Mit „Yobsti“ schickt sich ein neuer Player auf dem Markt für kleine, autonome Supermärkte an, die Region zu erobern. Die erste Filiale eröffnete nun im Philippsburger Stadtteil Huttenheim.
Eisig fegt der Herbstwind durch die Huttenheimer Rheinstraße. Hinter den mit Packpapier beklebten Fenstern der Hausnummer 28 bemerkt man davon nur wenig. Hier drinnen gibt die Hitze des Gefechts die Temperatur an, denn was hier alles noch bis zum Ende des Tages erledigt werden muss, passt auf keine Kuhhaut. Regale müssen montiert, Lebensmittel aus Kartons ausgepackt, einsortiert, erfasst und gescannt werden. Maren steht gebückt im Mittelgang der brandneuen Filiale des autonomen Dorfladens „Yobsti“ und stapelt geduldig Milchtüten und Flaschen auf die schwarz eloxierten Regalböden.

Nicht gerade ihre Kernkompetenz – denn eigentlich ist Maren Softwareentwicklerin. Das hat sie mit vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen gemeinsam, die heute aus ihrer pfälzischen Heimat über den Rhein gekommen sind, um die erste Filiale des Start-ups in unserer Region an den Start zu bringen. Formal gesehen hat die Jobst GmbH ihren Firmensitz in Mannheim, ist jedoch eng verknüpft mit einem nicht ganz unbekannten Player aus der Region. Beteiligt sind Andreas und Markus Wirth, die mit ihrer Firmengruppe aus Waghäusel unter anderem den riesigen Industriepark Philippsburg samt seiner Aushängeschilder für erneuerbare Energien betreiben.
Angetreten ist Yobst mit der Idee, Erzeuger und Endverbraucher miteinander zu verknüpfen, die entsprechende Infrastruktur und Läden dafür zu entwickeln und bereitzustellen. Diese ursprüngliche Idee ist inzwischen über sich selbst hinausgewachsen – und das nicht zu knapp. Weil die ausschließliche Fokussierung auf regional erzeugte Lebensmittel ein zu kleines Sortiment in den Läden zur Folge hatte, wurde dieses um reguläre Handelsware erweitert. Aushängeschild der kleinen autonomen Läden soll aber weiterhin das regionale Angebot bleiben. Im Falle der neuen Filiale in Huttenheim finden sich hier beispielsweise Produkte vom regionalen Bäcker Pagel oder vom örtlichen Imker aus „Huttene“.

Das Konzept der kleinen Läden ohne festes Personal, mit Kassen, an denen Kundinnen und Kunden ihre Produkte selbst scannen und bezahlen, ist in der Region nicht neu. Das Franchise-Supermarkt-System „Tante M“ betreibt hier bereits mehrere Läden, zum Beispiel in Zeutern, in Menzingen oder in Neibsheim. Da es bei dieser besonderen Form des Einzelhandels besonders auf Effizienz ankommt, um in einem örtlichen Geschäftsumfeld bestehen zu können, das ganz offenkundig größere Supermärkte nicht anzieht, sind die digitalen Kompetenzen der Softwareschmiede entscheidend für den Fortbestand und die Weiterentwicklung. Möglichst alles soll so autonom und automatisiert, so smart wie möglich ablaufen, um im Alltag reibungslos funktionieren zu können.
Tilman, operativer Leiter bei Yobst, erläutert mir die Warenwirtschaftssysteme – etwa die modernen E-Ink-Displays, mit denen Preise, Produkte und Bestände in Echtzeit angepasst werden können. Damit all das auch großflächig und gewinnbringend funktioniert, denkt man bei Yobst groß und plant eine schnelle, weiträumige Expansion. Seit der Eröffnung des ersten Marktes in Kandel 2024 hat sich das kleine Unternehmen rasch gemausert und eröffnet in Huttenheim nun Filiale Nummer fünf. Wenn es nach André Tiede geht, Geschäftsführer von Yobst und mit seinen „Thirtysomethings“ der graue Senior des Unternehmens, soll künftig alle paar Wochen ein neuer Laden hinzukommen.

Dafür möchte man Kommunen und Gemeinden für sich begeistern. Entsprechendes Infomaterial für Rathäuser, die an einem solchen Konzept interessiert sind, findet sich gut aufbereitet auf der Webseite des Unternehmens. Der Markt dafür existiert: Viele Gemeinden versuchen, Läden und Betreiber für die eigene Nahversorgung zu gewinnen. Doch je kleiner die Kommune, desto aussichtsloser ist es, einen Discounter oder gar einen Vollsortimenter anzusiedeln. Kleine Läden wie die von Yobsti füllen die entstandene Lücke perfekt aus – sie sorgen für eine funktionierende Nahversorgung bei vergleichsweise geringen Betriebskosten.
Vorteile und Nachteile dieses Systems sind mittlerweile bekannt. Auf der Habenseite stehen die Verfügbarkeit von Produkten des täglichen Bedarfs in kleinen Ortschaften – und das mehr oder minder rund um die Uhr, auch am Wochenende. Dagegen stehen zuweilen technische Hürden für ein älteres Publikum, fehlende soziale Kontakte durch nicht vorhandenes Personal und die Anfälligkeit der Läden für Diebstahl und Vandalismus. Gerade Letzteres ist auch in unserer Region in den letzten Jahren immer wieder Thema und Ärgernis gewesen. Schließlich sorgen Ladendiebe und Chaoten effektiv dafür, dass genau den Menschen im eigenen Ort die Möglichkeit des örtlichen Einkaufs entzogen wird, die so dringend darauf angewiesen sind.

Bei Yobsti setzt man daher auf die Überwachung der Läden durch Kameras sowie auf die Auswertung und Interpretation der Daten – unter anderem durch eigene Software. Ein weiterer Pluspunkt, der aus dem beruflichen Know-how der Entwickler resultiert. Sachbeschädigungen oder eindeutige Diebstähle werden konsequent zur Anzeige gebracht.
Während es am Freitagvormittag in der Huttenheimer Yobsti-Dependance noch ein bisschen chaotisch aussieht, tickt bereits die Uhr für die geplante Eröffnung. Am Samstag soll es hier bereits losgehen: Das Packpapier verschwindet, die Türen öffnen sich für den autonomen Einkauf in Huttenheim. Ganz ohne Registrierung oder andere Formalitäten soll die Kundschaft dann durch die Regalreihen schlendern, gewünschte Produkte in den Einkaufskorb legen und das Ganze an einer der Selbstscannerkassen erfassen können. Gezahlt wird beispielsweise ganz unkompliziert mit EC-Karte, sollte Hilfe benötigt werden, ist diese nur einen Anruf bei der Servicehotline entfernt.

Für Huddene ist die Neueröffnung definitiv ein Gewinn. Hier gibt es bislang im Ortskern keine echte Einkaufsmöglichkeit – beziehungsweise keine mehr. Gegenüber findet sich ein Automat für Eiscreme, daneben einer für Süßigkeiten und Co., ansonsten sieht es besonders für Menschen, die keine langen Wege laufen oder fahren können, eher mau aus. Bleibt zu hoffen, dass der kleine Markt angenommen wird, von Langfingern und Vandalen verschont bleibt und so dazu beitragen kann, Wohnen und Leben im kleinen Philippsburger Stadtteil wieder ein Stück schöner zu machen.

Platz da , die Roboter kommen !
Wie ist denn das Preisniveau?
Ich kenne nur das von Tante M und finde die Preise wirklich gesalzen.
Dass die Preise höher sind, als bei Discountern ist völlig nachvollziehbar, ich akzeptiere auch höhere Preise als im „normalen“ Supermarkt. Aber ein Preisniveau wie im Flughafen halte ich unter Berücksichtigung der gesparten Personalkosten dann doch für zu teuer.
Wäre interessant, wie die Wettbewerber sich hierbei platzieren …
So schlimm ist es nun auch nicht. Gerade erst vor ein paar Tagen ein Abendessen eingekauft: Fleisch vom örtlichen Metzger, Nudeln vom Bauern aus Bretten, etwas Creme fraîche und ein süßer Nachtisch, alles in allem für 17 Euro, das hätte man im regulären Markt nicht viel billiger bekommen.