Happy Birthday und gute Nacht

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Fast pünktlich zum 150. Geburtstag sollen bei Neff in Bretten die Lichter ausgehen – der Widerstand gegen die umstrittene Entscheidung ist jedoch ungebrochen

von Stephan Gilliar

An den 10. Oktober 2025 können sich Thomas Rudolf, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Neff, und sein Kollege Dennis Braun nur allzu gut erinnern. Steinern werden ihre Minen, wenn sie von jenem Tag berichten, der nicht nur ihr Leben, sondern auch das von rund eintausend Kolleginnen und Kollegen ins Chaos gestürzt hat. „Wir haben alle eine Einladung bekommen und ich denke, hoppla, was ist das? Das ist nicht so typisch, so alle zusammen – es war ein ganz komisches Gefühl vorab“, erzählt Dennis.

Auch sie als Mitglieder des Betriebsrates haben von der Entscheidung, das Neff-Werk in Bretten zu schließen, erst eine Stunde davor erfahren, ergänzt Thomas. Die Ankündigung selbst: Ihrer Meinung nach eines großen Konzerns unwürdig. In einer Lagerhalle habe man sich versammelt, ein kleiner Lautsprecher, ein Mikrofon und dann die erschütternde Nachricht: Schon in wenigen Monaten wird das traditionelle Werk von Neff in Bretten endgültig geschlossen, nach fast 150 Jahren.

1877 wurde die damalige Herd- und Ofenfabrik von Carl Neff in der Melanchthonstadt gegründet, hat sich über Jahrzehnte hinweg zu einem der größten und wichtigsten Hersteller von Einbaugeräten entwickelt und ist die älteste Marke für Küchengeräte in Deutschland. Der Standort Bretten ist nicht nur historisch von Bedeutung, sondern auch, was die Kapazität angeht. Wie Neff auf der eigenen Webseite schreibt, werden zwei Drittel der in Deutschland vertriebenen Geräte hier produziert.

Dass all das mit einer Durchsage in einer Lagerhalle einfach so enden soll, das versteht in Bretten kaum irgendjemand. „Das war im Endeffekt, wie wenn einer gekommen wäre mit einem riesengroßen Hammer und hat mir den voll vor den Latz geknallt“, sagt Thomas, der seit 25 Jahren im Betrieb ist und dort einen Großteil seines Berufslebens verbracht hat.

Doch auch wenn die Art und Weise der Ankündigung – „da spricht man immer von Betriebskultur“, wirft Dennis verbittert ein – die Belegschaft erst einmal aus der Spur geworfen hat: Gekämpft habe man sofort, direkt ab Tag eins der neuen Zeitrechnung in Bretten. „Schon am Montag sind wir wieder alle, volle Kapelle, im Betrieb gestanden und haben alles gegeben“, erzählt Dennis, der seit 2015 bei Neff arbeitet, direkt nach seiner Ausbildung als Industriemechaniker dazugestoßen ist und hier mittlerweile als Teamleiter tätig ist.

Beide Männer sind nicht nur langjährige treue Mitarbeiter des Unternehmens, sondern auch Teil dessen, was sie als „Neff-Familie“ bezeichnen. Wie sich über unser langes Gespräch herausstellt, nicht nur eine „Good-Vibrations-Floskel“, sondern gelebte Realität. Integration am Arbeitsplatz über alle Altersgruppen und Nationalitäten hinweg, gemeinsame Freizeitaktivitäten, sogar Urlaube zusammen im Team. „Wir haben immer alle zusammengehalten“, erzählen Thomas und Dennis unisono.

Sie berichten von echter Loyalität, Loyalität nicht nur gegenüber ihren Kolleginnen und Kollegen, sondern auch gegenüber dem Betrieb. Stolz auf die Marke, Stolz auf die Produkte, Stolz auf der eigenen Hände Arbeit und Wertschöpfung. Umso mehr fühlen sie sich von der nun getroffenen Entscheidung des Managements vor den Kopf gestoßen. Nach ihrer Kenntnis, ihrem Wissen und ihrer Wahrnehmung hat das Werk immer erfolgreich operiert und alle Vorgaben treu erfüllt. „Wir haben abgeliefert, wir haben unsere Ziele gebracht, was wir bringen konnten“, beharrt Dennis. Sie erzählen von Zeiten, als sie bei brütender Hitze, mit Corona-Masken über dem Gesicht in drei Schichten, sechs Tage die Woche für Neff Vollgas gegeben haben und auch heute – trotz der drohenden Schließung – immer noch geben.

„Wir haben unsere Ziele und wir kümmern uns da selber drum … wir haben unseren eigenen Brettener Weg, wir machen das Werk für die Zukunft sicher und modern“, sagt Thomas und will das nicht als „Same Process every day“ verstanden wissen. Dort, wo Reformen nötig sind, wolle man diese auch umsetzen. Dort, wo man optimieren kann, solle das auch geschehen. „Wir sind dann die Ersten, die sagen: Packen wir es an, so finden wir Lösungen.“

Neff (B)retten – Man gibt sich kämpferisch

Was beide Männer quält, was vermutlich unzählige ihrer Kolleginnen und Kollegen quält, was die Politik, das Rathaus und viele weitere Menschen quält, ist die große Frage: Warum? Warum will die BSH Hausgeräte GmbH (früher Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH) – selber wiederum Teil der Bosch-Gruppe – das Traditionswerk und die eigene Keimzelle in Bretten abwickeln? Erklären kann sich das zumindest in Bretten kaum jemand. Nach Informationen des Betriebsrats, nach Informationen des Rathauses, wie uns Oberbürgermeister Nico Morast schon vor Wochen im Gespräch zu verstehen gegeben hat, geht es dem Standort nach dessen Auffassung nicht schlecht. „Also man muss wissen, Neff Bretten schreibt tiefschwarze Zahlen und erwirtschaftet Gewinne. Deshalb ist diese Konzernentscheidung in dieser Tragweite für uns auch nicht schlüssig und nicht nachvollziehbar“, so der OB vor einigen Wochen im Gespräch mit Hügelhelden.de.

Wir haben bei BSH nachgefragt und folgende Antwort erhalten: „Die geplante Schließung des Standorts Bretten ist eine strategisch getroffene, schmerzhafte Maßnahme, die vom BSH-Management nach sorgfältiger Analyse getroffen wurde, und ein Beitrag zur Sicherung der Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit des Gesamtunternehmens. Sie folgt aus strukturellen massiven Unterauslastungen im europäischen Produktionsnetzwerk, einer anhaltend schwachen Marktentwicklung für die betroffenen Produktbereiche (Backöfen und Dunstabzugshauben), einer Preisverschiebung in untere Segmente und nicht absehbaren Marktverbesserungen. Im Premiumsegment der Dunstabzugshauben geht der Trend klar zu Kochfeldern mit integriertem Dunstabzug. Dies wird einen weiteren Rückgang des Marktvolumens von klassischen Dunstabzugshauben, einhergehend mit einem weiteren Preisabrieb, mit sich bringen“, schreibt die Unternehmenskommunikation für den deutschen Standortverbund der BSH und führt weiter aus: „Bretten hat die niedrigste Kapazitätsauslastung im europäischen Backofen-Produktionsnetzwerk und gleichzeitig die höchsten Arbeitskosten innerhalb des europäischen Produktionsnetzwerks. Die BSH verantwortet als globales Unternehmen die langfristige Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit für rund 56.000 Mitarbeitende weltweit. Ziel ist eine effiziente, langfristig wettbewerbsfähige Produktionsstruktur im Hinblick auf Auslastung, Kosten und Marktanforderungen.“

Es ist eine Sicht der Dinge, die weder für Thomas Rudolf noch für Dennis Braun in Gänze nachvollziehbar sein dürfte. „Wir haben trotz alledem die gesteckten Ziele, die uns vorgegeben wurden, immer erreicht und übertroffen. Da muss man sich ja irgendwo hinterfragen: Wo steckt denn der Fehler, wenn man die Ziele erreicht, die man bringen muss, und trotzdem so Entscheidungen getroffen werden?“, fragt sich Dennis, und die Bitterkeit in seiner Stimme ist unüberhörbar.

Wenn die BSH bei ihrer bisherigen Linie bleibt, werden in Bretten 2028 die Lichter ausgehen, unzählige Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. Neben den unmittelbar betroffenen Mitarbeitenden im Betrieb vermutlich noch viele, viele mehr, wie Oberbürgermeister Nico Morast sicher ist. „Hinter jedem Arbeitsplatz stehen Familieneinkommen, stehen Kinder, und deshalb bereitet mir das schon Sorge, weil von den 1.000 direkt betroffenen Arbeitsplätzen natürlich auch in der Folge sehr viele Zulieferer und andere Bereiche mit dranhängen. Deshalb gehe ich nicht von 1.000 Arbeitsplätzen aus, die wegfallen, sondern insgesamt von bis zu 3.000 Arbeitsplätzen.“

Brettens Oberbürgermeister Nico Morast

Die sozialen Auswirkungen dieser weitreichenden Entscheidung sind immens, für Bretten und für die Menschen in der Stadt. Große Teile der Belegschaft wollen sich deshalb nicht mit diesem Schicksal abfinden und zeigen sich von der ersten Minute an kämpferisch. 2.500 Menschen haben sich nach der Bekanntgabe bereits zu einer Menschenkette zusammengeschlossen, der Kampfgeist ist ungebrochen. „Wir wissen, was auf dem Spiel steht: Existenzen, Familien und Lebenswerke. Gerade deshalb sehen wir es als unsere Pflicht, mit aller Entschlossenheit und Sachlichkeit für den Erhalt unseres Standortes und unserer Arbeitsplätze einzutreten. Wir werden in den kommenden Wochen und Monaten in harten und konstruktiven Gesprächen mit der Arbeitgeberseite alles daransetzen, diese Entscheidung zu überdenken“, schreibt Kristian Kipcic-Suta, Betriebsratsvorsitzender der NEFF GmbH, in einer öffentlichen Stellungnahme und ist sicher: „… Wir als Betriebsrat und Gewerkschafter sind uns unserer Verantwortung bewusst. Wir werden Eure Interessen mit Nachdruck vertreten und euch laufend über alle Entwicklungen und Verhandlungen informieren …“

Die Hände in den Schoß legen will in Bretten niemand. Wie Thomas und Dennis mir versichern, arbeitet man derzeit an einem Gegenvorschlag, der eine völlige Schließung des Werkes mit alternativen Ideen verhindern soll. Gerne möchte man diese selbst erarbeitete Strategie dem Management persönlich vorstellen; ob das klappt, steht allerdings derzeit in den Sternen. Auch die BSH lässt sich hier nicht in die Karten blicken und schreibt: „Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir uns zu den laufenden Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern nicht äußern.“

Ob Thomas, Dennis, der Betriebsrat, Politik oder Gewerkschaft noch etwas an der bereits getroffenen Entscheidung ändern können, das steht derzeit in den Sternen. Unterschiedliche Auffassungen prallen hier aufeinander, ebenso unterschiedliche Zahlen. Eine Zahl steht aber unumstößlich fest: 150 Jahre alt wird das Neff-Werk in Bretten im kommenden Jahr. Ein unfassbares Jubiläum, das für so viel Erreichtes steht. Für das Überdauern von zahlreichen Krisen, nicht zuletzt zwei Weltkriegen. Dieses große Jubiläum als Ende dieser Geschichte erleben zu müssen, wäre wohl ein Paukenschlag, der nicht nur in Bretten, sondern weit darüber hinaus zu hören wäre.

5 Kommentare zu „Happy Birthday und gute Nacht“

  1. Was interessiert die Vergangenheit, wenn man zu teuer ist ;) . Im Osten besonders in Asien wird es billiger produziert. Da können alle wichtigen oder Vll doch net so wichtigen Menschen erzählen was sie wollen . Das ist der Lauf der Zeit und wird auch in Bretten nicht verändert. Bekanntlich ist der Politiker noch so Innovativ !

  2. Soviel zum Thema „soziale Marktwirtschaft“…
    Und als ob Betriebsräte da noch was tun könnten…allenfalls betteln😱

  3. Eine Schließung von Neff, Bretten, hat auch Auswirkungen auf den Zulieferer E.G.O in Oberderdingen. Ich habe schon einmal erlebt. Damals gab es – sofern meine Erinnerungen zutreffend sind – Kurzarbeit. Was das heute bedeuten wird, kann ich nicht beurteilen, denn ich besitze keine Glaskugel so wie die sogenannten Wirtschaftsweisen

  4. Kurz um, die teuren Monatsraten fürs Häusle werden schwieriger zu bezahlen sein, die Steuereinahmen sinken . Als Bürgermeister in Bretten , bleibt eigentlich nur nett lächeln ;)

  5. Der Bekanntheitsgrad unseres „Slide-and-Hide-Ofens“, der Neff-Backofen mit der „verschwindenden“ Backofentür ist leider so gering, dass nicht mal jeder Brettener weiß, dass wir so tolle Geräte produzieren und das schon seit Jahrzehnten. Meines Erachtens hätte man mit mehr und geeigneterer Werbung eine bessere Auslastung erzielen und die gewollte Schließung verhindern können. Bisher war das ein Alleinstellungsmerkmal von Neff und somit vom Werk in Bretten.

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