Ein neuer Morgen für die alte Schule

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Geschlossen, verlassen und neu entdeckt: Endlich wieder Kinderlachen in der alten Grundschule Landshausen.

Das Leben beschreibt Kapriolen, weitläufige Kreise aus Ursache und Wirkung, deren lose Enden oftmals erst nach langer Zeit zueinanderfinden. Ein Blick in meinen alten Kalender zeigt mir: Im Falle der alten Grundschule in Landshausen haben diese losen Enden rund ein Jahrzehnt gebraucht, um sich nun endlich wieder harmonisch miteinander zu verbinden. Zwei Einträge habe ich gefunden, einmal datiert auf den 19. Februar 2016 – also vor genau einem Jahrzehnt – sowie einen weiteren am 9. Juli 2018.

Der Anfang vom Ende, die Schließung der Schule nimmt ihren Lauf. (Archivbild der Redaktion)

Ich erinnere mich an beide Termine noch gut. Bei Ersterem ging es um die Sorge der Eltern in Landshausen, die Grundschule in ihrem Dorf könnte geschlossen werden; beim zweiten Termin bewahrheiteten sich all diese Sorgen und mündeten in der Ankündigung der Schließung der alten Dorfschule nur Monate später. Zu viel Investitionsstau, aber vor allem viel zu wenig Schüler waren die Gründe, die damals zum Ende einer langen und bewegten Geschichte beitrugen. Für viele Menschen in Landshausen ein rabenschwarzer Tag, steht doch eine Schule symbolisch für das Morgen, für das Kommende, für Aufbruch und für eine Zukunft der eigenen Gemeinde.

Stille und neue Klänge

Kein Gebimmel der Schulglocke, kein fröhliches Kreischen der Kinder auf dem Schulhof, stattdessen nur Stille und Leerstand, und das über so viele Jahre hinweg. Wie eine vergessene Verheißung verblassen die alten Sandsteinbuchstaben über dem verriegelten Portikus. „Schulhaus“ ist dort zu lesen, doch eine Schule ohne Kinder … was ist das schon?

Umso schöner war es an diesem gestrigen Sonntag, ein weiteres Mal in Landshausen zu sein, ein weiteres Mal in der alten Turnhalle zu sitzen, doch statt hier Hiobsbotschaften niederzuschreiben, nun unzählige Kinder auf der Bühne stehen zu sehen, die gemeinsam singen, musizieren und diesen ganz besonderen Tag feiern. Diesen Tag, an dem Landshausen seine alte Schule zurückbekommen hat.

Ein neues Konzept unter altem Dach

Ein paar grundlegende Dinge haben sich jedoch hier geändert. Betreiber ist künftig nicht mehr die Stadt Kraichtal, auch handelt es sich bei der neuen Schule in Landshausen nicht um eine staatliche Schule. Stattdessen trägt sie künftig den Namen „Lukas-Schule Kraichtal“ mit dem möglicherweise auf den ersten Blick etwas kryptischen Zusatz: Adventistische Bekenntnisschule. Das Konzept der christlichen Schule könnte man unter dem Sammelbegriff „Ganzheitliches Lernen“ zusammenfassen. Die Lukas-Schule will eine akademische Bildung mit einer ganzheitlichen Charakterbildung und geistlichen Prägung auf Basis biblischer Werte kombinieren. „Wir legen neben einer guten Bildung großen Wert auf die charakterliche, persönliche und geistliche Entwicklung“, heißt es auf der Webseite der Bildungsmanufaktur gGmbH, Schulträger der Lukas-Schule Kraichtal und eine Art operativer Arm im Bildungswesen der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Baden-Württemberg.

Die erste Schule im Verbund der adventistischen Bekenntnisschulen in Baden-Württemberg wurde 1997 im Landkreis Karlsruhe gegründet. Dies legte den Grundstein für das heutige Schulnetzwerk der Einrichtung. In der Region kein unbekannter Name, war die Lukas-Schule, ursprünglich in Bruchsal gegründet, viele Jahre lang in Zeutern zu Hause und hat nun ihren dritten Hafen in Kraichtal gefunden.

Theorie trifft Praxis

„Die Lukas-Schule ist anwendungsorientiert, handlungsorientiert. Also das heißt, wir haben einen starken Fokus, nicht nur theoretisches Wissen aufzubauen, wobei wir natürlich dem Lehrplan des Landes Baden-Württemberg folgen“, erläutert der Geschäftsführer der Bildungsmanufaktur, Markus Witte, gegenüber hügelhelden.de. „Das heißt, die Schule ist durchlässig, auch zu anderen öffentlichen oder privaten Schulen. Aber es geht vor allen Dingen darum, dass ich auch praktische Fähigkeiten und Fertigkeiten als Kind erlerne. Dann haben wir einen starken Schwerpunkt auf Naturpädagogik, einen starken zusätzlichen Musikschwerpunkt, den wir ausbauen. Uns geht es auch darum, dass die Kinder wirklich praktische Lebensfähigkeiten lernen. Was weiß ich … eine Steuererklärung, Fahrrad, Auto reparieren. So praktische Beispiele, die man sonst normalerweise nicht im Kerncurriculum des Landes findet, wo wir sagen: Hier würden wir das Curriculum gerne gezielt ergänzen. Und was für uns noch mal besonders wichtig ist, sind natürlich die christlichen Werte. Wir sind in den Werten des Christentums verwurzelt und möchten diese Werte auch an die nächste Generation weitergeben.“

Das wirft natürlich die Frage auf, welche Kinder denn in Landshausen künftig unterrichtet werden können und welche Voraussetzungen hierfür bestehen. Müssen Kind und Elternhaus zwingend einen christlichen Hintergrund haben? Es gehe weniger um Dogmatik oder formelle Voraussetzungen, erklärt Markus Witte; wichtig sei mehr das zugrunde liegende Leitbild: „Natürlich sind wir konfessionell gebunden … aber wir sind offen für auch nichtchristliche oder muslimische Familien. Es geht darum, dass wir uns mit den Werten identifizieren.“

Ein Gewinn für die Gemeinde

Keine Schule wie jede andere, das ohne Zweifel, aber auch kein in sich geschlossenes System, das nur wenigen Auserwählten offensteht. Informieren kann sich jeder über die Leitlinien, die Philosophie und auch die Modalitäten für eine eventuelle Aufnahme an der Lukas-Schule auf deren Webseite. Für Kraichtal ist der neue Schulstandort in jedem Fall ein Gewinn, eine weitere Möglichkeit, dem eigenen Kind eine schulische Ausbildung innerhalb der weitläufigen Grenzen der über neun Ortsteile verteilten Stadt zu ermöglichen.

Einige Jahre haben Genehmigung und Ausbau in Anspruch genommen, doch das Ergebnis kann sich sehen lassen. Das uralte, nur aufwendig zu sanierende Gebäude der alten Grundschule strahlt wie ein Neubau. Im Inneren ist es das auch mehr oder weniger, alles wirkt offen und einladend: helle Naturfarben, viel Holz, reichlich Glas, noch mehr Licht. Und doch erkennt man auch alte Strukturen wieder; die Hommage an die alte Schule trägt eine deutliche Handschrift. „Ganz viele, die damals dort da waren, waren jetzt wieder da und haben lustigerweise zum einen natürlich viele neue Sachen entdeckt, aber vor allem auf die Dinge geachtet, die sie erhalten haben, wie zum Beispiel die Terrazzostufen im Eingangsbereich in ihrem charmanten Grau der 60er“, freut sich Bürgermeister Tobias Borho bei seiner Laudatio im Zuge der Einweihungsfeier am Sonntag. „Aber tatsächlich, ich glaube, die Art und Weise, wie Sie an dieses Gebäude herangegangen sind, hat ganz, ganz viele abgeholt und ganz, ganz viele auch überzeugt. Und uns ist wichtig, dass Sie hier Wurzeln schlagen, dass die Schule hier blüht.“

Werte für die Zukunft

Dass die Lukas-Schule in Landshausen gekommen ist, um zu bleiben, dürfte außer Frage stehen. Zum einen hat sie dem Standort in Zeutern über Jahrzehnte hinweg die Treue gehalten, zum anderen sind die intensiven Investitionen in Kraichtal nur dann sinnvoll, wenn sie sich über einen langen Zeitraum hinweg tragen sollen. An Schülerinnen und Schülern mangelt es offenbar auch nicht; wie Markus Witte bestätigt, kommen diese nicht nur aus dem Landkreis Karlsruhe, sondern auch aus den angrenzenden Kreisen Heilbronn und Rhein-Neckar.

Die Frage, ob diese besondere Form der Schule für das eigene Kind geeignet ist, muss letztendlich jeder für sich selbst beantworten. Obwohl die Lukas-Schule als staatlich anerkannte Einrichtung den offiziellen Lehrplänen des Landes Baden-Württemberg verpflichtet ist, dürfte in der täglichen Praxis ein feinsinniges Spannungsfeld dort entstehen, wo akademische Vorgaben und die spezifisch christlichen Überzeugungen des Trägers harmonisch miteinander in Einklang gebracht werden müssen.

Letztlich lässt sich die Vermittlung christlicher Werte aber doch auch ganz losgelöst von religiösen Dogmen betrachten: Tugenden wie Rücksichtnahme, Ehrlichkeit und die Wertschätzung des Gegenübers sind zeitlose Qualitäten, die in einer immer komplexeren Welt eine wertvolle Orientierung bieten. Wenn eine Schule es schafft, Kindern neben reinem Fachwissen auch Respekt und soziale Verantwortlichkeit als gelebtes Vorbild mit auf den Weg zu geben, ist dies – unabhängig von der persönlichen Glaubensüberzeugung – ein Gewinn für die persönliche Entwicklung und das gesellschaftliche Miteinander.

4 Kommentare zu „Ein neuer Morgen für die alte Schule“

  1. Ich warte auf die üblichen Nörgler.
    Wer sieht wie die Schule den Ort belebt, kann nur froh sein, dass die Stadt den Verkauf getätigt hat.

  2. Lieber Dieter, die Grundschule Landshausen zu schließen war 2016 die richtige Entscheidung. Die Grundschüler aus Landshausen haben nur davon profitiert, dass eine gemeinsame Grundschule am Standort Menzingen entstanden ist. Da gab nix hinzubringen.

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