Freiheit auf vier Rädern – Campen wird wieder sexy

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War früher eine Reise mit dem Wohnmobil nur Senioren und Spießern vorbehalten, erlebt diese Form des Reisens in den letzten Jahren einen echten Boom.

Genau ein einziges Mal habe ich in meinem Leben eine Reise mit dem Wohnwagen hinter mich gebracht, ein Urlaub den ich schrecklich gerne vergessen würde. Meine Eltern haben sich den Wagen, der damals schon eine echte Antiquität gewesen sein muss, von einem Nachbarn geliehen. Sie wissen schon, genau den Typus in dem Walter und Jesse Crystal Meth gekocht haben. Mit ungefähr 80 Stundenkilometern die ganze Fahrt vom Kraichgau nach Spanien, fünf quengelnde Geschwister neben mir, Temperaturen wie in der Sahara im Wageninneren und in der Nacht krachte dann als Highlight irgendwann die Hängematte mit den kleineren Brüdern auf uns Größere herab. Jahrelang rollte ich mich, wann immer ich einen Wohnwagen sah, reflexhaft in der Fötusstellung zusammen und nuckelte am Daumen.

Für meinen Bruder war die Sache ganz offenkundig weit weniger traumatisch, für ihn ist das Reisen im mobilen Heim Leidenschaft und Berufung. Seit Jahren kauft er sich alte Lastwagen und baut diese zu tollen Wohnmobilen um. Mit den 0-8-15 cremeweißen Plastikbombern hat das nichts zu schaffen, wir reden hier von wirklich schwerem Gefährt. Alte Kastenwagen von der Feuerwehr, wuchtige Rundhauber vom Technischen Hilfswerk oder sogar das eine oder andere Schätzchen aus ehemaligen Militärbeständen. Einmal fertiggestellt bieten die umgebauten Fahrzeuge viel Platz und Wohnlichkeit und das völlig autark. Damit lässt sich dann auch abseits ausgebauter Straßen und Wege Urlaub machen, selbst Trips bis Asien und Afrika sind damit keine Schwierigkeit.

Doch auch bei den normalen Wohnmobilen von “der Stange” hat sich in den vergangenen Jahrzehnten unglaublich viel getan. Bei einer Messe vor zwei Jahren durfte ich ein paar Vertreter der aktuellen Wohnmobil-Generation von innen betrachten und war schwer beeindruckt. Die ehemaligen Klapperkästen haben sich zu rollenden Palästen gemausert inklusive mobilem Internetzugang, selbstausrichtender Satellitenschüssel, Duschen mit Massagedüsen und Boxspringbetten…so ließe es sich zur Not schon mal ein paar Tage aushalten.

Doch ein Wohnmobil zu haben und damit Urlaub zu machen sind zwei verschiedene paar Stiefel. In Deutschland beispielsweise ist das sogenannte Wildcampen nicht erlaubt, einfach irgendwo ankern und zwei Wochen Urlaub genießen… is nicht. Es gibt zwar das kleine Schlupfloch bis zur “Wiederherstellung der Fahrtauglichkeit” zu parken, doch selbst für diese maximal 10 stündige Zeitspanne gibt es diverse Einschränkungen. Besser ist es also auf Nummer sicher zu gehen und sich gleich einen Parkplatz zu suchen, an dem es keine Probleme gibt und man zudem die Schönheit von Landschaft und Natur ungetrübt genießen kann.

Wer ganz klassisch auf einem Campingplatz Halt machen möchte, kann sich beim ADAC mit den entsprechenden Führern eindecken, diese gibt es für analoge Kollegen auch noch in Buchform. Darüber hinaus gibt es aber im Netz diverse Apps, mit denen Camper potentielle Standorte finden können. Beispielsweise Promobil oder Camperkontakt, teilweise mit Tipps und Bewertungen von mobilen Reise-Kollegen ausgestattet. Neben den klassischen Campingplätzen bieten übrigens immer mehr Städte und Gemeinden Stellplätze für Wohnwagen und Wohnmobile an. Auch im Kraichgau erfreut sich diese Form der Reise immer größerer Beliebtheit, was den Kommunen im Hügelland durchaus nicht entgangen ist. Am Hardtsee in Ubstadt-Weiher gibt es diverse Haltebuchten für die mobilen Hotels, inklusive Anschlüssen für Wasser, Abwasser und Strom. Brandneu ist auch der Wohnmobil-Haltepunkt in Eppingen in der Talstraße, neben dem Festplatz. Erst vor wenigen Tagen eröffnet, können hier Nomaden aller Art ankern und werden mit den notwendigen Anschlüssen versorgt. Die Metzgerei gegenüber hat übrigens eigens hierfür einen Automaten-Hofladen aufgestellt, an dem sich mobile Urlauber rund um die Uhr versorgt können.

Wer gerne auf dem Land unterwegs ist, der sollte sich das Angebot von “Landvergnügen” anschauen. Hinter diesem Stellplatzführer verbergen sich in ganz Deutschland über 1000 ländliche Gastgeber, seien es Bauernhöfe, Winzer, Mühlen, Züchter und so weiter. Für einen kleinen Betrag kann man hier nicht nur besagten Führer, gedruckt oder per App, erwerben, sondern erhält auch eine Art Vignette um bei diesem Gastgebern spontan übernachten zu können. Das Angebot dass sich in erster Linie an Besitzer von Reisemobilen und Campingbussen richtet, kann für jeweils eine Nacht in Anspruch genommen werden und basiert auf dem Prinzip der Fairness. Als Entgegenkommen für die Gastfreundschaft kann man beispielsweise eine Kleinigkeit im dortigen Hofladen erwerben und solle sich natürlich als Gast an alle Regeln der Höflichkeit und örtlichen Gepflogenheiten halten. Auf diese Art und Weise lernt man Urlaubsorte und Menschen kennen, die man auf einem stinknormalen Campingplatz eher weniger trifft. Beispielsweise Daniel Fischer. Seit fast zwölf Generationen leben er und seine Familie bereits auf dem Hitscherhof in der Nähe von Pirmasens. Zusätzlich zu seiner kleinen Pension mit gerade einmal drei Zimmern, bietet er als Partner von „Landvergnügen“ Wohnmobilisten die Möglichkeit an auf seinem Rasen halt zu machen. Geld will er dafür keines, freut sich aber, wenn die Gäste in seinem Hofladen eines seiner vielen Produkte, hergestellt aus selbst gezüchteten Kürbisen erwerben. Touristen können auf diese Weise die Idylle seines abgelegenen Hof ist mitten in der Südwestpfalz genießen, dem Klappern der vielen Storchen-Familien auf dem Dach lauschen und Daniel hat im Gegenzug ein bisschen Umsatz gemacht und etwas an Bekanntheit gewonnen – eine klassische Win-Win-Situation.

Doch egal wo man mit seinem Wohnmobil aufschlägt, etwas vorherige Recherche und eine Anmeldung sind in jedem Fall empfehlenswert. Bedingt durch die Corona-Krise, erlebt diese Art des Verreisens einen echten Boom, beliebte Hotspots können daher gerade in den Ferienwochen schnell überlastet sein.

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