Der Hüne und der Löwe

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Im alten Oberöwisheimer „Löwen“ vertreibt der Lipper Christian Tank neuerdings Versicherungen. Er hat wie kaum ein Zweiter verstanden, was wir uns insgeheim von allen „Neigschmeckten“ erwarten oder zumindest erhoffen.

Policen statt Pils: Wie ein Lipper das Herz von Oberöwisheim gewann

von Stephan Gilliar

„So schön hier, nette Leute, hier bleibe ich.“ Ich habe schon unzählige Treueschwüre frisch Zugezogener auf die Kraichgauer Hügel gehört – nicht selten entpuppten sie sich im Nachhinein als leere Lippenbekenntnisse. Dass die Sache bei Christian Tank anders aussieht, wurde mir in einem kleinen, völlig ungeplanten Moment sonnenklar, der sich während unseres Spaziergangs durch Oberöwisheim ereignete.

Als wir gerade die Ölbergstraße hinaufsteigen, ruft Christian, ein blonder großgewachsener und breitschultriger Mann mit blauen Augen, plötzlich erstaunt aus: „Wart mal, ich hab schon wieder vergessen, meine Haustür zuzumachen!“ Und tatsächlich: Das Ding steht offen. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich meine nicht nur unverschlossen, sondern wirklich sperrangelweit offen, und das offenbar schon seit Stunden. Christian gerät darüber nicht im Geringsten in Sorge. Er nimmt leichtfüßig den kleinen Abstecher nach rechts, zieht den Türknauf ins Schloss und setzt unser Gespräch fort, ohne auch nur den Satzbau zu unterbrechen. Wenn das kein tiefes Urvertrauen in ein Dorf und seine Gemeinschaft widerspiegelt, dann weiß ich es auch nicht.

Christian Tank ist das, was man in Oberöwisheim einen „Neigschmeckten“ nennt. Davon gibt es im Dorf viele; insbesondere im Neubaugebiet am Ortsrand wohnen zahlreiche frischgebackene Neu-Kraichtaler. Aber ein „Oweroisa“ zu sein – ein echter – erfordert mehr als nur die Adressänderung beim Einwohnermeldeamt. Es ist ein Verfahren, das nirgendwo schriftlich fixiert wurde, das aber dennoch eine unausgesprochene Gültigkeit besitzt. Wer von auswärts in ein Dorf zieht, hat nach gängiger Wahrnehmung eine Bringschuld gegenüber der Gemeinschaft. Das ist keine Schikane, sondern im Grunde ein legitimer Schutzmechanismus für Strukturen und Beziehungen, die über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte gewachsen sind. Deswegen wird es oft skeptisch betrachtet, wenn „Neudörfler“ ihren Wohnort lediglich als Schlafstadt begreifen – vielleicht, weil das Hinterland idyllischer oder günstiger ist – ihren eigentlichen Lebensmittelpunkt aber weiterhin anderswo wahrnehmen.

Christian Tank mag kein gebürtiger Oweroisa oder Hügelländer sein, aber er weiß genau, wie ein Dorf tickt und wie die ungeschriebenen Gesetze lauten. Gebürtig stammt er aus Lemgo in Nordrhein-Westfalen, genauer aus dem Ortsteil Brake, dessen Einwohner sich stolz „Braka“ nennen. Nach Schule, Grundwehrdienst und Zivildienst (fragen Sie nicht, die Kombination ist offenkundig möglich) hat Christian schließlich in Lüneburg BWL studiert. Dort kam er erstmals mit dem Versicherungswesen in Kontakt, fasste Fuß und knüpfte erste Kundenkontakte. Er bevorzugt die Selbstständigkeit; lieber der eigene Chef sein, als einen über sich zu haben – das entspricht seinem Naturell. Christian ist ein Macher. Auch wenn das Wort oft überstrapaziert wird: Er ergreift die Initiative, kümmert sich und treibt Dinge aktiv voran – Fähigkeiten, die längst nicht jedem zu eigen sind. Eine Zeit lang engagierte er sich in der Politik, lehnt heute aber das „Gemauschel“ und endlose Debatten ab. Seine Freizeit verbringt er lieber mit Freunden, im Verein oder bei der Feuerwehr. Momente der inneren Einkehr findet er stattdessen im Wald – Christian ist passionierter Jäger.

Was ihn letztendlich zu uns ins Hügelland gebracht hat? Ein Klassiker und der vermutlich schönste Grund überhaupt: die Liebe. Noch während des Studiums lernte er seine damalige Partnerin kennen. Gemeinsam zogen sie erst nach Kiel, später noch weiter nördlich in ein kleines Dorf namens Windeby an der Ostsee.

Hier ging die Beziehung schließlich in die Brüche, woraufhin es seine Partnerin zurück in ihre Heimat Kraichtal zog. Christian blieb zunächst im Norden, pendelte aber fortan wochenweise für seinen Sohn in den Süden. Schließlich traf er die Entscheidung, ganz in den Kraichgau zu ziehen. Hier blieb er auch dauerhaft – für seinen Sohn, aber auch, weil er Oberöwisheim längst in sein Herz geschlossen hatte.

Er trat in den Sportverein und die örtliche Feuerwehr ein und engagiert sich im Dorfleben, wo er nur kann. Er steht bei Festen hinter dem Tresen, unterstützt den TSV bei der Mitglieder- und Sponsorensuche – ein Einsatz, der nicht nur bei seinen Vereinskameraden, sondern bei vielen Menschen im Ort auf Anerkennung stößt. Egal, wen er auf der Straße trifft: Ein Lächeln und die zum Gruß erhobene Hand gehören bei ihm einfach dazu.

Die neue Geschäftsstelle seiner Agentur im alten „Löwen“ passt zu ihm wie angegossen. Lange stand das Gasthaus leer, ein neuer Pächter war nicht in Sicht. Also mietete Christian die Räumlichkeiten und schlug seinen Schreibtisch direkt neben dem Eingang der alten Gaststube auf. Den Tresen gibt es immer noch – frisch instand gesetzt, sogar der Zapfhahn funktioniert wieder. Statt Gläsern stehen in den Regalen dahinter nun allerdings bunte Gefäße voller Süßigkeiten: seine „Candybar“. Auch wenn es kein klassisches Büro ist, fühlt er sich hier sichtlich wohl. Zu seiner (nicht immer verschlossenen) Haustür sind es drei Minuten, zur Feuerwehr 30 Sekunden, zum Clubhaus des TSV keine fünf. In der Mittagspause zum Metzger oder Bäcker – Christian schätzt es sehr, dass es all das in Oberöwisheim noch gibt. Er weiß, wovon er spricht: In Windeby, das nur halb so viele Einwohner hat wie Oberöwisheim, ist das öffentliche Leben bereits weitgehend zum Erliegen gekommen. Keine Vereine mehr, keine Gaststätte, keine Geschäfte – ein sterbendes Dorf, wie so viele andere landauf, landab.

In Oberöwisheim gefällt es ihm hingegen so gut, dass er hier Wurzeln schlagen möchte. Hier ist er angekommen, hier fühlt er sich zu Hause. Er kann regelmäßig seinen Sohn sehen und hat einen Stützpunkt für die Arbeit, die ihm Freude macht. Über das Online-Dating hat er inzwischen eine neue Partnerin gefunden – ein Weg, der für ihn fast alternativlos war: „Beim Jagen oder bei der Feuerwehr findest du eher keine Partnerin“, lacht er, während seine blauen Augen strahlen. Auch ihr scheint es hier gut zu gefallen. Perspektivisch wollen sich die beiden im Dorf eine größere Bleibe für eine gemeinsame Zukunft suchen.

Christian Tanks Geschichte ist kein Stoff für einen dramatischen TV-Mehrteiler, aber sie ist eine, die am Ende wirklich Mut macht. Sie ist der lebendige Beweis dafür, dass ein Dorf kein abgeschlossenes Museum ist, sondern ein Organismus, der von frischem Blut und echtem Anpacken lebt. Es ist die Geschichte eines Westfalen (pardon, Lippers), der nicht nur seine Adresse, sondern auch sein Herz verlegt hat – und der zeigt, dass Heimat dort entsteht, wo man nicht nur die Tür offen stehen lassen kann, sondern sich aktiv am Fundament der Gemeinschaft beteiligt.

3 Kommentare zu „Der Hüne und der Löwe“

  1. Kein Bier für 4 und der Löwe mit seinem Hünen bleibt länger hier . Ist die Halbe da drüber ist er nächstes Jahr nimmer da ;)

  2. Moin Christian,
    schön zu sehen, dass es dir gut geht und du eine neue Heimat gefunden hast.
    Ein großartiger Artikel für eine großartigen Menschen!
    Verfolge deinen Weg weiter.
    Herzliche Grüße aus Windeby

  3. Selten war ein „Neuzugang“ in unserem beschaulichen „Owerroise“ so präsent wie Christian. Ein sympathischer und angenehmer Zeitgenosse.

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