gehört Währung zu den großen Errungenschaften der Zivilisation.
Ist Tauschen deswegen überholt oder schlichtweg nicht praktikabel? Nein, das kann man so nicht sagen. Tauschen hat durchaus seine Vorteile, allem vorweg einen ganz direkten Nutzen ohne Umwege: Waren, die man ohnehin besitzt, werden direkt gegen das eingetauscht, was man akut braucht. Und fast noch wichtiger: Tauschen stärkt das Gefühl von Gemeinschaft und ist ein bewusster Akt der Nachhaltigkeit. Gestärkte soziale Bindungen, die Schonung von Ressourcen, ein gewahrter, natürlicher Kreislauf – das sind alles sehr starke Argumente für das Tauschen.

In Martinas und Sabines kleinem Laden mit dem schönen Namen „Tauschwandel“ steht das Tauschen daher über allem. Ein komplett bargeldfreies System, in dem die Währung nicht aus Münzen und Scheinen, sondern aus gebrauchten Waren, selbst gebastelten Unikaten oder auch echten Dienstleistungen von Mensch zu Mensch besteht. Nicht zu verwechseln ist das Ganze mit einem Secondhandladen; das System dahinter ist etwas komplexer, verdient es aber, einmal genauer beleuchtet zu werden.
Die zugrunde liegende Idee stammt aus Hamburg, genauer vom dort gegründeten Tauschnetzwerk „sharetopia“, auf das die beiden Kronauer Freundinnen Martina und Sabine im Internet aufmerksam geworden sind. Grob zusammengefasst geht es dabei um das Tauschen im Netzwerk, eingebunden in ein Vereinskonzept für solidarische Ökonomie und lokalen Klimaschutz. Über die Online-Plattform oder auch echte Tauschläden wie den „Tauschwandel“ können Mitglieder Waren und nachbarschaftliche Dienstleistungen komplett geldfrei miteinander teilen.
Wobei auch das sharetopia-System das Konzept mit einem universellen Tauschmedium kombiniert hat, um quasi das Beste beider Welten zusammenzubringen. Als Verrechnungseinheit dient die eigene, nicht in Euro umrechenbare Währung „fairSharies“.




„Bei uns kann wirklich jeder vorbeikommen. Man braucht keinen Berechtigungsschein oder einen offiziellen Nachweis, um hier mitzumachen und Geld zu sparen“, schwärmt Martina. Sabine ergänzt: „Es ist ein befreiendes Gefühl. Viele Menschen merken, wie toll es ist, zu Hause im Keller endlich wieder Platz zu schaffen und gleichzeitig hier echte Lieblingsstücke zu finden, die man nirgendwo kaufen kann.“
Die beiden Freundinnen, die sich damals ursprünglich während ihrer Ausbildung in Philippsburg kennenlernten, stehen zu 100 % zu dieser Idee, zu dieser Grundhaltung, die dahintersteht. Ein soziales Miteinander, nachhaltiges Handeln, ohne Kommerz oder Gewinnmaximierung. Sie sind derart davon überzeugt, dass sie aktuell noch aus eigener Tasche zuschießen müssen, denn schließlich hat auch ihr „Tauschwandel“ seine laufenden Kosten, allem voran die Miete für den Laden.
Die größte Hürde für alle, die dabei sein wollen, liegt am Anfang am ehesten noch im Verstehen des Systems. Doch so kompliziert ist das Ganze nicht. Bevor es an das Tauschen geht, sollte man sich für eine Mitgliedschaft entscheiden: Nach einer 30-tägigen kostenlosen Testphase basiert diese auf einem flexiblen Prinzip: Entweder man unterstützt den Tauschladen durch wöchentliche Mithilfe komplett kostenfrei, oder man zahlt einen monatlichen Förderbeitrag von 11 € oder 13 €, je nachdem, ob oder wie viel eigene Arbeitszeit man einbringen möchte. Das eigentliche Tauschen von Waren und Dienstleistungen im Laden läuft danach über die eigene Punktewährung völlig geldfrei ab.

Darüber hinaus benötigt man ein Smartphone oder einen Computer mit Online-Zugang, denn die zugrunde liegende Plattform ist digital. Sagen wir, Sie haben zu Hause ein paar gut erhaltene und schöne Kinderkleider, die Sie gerne tauschen möchten. Dann fotografieren Sie diese einfach, stellen eine kurze Beschreibung ein und legen den Wert der Kleidung in „fairSharies“ fest. Fertig! Wenn jetzt ein anderes Mitglied etwas von diesen Kinderkleidern tauschen möchte, bekommen Sie einfach die „fairSharies“ auf Ihrem Konto gutgeschrieben. Damit können Sie dann wiederum selber tauschen, zum Beispiel andere Kleidung, etwas Gebasteltes oder aber auch eine Dienstleistung, wenn Sie vielleicht Hilfe beim Rasenmähen oder beim Streichen brauchen. Hat man das System einmal verinnerlicht, ist es gar nicht so kompliziert und recht intuitiv aufgebaut.
Zudem unterstützt man damit echte Nachhaltigkeit, kann direkt online sehen, wie viel CO2 man beispielsweise durch das eigene Handeln eingespart hat. Denn alles, was Sie tauschen oder eintauschen, muss nicht extra produziert werden, bleibt im Kreislauf, dort wo es hingehört.
Doch so einfach das System auch sein mag, es ist am Anfang dennoch erklärungsbedürftig und funktioniert eben nicht wie ein stinknormaler Laden, in dem es Ware gegen Bares gibt. Zumal ein System aus einer Millionenstadt nur mit viel Ehrgeiz und Hingabe in einer kleinen Gemeinde wie Kronau etabliert werden kann. Der Anfang ist deshalb zweifelsohne nicht leicht für die beiden Freundinnen Martina und Sabine, es gilt dicke Bretter zu bohren. „Der Start auf dem Dorf ist verdammt schwer, selbst wenn man Werbung macht. Aber das Projekt zieht Kreise: Mittlerweile nehmen sich Familien aus Karlsruhe oder Heidelberg den ganzen Samstag Zeit, kommen zu uns und sagen einfach nur: ‚Wie geil ist das denn? Das gibt es bei uns gar nicht!‘“, sagt Martina.

Bekanntheit ist daher das A & O, denn schließlich soll der kleine Laden in Zukunft zwar nicht für Reichtümer sorgen – das sieht das Konzept des vereinsbasierten Tauschwesens auch gar nicht vor –, aber zumindest soll nicht dauerhaft privates Geld fließen, um all das über Wasser zu halten. Das weiß auch Sabine und plant längst für die Zukunft: „Unser Ziel ist es nicht, dauerhaft draufzuzahlen. Wir hoffen, dass durch den größeren Laden und mehr Mitglieder irgendwann so viel hängenbleibt, dass die Kosten gedeckt sind und für uns zwei zumindest ein kleiner Minijob dabei herausspringt.“
Dieser größere Laden ist nicht nur eine fixe Idee, sondern bereits in Kürze Realität. Bald wollen die beiden Frauen mit Sack und Pack ins benachbarte Mingolsheim umziehen, genauer in die Rochusstraße 48, wo derzeit noch die „KraichgauPerle“ beheimatet ist. Die Ladenfläche wird sich dadurch spürbar vergrößern, aber natürlich auch die laufenden Kosten. Dennoch, die beiden Freundinnen sind felsenfest überzeugt von ihrem „Tauschwandel“ und der Idee von sharetopia. „Das ist ein Kurort mit viel mehr Einwohnern, wo wir ein ganz anderes Standing haben. Da haben wir endlich den Platz, den wir brauchen, damit die Sachen richtig zur Geltung kommen und wir auch Platz für die Kinder und für gemütliche Runden am Kaffeetisch haben“, begründet Sabine den anstehenden Tapetenwechsel.
🔄 Auf einen Blick: So funktioniert der Tauschwandel
Auch Martina kennt nur eine Perspektive: Unbeirrt und frohen Mutes immer geradeaus. „Ich habe damals schon am Telefon zu Sabine gesagt: Ich finde das Konzept so mega, dass ich später auch bereit wäre, als Support für andere Tauschläden zu arbeiten. Wenn wir das hier im Dorf erst einmal komplett durchgezogen haben, können wir mit unserer Erfahrung auch anderen Gründern beim Start helfen.“
Wer Lust hat, das Ganze einmal kennenzulernen, auch die Köpfe, die dahinterstehen, wer Lust hat, etwas zu tauschen, sich zu engagieren und echte Nachhaltigkeit zu leben, der kann jederzeit gerne bei Martina und Sabine vorbeischauen. Einfach so im Laden zu den Öffnungszeiten, bei einem der regelmäßigen Workshops oder vielleicht sogar bei der großen Kinderkleider-Tauschbörse, die noch im Juli in Kooperation mit den Grünen stattfinden soll. Alle Infos dazu gibt es online auf ihrer Webseite https://www.tauschwandel.de/events-neuigkeiten/
Danke für diesen typischen Hügelheldenartikel, der besondere Menschen vorstellt Das ist meine persönliche Sichtweise der Dinge und keine Lobhudelei. Und DANKE, daß man noch ALLES Lesen kann OHNE, daß etwas hinter einer Bezahlschranke steckt !!
Ganz herzlichen Dank für die lieben Worte