„Für´s Dorf, was sunscht“

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Jeden Donnerstag kocht der TSV Oberöwisheim – für sich, für das Dorf, für die Oweroisa Familie und alle anderen auch.

Eine Liebeserklärung an das dörfliche Vereinsleben

Ein Männerhaufen im Clubhaus

Schaut man sich an diesem heißen Donnerstagabend im Clubhaus des TSV um, so muss man unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass – statistisch heruntergebrochen – das kleine Oberöwisheim fast ausschließlich von Männern besiedelt wurde. Kerle, soweit das Auge reicht: in jung, in alt, braungebrannt, käseweiß, dick, dünn und in all den anderen Variationen auf der Klaviatur möglicher Attribute. Nahezu ein einziger Männerhaufen – fast so wie auf jeder beliebigen Jahreshauptversammlung, jeder Feuerwehr im Kraichgau.

Da passt es doch ganz gut, dass es heute Abend zum wöchentlichen Abendessen des TSV ausschließlich Würstchen gibt. Schlotfeger oder Feschdworschd, beides selbstredend vom Deckinger – ein weiterer Oweroisa Kerl, der als Metzger mit Herz für die örtlichen Vereine die TSV-Worschd ein bisschen länger macht als die Standardvariante. So sagt man zumindest.

Flüssignahrung und Schreibunterlagen von 1982

3,50 € kostet die Wurst, egal welche Variante. Jede Bestellung fein säuberlich von Udo auf der großen Schreibunterlage notiert, die der TSV vermutlich zum Weltspartag 1982 geschenkt bekommen hat. Eine lange Liste voller (Männer-)Namen, dahinter die konsumierten Posten, deren größter Anteil auf die Flüssignahrung entfällt. Würde man im Vorfeld Geld auf die zu erratende Bestellung eines jeden neu eintreffenden Gastes wetten, so würde man mit der Mutmaßung „Weizenbier“ vermutlich ein kleines Vermögen verdienen können.

Der Donnerstagabend ist ein fixer Termin im Kalender des TSV und darüber hinaus eine nicht verhandelbare Konstante im Oweroisa Dorfleben. Es ist der Abend, an dem man sich im Clubhaus am Fußballplatz trifft, in der Saison trainiert, darüber hinaus ein paar ehrenamtliche Arbeiten ableistet, beispielsweise irgendeinen Posten auf der endlos langen Liste der niemals endenden Sanierungen am Gelände abhakt. Aber der Abend steht auch im Zeichen der Gemeinschaft, des dörflichen Zusammenrückens. Ein wechselndes Team sorgt für echte Hausmannskost, ein deftiges, selbst gemachtes Abendessen. Das können wie heute Abend einfach ein paar Heiße mit Brot sein, manchmal gibt’s aber auch Maultaschen, Spaghetti Bolognese, Wurstsalat und eben alles andere, was einfach von der Hand geht, aber allen gut schmeckt.

Ein Dienst an der Gemeinschaft

„Warum macht ihr das?“, will ich wissen, und die Antwort kommt prompt: „Für´s Dorf, was sunscht“. Eine Antwort, so einfach wie ehrlich wie schön. Es ist ein kleiner Dienst an der Gemeinschaft, nicht um Geld zu verdienen, ohne eigennützige Absichten – einfach nur ein kleines bisschen Lebenslust, die das Herz des alten Dorfes jung hält.

Seit 1920 gibt es den TSV bereits in Oberöwisheim, die Herren spielen in der Kreisklasse B, belegen dort aktuell den sechsten Platz. Doch tatsächlich steht der Fußball an diesem Donnerstag nicht zwangsläufig und ausschließlich im Mittelpunkt, eingeladen ist heute Abend auch jeder andere, der Lust hat, dabei zu sein.

Hinterm Tresen bedient neben Udo Bauer aktuell der frisch zugezogene Christian Tank, pendelt nonstop zwischen dem Kühlschrank in der Küche und dem Gastraum hin und her, Flasche um Flasche leeren sich die Bestände. „Ich komm nur zum Trinken, nicht zum Fußballspielen“, lacht Christian und zwinkert Udo zu, der mit zwischen die Zähne geklemmter Zunge gerade derart ernst und gewissenhaft eine Additionsaufgabe auf seiner Schreibunterlage in Angriff nimmt, als würde er die Steuererklärung für den Vatikan erstellen.

Jedes vierte Dorfmitglied im Verein

Christian engagiert sich, seit er ins Dorf gezogen ist, ganz aktiv für den Verein, packt mit all den anderen aktiven Kameraden an, wo er kann – auch an diesem heutigen Donnerstag. Größer noch als die Zahl der aktiven ist aber die der passiven Mitglieder. Rund 550 gibt es davon im Dorf, eine verblüffend hohe Zahl, bedeutet sie doch: Jeder Vierte in Oberöwisheim ist Mitglied beim TSV. Die anderen sind dann vermutlich alle Schützen oder vereinslos. Was nicht ausschließt, dass auch sie am Donnerstagabend am Burggartenweg abhängen.

Dennis zum Beispiel, ein Berg von einem Hünen, der für die Kelten damals vermutlich den Hadrianswall im Alleingang gestürmt hätte, ist kein Vereinsmitglied, fühlt sich hier aber trotzdem pudelwohl, lehnt entspannt am Holzfurniertresen und trinkt das Bier (Hefe, is klar) direkt aus der Flasche. Nach seinem langen Tag in der Klimabranche freut er sich, hier zusammen unter Freunden den Tag ausklingen zu lassen. An seiner Seite: Familienväter mit ihren Kindern, manche im Blaumann, manche im weißen Businesshemd oder wie in Dennis‘ Fall im weißen T-Shirt, mit dem man einen Kleinwagen abdecken könnte. Hinter ihnen liegen heiße Stunden im Büro, auf der Baustelle, auf Montage, im Betrieb oder in Marios Fall sogar im Gefängnis – aber natürlich auf der richtigen Seite der Gitterstäbe.

Sie sitzen entweder in kleinen Grüppchen draußen auf der Terrasse, genießen den Sonnenuntergang jenseits des grünen Fußballplatzes am Rande des Dorfes. Oder sie stehen zusammen am Tresen in ihrem Vereinsheim, das so herzzerreißend minimalistisch und pragmatisch möbliert ist, dass man es schon fast wieder sympathisch finden muss. Der letzte reguläre Wirt ist hier schon vor Jahren ausgezogen, seither schmeißt die Truppe den Laden alleine – Innenarchitekten oder Raumausstatter gibt es im Team des TSV ganz offensichtlich nicht. Eine Vitrine mit verstaubten Pokalen, an der Wand eine giftgrüne Tabelle, in die irgendjemand den TSV ganz obligatorisch mit schwarzem Edding auf Tabellenplatz 5 eingetragen hat, so als wäre das eine feststehende Konstante.

Minimalismus und Vorbereitungen auf das Sportfest

Im Nachbarraum, abgetrennt mit einer knarrenden Ziehharmonika-Falttür, tagt gerade der Vorstand des TSV. Ein Laptop und ein Notizblock vor sich auf dem Tisch, diskutiert man hier gerade Organisatorisches, vermutlich vor allem die Vorbereitungen für das große Sportfest am 17. Juli. Da müssen alle mit anpacken, schließlich ist das nicht nur irgendeine kleine Hocketse, sondern das größte Event des Jahres. Inklusive mehrerer Fußballbegegnungen – Ober vs. Unterdorf, der ewige Klassiker –, einem Ballonaufstieg sowie anschließender Party samt Schlotfeger, Feschdworschd und Hefeweizen in vermutlich respekteinflößender Größenordnung.

Einfach machen

Ich stehe zwischen alldem, lehne an der Bar, trinke hin und wieder einen Schluck von meinem Radler oder schnorre mir draußen auf der Terrasse einen ungesunden Glimmstängel. Es macht Spaß, hier seine Zeit zu verbringen, denn alles hier fühlt sich richtig an. Ein Verein, der so vital und lebendig ist, wie man es sich nur wünschen mag. Der funktioniert, der vor allem funktioniert, weil die Menschen, die ihn tragen, ihn bedingungslos tragen und lieben. Sie zählen nicht die Stunden, die sie in ihren Verein investieren, fragen nicht nach einer Gegenleistung, sondern machen einfach.

Ja, einfach machen, das funktioniert in einer kleinen Gemeinschaft wie Oberöwisheim noch genauso wie früher. Hier bringt sich jeder ein, hier kann jeder sein, wie er will, niemand muss sich erklären. Man kennt sich, man weiß um die eigenen Qualitäten und die der anderen Bescheid. Hier ist man unter Freunden, hier dürfen fünfe auch mal gerade sein. Einfach machen. Für die Freunde, für den Verein, ein bisschen auch für sich, aber vor allem: Für´s Dorf, was sunscht.

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4 Kommentare zu „„Für´s Dorf, was sunscht““

  1. Absolut Geiler Bericht, er erinnert mich sehr an meine jungen Jahre. Bei uns im Renchtal / Schwarzwald war es genauso,wurde man gebraucht war man da und sonst natürlich auch💪

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