Stetig und in besorgniserregendem Tempo schreitet der gesellschaftliche Werteverfall voran. Jedes Jahr steigt die Zahl der Polizistinnen und Polizisten, die im Dienst angegriffen werden. Dennoch entscheiden sich nach wie vor viele junge Menschen, diesen ehrenvollen Beruf auszuüben. Was treibt sie an?
von Stephan Gilliar
Da stehen sie, ganz in Blau gekleidet, mit jungen, aufgeschlossenen und erwartungsvollen Gesichtern. 42 frischgebackene Polizistinnen und Polizisten blicken dem vor ihnen liegenden Festakt entgegen – ihrer Verabschiedung von der Hochschule für Polizei am Institutsbereich Ausbildungen in Bruchsal. Die letzten Monate haben sie hier gemeinsam gelernt, trainiert und geschuftet, doch ab sofort trennen sich ihre Wege. Die Polizei bietet viele verschiedene Laufbahnen an, und diese erste Weggabelung wird vermutlich keiner von ihnen je vergessen.

Jetzt wird es ernst: Vor ihnen liegt der echte Polizeialltag voller Herausforderungen, unvorhersehbarer Situationen und auch gefährlicher Momente. Zwei Wahrheiten müssen sie sich dabei bewusst machen: Noch nie war der Job so wichtig, noch nie war er so gefährlich. Das Thema „Innere Sicherheit“ bestimmt nicht nur den derzeit laufenden Endspurt vor der Bundestagswahl, sondern auch längst eine breite gesellschaftliche Debatte, die auch vor den 42 Absolventen in Bruchsal nicht haltmacht. Sie werden in ihrer Arbeit immer wieder mit dem offenkundig rauer werdenden gesellschaftlichen Klima konfrontiert sein, mit einer immer größer werdenden Zahl an Menschen, die weder ihnen noch ihrem Beruf ausreichend Respekt entgegenbringen.

Die Zahlen sprechen hier leider eine klare Sprache: 2023 wurden 5.932 Fälle von Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten registriert, ein Anstieg von 57,5 Prozent innerhalb der vergangenen zehn Jahre. Die Anzahl der verletzten Beamten stieg im gleichen Zeitraum um 68,3 Prozent. „Das besorgt mich sehr, dass wir seit Jahren zunehmend Aggression und Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte haben“, bestätigt auch Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl im Redaktionsgespräch diesen fatalen Trend, der leider auch vor den anderen Mitgliedern der Blaulichtfamilie nicht haltmacht. „…Wie kann man nur auf die Idee kommen, Steine gegen einen Rettungswagen zu werfen?“, fragt sich der stellvertretende Ministerpräsident und schüttelt den Kopf. Er ist fast jedes Mal in Bruchsal zu Gast, wenn es Zeit ist, eine neue Abschlussklasse zu verabschieden. Auch heute ist er von Stuttgart nach Bruchsal gekommen, um Teil der Zeremonie zu sein.

Etwa eine Stunde dauert die Feier mit reichlich Grußworten, Belobigungen für die Jahrgangsbesten, Musik vom Polizeiorchester und ein paar persönlichen Worten der Absolventen. Die Turnhalle der Polizeischule ist gut gefüllt; vor allem im hinteren Bereich sieht man viele kleine Kinder, die sich mit Spielen und Herumtoben die Zeit vertreiben. Für die Angehörigen ist der heutige Tag zwar ein stolzer, ein schöner, aber dennoch kein federleichter Anlass. Sie alle kennen die Bilder von Anschlägen, Unfällen, aus dem Ruder gelaufenen Demonstrationen, Übergriffen – und natürlich kennen sie auch die tragischen Höhepunkte wie die gerade laufende Gerichtsverhandlung zur Ermordung des 29-jährigen Mannheimer Polizisten Rouven Laur.
Marianne ist Mutter einer der jungen Polizistinnen, die heute in Bruchsal verabschiedet werden. Für einen Moment unterhalten wir uns vor der Tür, damit das Baby im Kinderwagen etwas Luft schnappen kann. „Marianne“ ist nicht ihr richtiger Name – wie alle anderen Namen in diesem Text wurde er geändert. Auf ihre heutige Gefühlslage angesprochen, antwortet sie nur mit einem knappen „Gemischt“. Natürlich mache sie sich Sorgen, aber sie sei auch unsäglich stolz. Schon mit 13 habe sich ihre Tochter entschlossen, Polizistin zu werden; nichts konnte sie je davon abbringen. „Ich habe darauf bestanden, dass sie mehrere Praktika in anderen Berufen macht, habe auch versucht, sie mit einem höheren Gehalt zu locken“, lacht Marianne, aber auch das habe nichts geholfen. „Mama, Geld ist nicht alles. Ich will die Welt ein Stückchen besser machen“, habe ihre Tochter gesagt – und den Stolz, den sie dabei empfindet, kann man Marianne in diesem Moment ansehen. Was jetzt kommt, ist der Umzug in die Großstadt, erzählt sie, und dabei stehlen sich doch ein paar Tränen in ihre Augenwinkel.

Ebenfalls mit einem Baby auf dem Arm hat sich Oren ins Foyer der Halle zurückgezogen, um die Zeremonie nicht zu stören. Er ist erst heute hier, um seine kleine Schwester zu beglückwünschen, die zu den Absolventen des heutigen Tages gehört. Sorgen um ihre Sicherheit macht er sich ein Stück weit; auch an ihm gehen die Geschehnisse der vergangenen Zeit nicht spurlos vorüber. „Natürlich hat man Bammel, wenn meine Schwester mal so etwas ausgesetzt ist…“, sagt er. Aber auch: „Wir haben sie trotzdem unterstützt auf ihrem Weg. Wenn sie das machen will, dann unterstützen wir sie natürlich.“

Drinnen in der Halle brandet Applaus auf – der offizielle Teil ist geschafft. Nun geht es ins Freie, in die unerwartete Wärme dieses gefühlt ersten Frühlingstages des Jahres. Das große Gruppenfoto: der Innenminister – der Name sagt es – ganz innen, um ihn herum die 42 frischgebackenen Polizistinnen und Polizisten. Fröhlich werden die Dienstmützen in den Bruchsaler Himmel geworfen, kollektiver Jubel, und dann ab zum Mittagessen in die Kantine. Es gibt Gulasch – „da bin ich dabei“, lacht Thomas Strobl, als er vom heutigen Speiseplan erfährt. Als ihr oberster Dienstherr ist er gerne unter den jungen Polizistinnen und Polizisten; die steigende Zahl der Übergriffe besorgt ihn zutiefst. „In jeder Uniform steckt ein Mensch. Unsere Polizistinnen und Polizisten haben nicht Aggression, Hass oder Gewalt verdient, sondern Respekt und Anerkennung für ihre Arbeit.“
Wenn Einsatzkräfte nicht mehr als Menschen wahrgenommen, sondern als Feindbild entmenschlicht werden, zeigt sich das in erschreckenden Szenen: Polizisten werden attackiert, Rettungskräfte mit Steinen beworfen – nicht, weil sie persönlich etwas getan haben, sondern weil sie für den Staat stehen. Auch das ist leider traurige Realität unserer Zeit. Es ist daher umso wichtiger, hinter der Uniform immer den Menschen zu sehen – oder wie es Sebastian Schwarz, Leiter der Polizeischule in Bruchsal, formuliert: „Bleiben Sie immer Mensch – nicht trotz, sondern wegen der Uniform.“

Doch wie geht es den jungen Menschen selbst, die heute in den Polizeidienst entlassen werden? Vor der Halle steht eine kleine Gruppe; man unterhält sich, freut sich über den Festakt, es wird gelacht, und hier und da hört man das Quietschen einer E-Zigarette. Sie haben es geschafft. Doch wie war eigentlich die Ausbildung? „Lang“, sagt Michael, und die anderen schmunzeln zustimmend. Gerade beim Sport sei er manchmal an seine Grenzen gekommen, erzählt er; es war nicht ganz so, wie erwartet. Trotzdem gehe er zuversichtlich in die nächste Etappe. Zuversicht strahlen sie alle aus; Zweifel an der eigenen Entscheidung verspürt hier niemand.
„Ich denke eher ins Positive“, hält Andreas fest. Für ihn ist der Job bei der Polizei etwas für Teamplayer – „Lone Wolves“ wären hier fehl am Platz. „Kollegialität wird bei der Polizei sehr hoch geschätzt, und das habe ich auch während der Ausbildung gespürt“, sagt er, und wieder nicken die anderen.
Alan hatte sich für die Ausbildung bei der Polizei entschieden, weil er hier die Möglichkeit sah, seine sportlichen Vorlieben zu fördern. Als Profi-Ringer wird er für Training oder Wettkämpfe vom Dienst freigestellt. Dass der Sport ihm im Polizeialltag nützlich sein wird, daran hat er keine Zweifel: „Als Kampfsportler hilft es definitiv, besonders bei Widerstand draußen.“

Emma wiederum hatte vor der Ausbildung als zahnmedizinische Fachangestellte gearbeitet, aber das war nicht das Richtige, erzählt sie. „Ich hätte Zahnmedizin studieren können, aber irgendwie hat es mich nicht erfüllt.“ Die Ausbildung bei der Polizei war komplex, insbesondere die vielen schriftlichen, theoretischen Anteile waren herausfordernd. „Man ist schon ein bisschen stolz, dass man die zweieinhalb Jahre so durchgebissen hat“, sagt sie und lächelt.

Ein Lächeln, das man auf all ihren Gesichtern sieht. Wie sie dort stehen, auf dem rauen Asphalt vor der Sporthalle, die frisch gebügelten blauen Uniformen tadellos sauber, die Hände routiniert hinter dem Rücken gefaltet – da kommen auch bei den alten Hasen die Erinnerungen hoch. „Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen“, erzählt Frank Faras von der Polizeihochschule in Villingen über seine Vereidigung 1993. Die Arbeit sei seither umfangreicher geworden, und auch das Risiko. „Aber über dieses Risiko ist man sich bewusst“, stellt er klar. „Es gibt keine Polizistin und keinen Polizisten, die das nicht wissen. Eine 100-prozentige Garantie, dass mir nichts passiert, gibt es nicht.“
Dennoch würde man sich wünschen, dass die gesellschaftliche Debatte über den Respekt gegenüber Einsatzkräften breiter geführt würde. Das hänge auch maßgeblich mit dem Elternhaus zusammen, weiß Hans, der als Personenschützer und Fahrer heute den Innenminister nach Bruchsal begleitet. Viele bewegten sich nur noch in ihrer eigenen Blase, ließen sich in sozialen Netzwerken radikalisieren. Am Ende fehle der Respekt vor anderen, den der erfahrene Beamte betont. Er selbst würde sich aber immer wieder für seinen Job entscheiden und zieht den Hut vor den jungen Frauen und Männern, die heute entlassen werden: „Es ist mutig, sich im Dienste der Demokratie zu engagieren.“ Und während sie in ihre neuen Dienststellen aufbrechen, bleibt die Zuversicht, dass ihr Mut, ihr Einsatz und ihr Glaube an eine bessere Gesellschaft nicht nur ihren eigenen Weg prägen, sondern auch das Miteinander in unserem Land ein Stück sicherer und menschlicher machen.“
Man kann diesen jungen Menschen daher nur alles Gute wünschen: Gesundheit, gutes Gelingen und vor allem – viel Glück. Sie werden es brauchen.

Was die Zukunft der Menschen in einer Polizei – Uniform bringen kann /wird steht in den Sternen. Ich wünsche ihnen nur, daß das Leben nicht so endet wie das von Rouven L. Für mich ist Achtung und Respekt für die Menschen, die diesen Beruf wählen.
Vielleicht sollt man einfach jeden Menschen respektieren.
Respekt darf nie nur an einer Uniform hängen!!!