Zähes Ringen um die Zukunft einer Bruchsaler Institution
von Stephan Gilliar
Es ist lange her, dass ich das letzte Mal im Bruchsaler Bären gegessen habe. Meine Tochter war damals noch ein Baby, eingeladen hatte uns meine Oma Helma. Ich erinnere mich an eine sehr klassische Gastronomie, recht konservativ und ohne jegliche Ferz, wie man in Brusl sagen würde. Sie wissen schon – in Leder gebundene Speisekarten, Bedienungen mit Schürze der gefühlten Gattung „Auf der Terrasse nur Kännchen“, ein paar Bilder an der Wand, die man bereits vergisst, kaum dass der Blick sie flüchtig gestreift hat. Dazu das Geklapper von Geschirr und das leise Gemurmel der Gäste – in meiner Erinnerung mehrheitlich recht betagt.
Das Essen aber war super. Insgesamt eine durch und durch deutsche Restaurant-Erfahrung alter Schule.
Ein schlafender Riese hinter dem Damianstor
Seitdem sind viele Jahre ins Land gegangen. Meine Oma Helma ist längst gestorben – und kurze Zeit nach ihr auch der Bruchsaler Bären. Seit Jahren steht das Traditionsgasthaus leer, auch wenn sich von außen überhaupt nicht erschließen mag, warum. Das Gebäude ist wunderschön, wirkt gepflegt, weist zumindest optisch keine erheblichen Mängel auf und liegt wie ein Filetstück an der Bruchsaler Prachtachse, direkt hinter dem Damianstor. Heute steht der Bären da wie ein schlafender Riese – schön wie eh und je, doch ohne Herzschlag. Rein von der Lage her eigentlich ein Selbstläufer, ein No Brainer.

Doch seit 2022 wird das Haus im Grunde nicht mehr genutzt. Jeder Hausbesitzer weiß, wie schnell ein Gebäude leidet, wenn die letzten Menschen ausgezogen sind. Und selbst ohne diesen Leerstand wäre der Sanierungsstau wohl erheblich – so das Ergebnis einer Prüfung des Landesbetriebs Vermögen und Bau Baden-Württemberg. Um den Bären wie gehabt als gastronomische Einrichtung weiterzuführen, wäre eine Investition im Millionenbereich notwendig, eine Summe, die offenbar als nicht darstellbar gilt.
Ideen, Initiativen, Idealismus
Im Gespräch ist daher eine künftige Nutzung als multifunktionales Veranstaltungsgebäude. Die gastronomische Nutzung scheint nach den Diskussionen der vergangenen Jahre immer unwahrscheinlicher. Dagegen verwahren sich nun mehrere Bürgerinnen und Bürger aus Bruchsal und haben zum Erhalt des Bären in seiner klassischen Form eine Bürgerinitiative gegründet. Ihr Ziel: die Bewahrung des Bären als Gasthaus. Ganz aktuell haben sie dazu eine Petition beim Landtag Baden-Württemberg gestartet, die seit dem heutigen Morgen unterzeichnet werden kann. Mehr Informationen und den entsprechenden Link finden Sie hier: https://petitionen.landtag-bw.de/Petitionen/Mitzeichnung
Natürlich muss man sagen, dass auch eine erfolgreiche Petition den am Boden liegenden Bären nicht zwangsläufig wiederbelebt. Eine Petition ist kein Rettungsanker – aber vielleicht der Weckruf, den das Land zum Anlass nimmt und , noch mal in sich hinein zu hören. Sie verpflichtet das Land zwar rechtlich zu nichts, kann aber ein wirksamer politischer Hebel sein, um Bewegung in die Sache zu bringen.
Zwischen Vernunft und Verantwortung
Tatsächlich haben beide Seiten, wenn man hier überhaupt von „Seiten“ sprechen kann, auf ihre Weise recht. Das Land, das angesichts der wirtschaftlichen Lage gewiss nicht im Geld schwimmt, muss abwägen, ob eine Investition von mehreren Millionen Euro in ein einzelnes Gasthaus wirklich gut angelegt ist – zumal der Erfolg keineswegs garantiert werden kann. Die Gastronomie steckt in der Krise: Personalmangel und steigende Kosten lassen vielerorts Gäste fernbleiben.
Absolut nachvollziehbare Bedenken. Doch man darf nicht vergessen: Beim Bären handelt es sich nicht um irgendeine 08/15-Pizzeria oder Vereinsgaststätte. Der alte Bären trägt reichlich Geschichte auf seinem pelzigen Buckel.
Ein Gasthaus mit revolutionärer Vergangenheit
Das Gasthaus „Zum Bären“, ursprünglich das „Hetterich’sche Bierhaus“, ist ein historischer Ort mit direktem Bezug zur Badischen Revolution von 1849. Schon seit 1768 existierte der Bären in der Stadtmitte. Mitte des 19. Jahrhunderts war das Bierhaus einer der Treffpunkte der Bruchsaler Demokraten und Revolutionäre, die 1849 den Aufstand zur Befreiung politischer Gefangener aus dem Bruchsaler Zuchthaus organisierten. Einer ihrer führenden Köpfe war Heinrich Hetterich, der nach seiner Begnadigung im Jahr 1853 die Schildgerechtigkeit übernahm und das Lokal 1855 offiziell erwarb.
Zwischen Nostalgie und Neubeginn
Man kann also die Argumente der Bürgerinitiative gut nachvollziehen: Es wäre ein Frevel, den alten Bären einfach zu begraben. Freilich ist das auch nicht das Ansinnen des Landes. Das Gebäude hat in jedem Fall eine Zukunft – die Frage ist nur, ob in der Gastronomie oder in einer anderen Form.
Sollte der Bären als Gasthaus weitergeführt werden, braucht es extrem starke Partner, viel Herzblut, Vision – und vor allem: Geld. Allein die Sanierung, um den Bären an heutige Anforderungen anzupassen, dürfte sich im Bereich mit sechs Nullen bewegen. Dazu käme eine moderne Ausstattung. Denn eines scheint klar: Ein „Weiter so wie bisher“ wäre kaum erfolgversprechend.

Auch wenn die DEHOGA es vielleicht unglücklich formuliert hat – das Publikum im Bären war zuletzt tatsächlich ein recht betagtes. Daran ist nichts auszusetzen, aber es ist eben keine Perspektive für die Zukunft. Nur wenn es gelingt, ein Konzept zu entwickeln, das Jung und Alt gleichermaßen anspricht, kann der Bären wieder zu alter Größe finden. Es braucht den Spagat zwischen bedeutsamer Vergangenheit und wirtschaftlich tragfähigem Morgen.
Wer wissen möchte, wie es aussieht, wenn ein Konzept den Sprung in die Gegenwart verpasst, der möge die alten Prachtstraßen im Schwarzwald hinauf und hinabfahren – vorbei an den unzähligen wunderschönen Gasthäusern längst vergangener Tage, die vor allem eines gemeinsam haben: das „Geschlossen“-Schild an ihren staubblinden Türen.
Wenn der Bär wieder tanzt
Sollte es aber gelingen, den Bären auf diese Weise wiederzubeleben – mit der Vergangenheit stark im Rücken und dem Blick entschlossen nach vorn –, dann könnte dieser Ort wieder zu einer Keimzelle Bruchsaler Kultur und Gemeinschaft werden. Wenn der alte Bär noch einmal erwacht, den Staub der Jahre abschüttelt und seine Stuben wieder mit Stimmen füllt, hätte Bruchsal mehr gewonnen als nur ein Gasthaus. Dann wäre ein Stück Seele zurück. Man würde es dem alten Bären so sehr wünschen.

Einen Bären in der Stadt geht gar net, also muss er ausbluten ! Das war mir schon 2022 klar ! Zwischendurch wurde der Pizza Hut als neue Gastro hochgejubelt und vieles andere ….. tja Freunde der Sonne , der gute Fisch in der Stuub isch geputzd ;)
Ich erinnere mich noch die guten Zeiten im Bären. Da besuchte ich mit meinem Bekannten von unserem elsässischen Kochclub eine Wild – Veranstaltung. Neben einem ausgezeichneten Wild Menü wurden wir Teilnehmer unterrichtet wie denn ein Reh „zerlegt“ wird. Die servierten Speisen waren alle sehr gut.
Ich bezweifle doch stark, daß das Ländle hier als Investor tätig wird.
Wie können sich die Revolutionäre denn nach 1855 im Hetterichschen Bierhaus getroffen haben, um 1849 Leute aus dem Zuchthaus zu befreien? Hat Doc Brown etwas damit zu tun?
Wir haben den Absatz etwas konkretisiert, jetzt passt die Chronologie hoffentlich etwas besser, ohne einen Delorean zu benötigen
Wie wäre es mit eine Rückbenennung in „Hetterich’sche Bierhaus“ und der gleichzeitigen Einquatierung des bruchsaler Stadtmuseums mit Veranstaltungsfläche z.B. auch im Außenbereich?
So wie es die Staatl. Schlösser und Gärten vorhaben, würde wohl auch bei deren Vorstellungen ein Umbau des Bären von Nöten sein. Deshalb die Frage: wie groß wäre dann überhaupt noch der Unterschied zwischen den Vorstellungen der Staatl. Schlösser und Gärten und der Wiederherstellung eines Lokals?
Der Link zur Petition funktioniert bei mir zumindest nicht.
Hier ist der Direktlink:
https://petitionen.landtag-bw.de/Petitionen/Details/bde3757b-2d75-48ea-81cf-14b3e2110a03
Wenn ein Gasthaus lange leer steht und wiederbelebt wird, gelten ggf. aktuelle Brandschutzbestimmungen und weitere baurechtliche Regularien. Ich zweifle jedoch die Millionenhöhe an, da ich selbst ein Gasthaus anno 1889 gastronomisch wiederbelebt habe, welches 22 Jahre still lag. Wo ein Wille ist, ist immer auch ein Weg. Vielleicht hätte man einfach mal Leute dazugezogen, die sich damit auskennen. Ich persönlich hatte zwei Architekten, die den Abriss empfohlen hatten….dann sucht man eben einen, der das komplett anders sieht – so meine Meinung!
Liebe Hügelhelden: Vielen Dank für diesen Bericht. Wir sichern zu, dass wir von der BI „BRUCHSALBÄRENSTARK“ alles unternehmen, um ein großes gesellschaftliches Engagement für den Erhalt des „Bären – früher: Hetterich`sches Bierhaus“ zu realisieren. Stadtverwaltung und Stadtgesellschaft sind jetzt gemeinsam gefragt. Wir arbeiten daran. Gleichzeitig laden wir ein zu unserer ersten öffentlichen Veranstaltung, in der wir die Bedeutung des Bären – ehemals: Hetterich`sches Bierhaus – für die Demokratiegschichte unserere Stadt präsentieren. Außerdem stellen wir erste Ideen für die künftige Nutzung des Bären als bürgerliches Gasthaus der Stadtgesellschaft und ihrer Gäste vor. Termin: 28. Oktober, 19:00 Uhr. Ort: Weingut Klumpp in der Heidelberger Straße 100. Damit wir genügend Plätze einplanen können, wäre eine rechtzeitige Anmeldung nützlich: info@bruchsal-baeren.de.
Sowas kanns nur bei staatlicher Planwirtschaft geben. Ein vollständig auf Steuerzahlerkostenteuer renoviertes Gasthaus jahrelang leer stehen und dann sterben lassen. Hätten die Verantwortlichen das mit eigenem Geld auch gemacht?
Hier sieht man wieder einmal ganz deutlich, wie schwer es ist, nicht immer und überall Kompromisse machen zu wollen. Ein Gastro- Konzept, das alle Generationen anspricht, das wird es nicht geben. Denn zu unterschiedlich sind die Vorlieben. Was ich mir im Bären gut vorstellen könnte, wirklich bodenständige nationale Küche. Wenn man das dann noch mit regionalen Produkten und hoher Qualität umsetzt, wird sich sicher ein Klientel finden, das das Ganze wirtschaftlich macht. Eine grundsätzliche Frage ist allerdings von den Entscheidern zu beantworten. Glaubt man, durch Nichtnutzen und Aussitzen wird es am Ende besser? Mitnichten, denn man verlagert das Problem nur auf nachfolgende Generationen, die dann immer mehr dafür aufwenden müssen. Wie auch immer, es ist ein Trauerspiel angesichts der Gelder, die unnütz verschwendet werden…