Prost Josepha

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Seit Jahrzehnten brauen die beiden Freunde Matthias und Dieter in Stettfeld ihr eigenes Bier. Jeden Freitag stürmen ganze Horden ihren kleinen Pop-up-Biergarten, um ein Glas (oder fünf) rares Prestelbräu zu ergattern.

von Stephan Gilliar

Wer die Geschichte von Prestelbräu erzählen will, der kommt an Uroma Josepha nicht vorbei. Mit wissendem Blick schaut sie aus dem ovalen Passepartout in ihrem gerahmten Porträt im Eingangsbereich der kleinen Brauerei in Stettfeld auf das eintrudelnde bierwillige Publikum hinunter. Sie lächelt zu Recht selbstbewusst, denn ohne sie gäbe es das hier alles gar nicht. Schließlich war Josepha die Inspiration für den damals blutjungen Weihermer Buwe Matthias, überhaupt einen Gedanken an die uralte Kunst des Bierbrauens zu verschwenden. Noch an ihrem Sterbebett hat sie mit 102 Jahren dem kleinen Matthias das über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergereichte geheime Bierrezept der Prestels anvertraut, mit ihrem letzten Atem auf den Lippen ein „Mach was draus, Junge“ geraunt.

Okay, okay, den letzten Teil haben wir erfunden, dabei aber nur auf einer Geschichte aufgebaut, die auch Matthias und Dieter in ihrem Wahrheitsgehalt vielleicht hier und da ein bisschen überstrapazieren. Fangen wir damit an, dass die Dame auf dem Bild überhaupt nicht Uroma Josepha ist; machen wir weiter mit dem Umstand, dass Matthias‘ Uroma noch nicht einmal Josepha hieß. Ihren echten Namen kennt er gar nicht genau; Genealogie wird offenbar bei den Prestels nicht gerade als Königsdisziplin geführt.

Dafür scheint seine Blutlinie ein echtes Talent für das Bierbrauen zu haben – übrigens auch seine Uroma, wie immer sie auch geheißen haben mag, soweit stimmt die Geschichte dann tatsächlich. Sein Vater hat Matthias davon berichtet, doch wie Uroma Josepha (klingt doch ganz gut) das damals in ihrem Häuschen in Weiher zustande gebracht haben mag, wurde nicht abschließend überliefert. In Matthias reifte die Idee, ein eigenes Bier zu brauen, jedenfalls über Jahre hinweg heran, gärte regelrecht, um im Brauerslang zu bleiben. Ungefähr vor 30 Jahren, anno 1995, versuchte er sich also mit haushaltsüblichen Materialien an seinem ersten Bier. Als kleiner Reinholer für alle, die das Zeug lieber trinken als selbst herstellen: Um Bier zu brauen, werden geschrotetes Malz und Wasser beim Maischen kontrolliert erhitzt, um Zucker zu lösen; die daraus gewonnene Würze wird anschließend mit Hopfen gekocht, abgekühlt und durch die Zugabe von Hefe vergoren, wodurch Alkohol und Kohlensäure entstehen. Das Timing ist dabei ein entscheidender Punkt; wer gutes Bier brauen will, braucht Geduld und reichlich Zeit. Nach ein paar Wochen war Matthias‘ damals noch namenloses Bier fertig und wurde sofort für gut befunden.

Beflügelt von diesem ersten Erfolg machte er weiter und braute und braute und braute. Acht Stunden braucht die Zubereitung, rund einen Monat die Gärung – mit kleinem Equipment entstehen eben nur kleine Mengen Bier, und diese waren schneller weg, als Matthias gucken konnte, Freundeskreis und Familie sei Dank. „Man hat 20 Liter Bier gebraut, dann kommen Kumpels vorbei … Oh, ist das gut, wir trinken noch eins und noch eins. Dann denkst du: Scheiße, den ganzen Tag geschafft und jetzt ist es innerhalb von ein paar Minuten getrunken. Das war furchtbar“, lacht Matthias, als er sich an diese ersten Tage zurückerinnert.

Also begann er Stück für Stück zu skalieren, okkupierte die heimische Garage und baute unter dem anfangs vielleicht noch etwas skeptischen Blick seiner Frau seine kleine Hausbrauerei weiter aus. Irgendwann war aber der Punkt erreicht, an dem zu Hause einfach Ende Gelände war. Eine eigene Heimstatt für die Brauerei musste her, also tat er sich mit seinem besten Freund seit Kindertagen, Dieter, zusammen und beschloss, die Sache jetzt auf stabile Beine zu stellen. Vor zwölf Jahren wurde also Prestelbräu geboren – ein Name nach Matthias‘ Nachnamen, der jetzt vielleicht keine Preise bei Kreativwettbewerben abräumen würde, sich aber Stück für Stück einfach ergeben hatte. Für Dieter war das fein, für Matthias auch … Presto, Prestelbräu.

Seither ist ihr gemeinsames Baby ordentlich gewachsen, ein echter Selbstläufer geworden, ein Zug, für den die beiden Freunde die Bremse längst nicht mehr finden können. Reichlich Zeit fließt in ihr Bier, reichlich Bier fließt seit dieser Zeit … 25.000 Liter brauen sie jedes Jahr davon, das Ganze verteilt auf verschiedene Biersorten. Ihre Anlage ist mittlerweile hallenfüllend, die aufgewendete Arbeit geht längst auf keine Kuhhaut mehr. Wie sehr ihr Bier in Stettfeld, aber auch in der ganzen Region geliebt wird, dürfen die beiden an jedem Freitagabend immer wieder aufs Neue erleben. Zwischen 17 und 19 Uhr öffnen sie an ihrer kleinen Brauerei nahe der Stettfelder Mühle eine Art Pop-up-Biergarten, der sich quasi in Sekunde eins füllt und dann – vermutlich auch durch das enge Zeitfenster – knallt und lebt, als wollten die Gäste das wöchentliche Pensum Lebensfreude in genau diese zwei Stunden pressen. „Das sind Leute von 20 bis 80 und keine Blöden, keine Schreihälse. Das sind ganz nette Menschen. Jeder ist mit jedem gut, da macht keiner blöd. Das ist der Wahnsinn“, schwärmt Matthias und Dieter nickt.

Es sind genau die Momente, die die beiden Freunde zum Weitermachen bewegen, auch wenn das bedeutet, ranzuklotzen, und zwar die ganze Woche. Fast jeden Tag müssen die beiden ran … brauen, abfüllen und dazwischen immer wieder putzen, putzen und putzen. Außerdem Buchhaltung, Straßenverkauf und regelmäßige Wartung und Reparaturarbeiten. „Eine Woche, in der nichts kaputtgeht, ist eine gute Woche“, lacht Dieter und nimmt in der warmen Aprilsonne einen Schluck vom „Blonden Hans“, der sich den Platz auf der aktuellen Karte mit einem Pale Ale namens „Laurentius Tränen“, dem klassischen PB-Pils sowie dem dunklen Märzen „Josepha“ (do isch se widda) teilt.

Alle Biere haben eines gemeinsam: Sie sind so naturnah und bodenständig solide gebraut wie nur irgendwie möglich. Matthias und Dieter fassen es so zusammen: „Wir brauen saugutes Bier für alle, das nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516 in Handarbeit mit Herzblut und Leidenschaft gebraut wird! Und gut!“

Man muss sich dabei vor Augen halten: Beide Männer sind nach wie vor berufstätig, schultern den Betrieb ihrer kleinen großen Brauerei komplett in ihrer Freizeit. Matthias ist Polizist, ein Umstand, den er eigentlich nicht erwähnen müsste, denn er hat genau diese Art von ruhiger, gefestigter Präsenz, die nur ein langjähriger Polizist hat – eine Art Melange aus Bestimmtheit und Verbindlichkeit mit messerscharf gezogenen Trennlinien dazwischen. Kurzum: ein rundum angenehmer Zeitgenosse, genau wie sein Freund Dieter, ein echtes Multitalent und technisch sowie handwerklich mit genau der Art von Begabung gesegnet, die es braucht, um ein solch zur Berufung gewordenes Hobby adäquat zu betreiben.

Nur eine Frage stellen sie sich: Wie soll das Ganze weitergehen? Gerne würden sie ihr Baby an die nächste Generation weiterreichen, doch ihre Kinder winken offenbar ab. Matthias und Dieter haben beide nur Töchter (offenbar wirkt sich der übermäßige Genuss von zu viel Prestelbräu auf die Zeugungsfähigkeit männlicher Nachkommen aus) und die verfolgen andere Interessen.

Also bleibt am Ende nur eines: Matthias und Dieter müssen weitermachen, und zwar für immer – da gibt es in Stettfeld keine zwei Meinungen. Aber hey, wie sagen die Italiener? „Chi beve birra campa cent’anni“ – wer Bier trinkt, wird 100 Jahre. Und wer das nicht glaubt, kann einfach Uroma Josepha fragen.

2 Kommentare zu „Prost Josepha“

  1. Das ist ein Artikel genau wie ich ihn bei Hügelhelden mag. Da werden Menschen vorgestellt, die eine herausragende Gabe haben. Wie die beiden Bierbrauer. Große Hochachtung, wenn sie diese Arbeit in ihrer Freizeit machen.

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