Die letzten Metzger

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Metzgermeister Martin Kratz vor seiner geschlossenen Metzgerei in Kraichtal / Archivbild von 2017

Warum die Dorfmetzger so wichtig für das Tierwohl und die Dorfgemeinschaft sind und es trotzdem immer weniger davon gibt

Still und leise werden bei immer mehr Metzgereien im Kraichgau die Markisen eingeholt, die Rollläden heruntergelassen und ein Schild ins Schaufenster gehängt, das den Abschied für die Kundschaft in Worte fasst.

Zusammen mit den Bäckern bilden die Metzger die Speerspitze des deutschen Lebensmittel-Handwerks, eine Spitze die zunehmend rostiger und stumpfer wird. In den letzten 10 Jahren hat Deutschland über 30% seiner Metzgereien und Bäckereien verloren, Tendenz immer weiter steigend.

Für Metzger war mitunter das Jahr 2010 ein harter Gezeitenwechsel als die Europäische Union ihre Lebensmittelverordnungen novellierte. Um die Zulassung als EG-Betrieb zu erhalten, mussten viele Metzger – insbesondere jene die bis dahin ihr Vieh selbst schlachteten, immense Summen in ihren Betrieb investieren, Gelder die manchen Metzgern schlicht nicht zur Verfügung standen und sie keine andere Wahl sahen als den langjährigen Familienbetrieb umzustellen oder gleich ganz zu schließen. Wer hat schon mal eben 500.000 € für ein neues Schlachthaus auf der hohen Kante?

Der entfesselte Amtsschimmel galoppierte wie wild durch jene Betriebe, die bis dahin ordnungsgemäß arbeiteten und jahrzehntelangen nicht zu beanstanden waren. Auf der Strecke blieb dabei auf ganzer Linie das Tierwohl. War es bis dahin möglich, dass ein kleiner Dorfmetzger die Kuh vom Bauern ein paar Häuser weiter am Strick zum eigenen Betrieb führte und dort kurz und schmerzlos schlachtete, muss besagter Metzger, wenn er nicht gerade über ein nagelneues EU-konformes Schlachthaus verfügt, nun das Vieh zu einem Schlachthof karren lassen, wo es mit unzähligen weiteren Artgenossen im industriellen Rahmen getötet wird. Unterm Strich also ein äußerst fragwürdiges Manöver der EU-Bürokraten.

Doch nicht nur die EU macht den Metzgern das Leben schwer, sondern auch die massive Konkurrenz durch die überall aus dem Boden schießenden Discounter. Wenn sich eine große Supermarktkette damit brüstet für sechs Nackensteaks nur 1,99 € zu kassieren, sollte bei jedem vernunftbegabten Menschen das Alarmlicht aufleuchten. Für einen solch lächerlichen Preis ist keine Qualität zu erwarten und man kann mit Sicherheit davon ausgehen das Tier und Mensch auf dem Produktionsweg dieser Billigware komplett auf der Strecke bleiben.

Der wahrscheinlich schwerwiegendste Grund für das Sterben der Metzger auf dem Land, ist aber mit Sicherheit das Verhalten von uns Verbrauchern. Anstatt den örtlichen Dorfmetzger zu unterstützen, kaufen wir unser Grillgut zu Schleuderpreisen im Supermarkt, wenngleich wir doch genau wissen das dadurch ein Stück Kulturgut den Bach runtergeht. Wir fördern damit Massenbetriebe und Viehtransporte bei denen das kurze Leben der Schlachttiere von maximaler Traurigkeit , Tristesse und Leid geprägt ist. Es ist völlig legitim bei einem Karton Waschpulver auf den Preis zu schauen und so viel zu sparen wie es geht, bei einem Produkt für das empfindungsfähige Lebewesen sterben müssen, ist dieser Ansatz aber nach jeder möglichen Definition einfach falsch und nicht angemessen.

Auch wenn es paradox klingen mag, die kleine Metzgerei auf dem Lande ist der beste Garant für einen ehrlicheren Tierschutz. Sie beziehen ihre Tiere meist direkt aus der unmittelbaren Nachbarschaft und unterstützen damit Kleinbauern, die noch auf echtes Handwerk und nicht Antibiotika-gestützte Massentierhaltung setzen. Zudem entfallen die langen und qualvollen Transportwege, in manchen Fällen finden Aufzucht und Schlachtung sogar noch im gleichen Dorf statt.

Für wen also das Tierwohl nicht nur etwas ist, das auf die eigenen Haustiere oder belehrend auf andere anzuwenden ist, der sollte sich überlegen wieder den örtlichen Metzger zu unterstützen und nicht mehr die jeder Ethik entbehrenden Systeme der Großanbieter. Zugegeben, die Begriffe Tierschutz und Tierwohl sind in diesem Zusammenhang für manche sicher schwer verdaulich, denn am Ende steht dennoch der Tod des Tieres. Geht man aber pragmatisch davon aus dass Menschen nun mal einfach Tiere essen, ist die Unterstützung der örtlichen Metzger ein Schritt weg von der Entmenschlichung des Systems und der maschinellen Massentötung. Es spielt eben nicht nur eine Rolle ob das Tier am Ende stirbt, sondern auch wie es davor gelebt hat.

Informieren Sie sich einfach bei Ihrem örtlichen Metzger wo er das Fleisch einkauft, ob er noch selber schlachtet und falls nicht, wo das Schlachthaus seiner Wahl zu finden ist. Wie bei allen anderen Gewerken auch, werden Ihnen die Ehrlichen gerne offen und frei auf Ihre Fragen antworten – wer daraus ein Geheimnis macht, muss damit rechnen das Vertrauen der eigenen Kundschaft zu verlieren und sich in die lange Reihe derer einzugliedern die bereits das Handtuch geworfen haben.

Mit den Metzgern und Bäckern geht auch immer mehr Dorfkultur den Bach herunter. Die kleinen Läden sind nicht selten echte Treffpunkte, wo man sich austauschen kann, etwas Dorfklatsch erfährt und sich dadurch nicht so abgehängt vom Rest der Welt fühlt. Insbesondere ältere Menschen, die nicht auf den niemals endenden Informationsfluss des Internets zugreifen können, ist das Sterben der Dorfläden eine regelrechte Tragödie. Es liegt an uns diesen Trend zu ändern und dem Verfall der Dorfmitten entgegenzutreten.

Also bitte ich Euch Freunde, nickt jetzt nicht nur resigniert und lauft morgen wieder zur Discounter Theke, sondern verzichtet lieber unter der Woche ein paar mal mehr auf Fleisch oder Wurst und steckt das gesparte Geld in erstklassige Ware eurer örtlichen Metzger. Macht es wieder zu etwas Besonderem Fleisch zu essen und freut euch die ganze Woche lang auf ein erstklassiges Stück Braten am Sonntag, ihr werdet sehen, so gut hat er euch noch nie geschmeckt.

Eine Meinung von Philipp Martin

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