Von allem zu wenig – Oberöwisheim bangt um seine Grundschule
Eine pragmatische Bestandsaufnahme von Stephan Gilliar
Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden einen kleinen Laden betreiben. Stellen Sie sich ferner vor, über die Jahre kämen dann immer weniger Kunden, fänden sich kaum noch Angestellte, sinke die Qualität Ihrer Waren. Stellen Sie sich vor, Sie müssten immer mehr Kompromisse eingehen, um den Laden am Leben zu erhalten, regelmäßig draufzahlen – auch wenn das Ganze eigentlich keinen Sinn mehr ergibt. Was würden Sie in einer solchen Situation pragmatisch unternehmen? Wenn Sie ehrlich sind: letztendlich den Laden schließen.
Nun ist eine Schule kein Laden und kann nicht einfach so geschlossen werden. Doch das Bild ist erstaunlich stimmig, wenn man sich die Situation der Burggartenschule im Kraichtaler Stadtteil Oberöwisheim anschaut. Schon die Zahlen lesen sich alles andere als optimistisch: Zwei bis drei Lehrkräfte unterrichten, vermehrt auch in Fächern, für die sie eigentlich nicht ausgebildet sind. Eine immer kleiner werdende Schar an Kindern – und das auch noch klassenübergreifend. Konkret bedeutet das: Die erste und die zweite Klasse werden gemeinsam unterrichtet, ebenso die dritte und die vierte. Das klingt nicht optimal, und das ist es auch nicht. Denn im Grunde ist es so, als ob man auf einer Autobahn versucht, zwei verschiedene Mindestgeschwindigkeiten gleichzeitig durchzusetzen. Für den einen wird es immer zu schnell und zu viel sein, für den anderen zu langsam und zu wenig. Oder, wenn Sie es etwas neudeutscher wollen: eine veritable „lose-lose-Situation“.
Ein Lehrer, eine Schule, keine Pause
Wenn nun – und das ist in Oberöwisheim eine Situation, die schon mehrfach eingetreten ist – eine Lehrkraft ausfällt, muss die andere alle Kinder und Klassen betreuen. Faktisch bedeutet das: Es geht nur noch um Aufsicht, Unterricht ist dann nicht mehr möglich. Lassen Sie sich das bitte auf der Zunge zergehen: Eine einzige Lehrkraft muss dann die komplette Schule beaufsichtigen – und das ohne Unterbrechung. Theoretisch ist ihr nicht einmal eine Toilettenpause möglich, da sie während ihrer Abwesenheit besagte Aufsichtspflicht verletzen würde.

Da die Burggartenschule seit 2022 eine Außenstelle der Eisenhutschule in Unteröwisheim ist, pendeln Lehrkräfte bei Bedarf auch vertretungsweise zwischen den Orten. Dadurch entsteht Mehrarbeit und ein Überstundenberg, der es in sich hat. Das staatliche Schulamt in Karlsruhe führt dies in seiner Antwort auf unsere Presseanfrage deutlich aus:
„Bereits im vergangenen Schuljahr (2024/2025) haben die Lehrkräfte deutlich mehr Unterrichtsstunden gehalten, als es ihre Verpflichtung gewesen wäre. Diese Stunden werden zwar vergütet, jedoch ist die Summe so hoch, dass wir im Rahmen der Fürsorgepflicht dies nicht dauerhaft anweisen können. Auch die Mehrbelastung des Schulleiters ist so nicht weiter zu verantworten. Schulorganisatorisch wäre daher in Ausfallsituationen eine zeitweise Beschulung der Schüler*innen der Außenstelle im Stammhaus notwendig.“
Der unausgesprochene Elefant
Besonders der letzte Satz lässt aufhorchen und zeigt auf, wohin die Reise eventuell führen könnte: zur Auflösung der Außenstelle und zur Integration des Schulbetriebes in die Räume der Eisenhutschule. Eine Option, die das Schulamt durchaus thematisiert:
„Denkbar ist, die Außenstelle aufzuheben. Dies ist aber eine Maßnahme nach §30 Schulgesetz, die ausschließlich auf Antrag des Schulträgers erfolgen kann.“
Schulträger ist in diesem Fall die Stadt Kraichtal, die erst vor wenigen Tagen gemeinsam mit dem Schulamt bei einer Elternversammlung den prekären Zustand der Grundschule in Oberöwisheim erläuterte. Ein Zustand, der nicht neu ist, den niemand verleugnen kann – den sowohl die Schule, die Stadt als auch die Eltern kennen. Im Grunde wird die Grundschule Oberöwisheim schon seit Jahren künstlich über Wasser gehalten – durch ein Jonglieren mit den Lehrkräften aus Unteröwisheim, die bei Vertretungen natürlich am Stammhaus fehlen. Deswegen sagt Bürgermeister Tobias Borho auch klar:
„Sobald wir in Oberöwisheim den Unterricht nicht mehr aufrechterhalten können, gehe ich zum Gemeinderat und werde dort eine dauerhafte Lösung anregen.“
Was diese dauerhafte Lösung ist, dürfte jedem klar sein. Es ist der Elefant, der unausgesprochen schon seit Jahren im Raum – oder eben in der Aula – steht: die vollständige Integration der Schulkinder aus Oberöwisheim in den Schulbetrieb von Unteröwisheim. Wer sich ehrlich macht, kann auch zu keinem anderen Schluss kommen – es ist einfach logisch. Die dauerhafte Aufteilung auf zwei Standorte schwächt letztlich beide – und das kann für niemanden gut sein.

Auch die pädagogische Sicht war auf der Veranstaltung vergangene Woche zu hören. Grob zusammengefasst lautet sie: „Manche Kinder kommen mit der Situation zurecht, andere aber nicht – die fallen einfach hinten runter.“ Mit „die Situation“ ist nicht nur der klassenübergreifende Unterricht gemeint, sondern auch regelmäßige Unterrichtsausfälle, Vertretungen durch fachfremde Lehrkräfte – nicht selten auch reine Betreuungssituationen ohne Unterrichtscharakter.

Wer sich nun fragt, warum nicht einfach mehr Lehrkräfte für Oberöwisheim abgestellt werden, der muss sich klarmachen, dass Lehrstellen bzw. Stundenkontingente sich insbesondere an der Zahl der Schüler orientieren. Gemessen daran hat die Gesamtschule schon deutlich mehr Stunden zuerkannt bekommen, als ihr eigentlich zustünden. Doch an einer Stelle beißt die Maus keinen Faden ab: Es sind einfach zu wenige Kinder in good old Oweroise. Im Schuljahr 2025/2026 hat die Außenstelle Oberöwisheim 47 Schüler*innen – in der vierten Klasse sind es beispielsweise gerade mal zehn.
Warum wurde dann überhaupt die Grundschule Oberöwisheim zur Außenstelle von Unteröwisheim? Nun, weil das die einzige Möglichkeit war, den Schulbetrieb überhaupt aufrechtzuerhalten. Obwohl lange gesucht wurde, fand sich einfach kein Personal für die kleine Grundschule – die Suche nach einem Schulleiter lief über Jahre ins Leere. Es war letztlich die Zusammenlegung, die den Karren bislang über Wasser hielt. Seither ist der Schulbetrieb quasi eine einzige Ausnahmesituation. Lehrer müssen ständig hin- und herpendeln, fallen somit für eine Vertretungsstunde gleich für drei Schulstunden aus, weil der Standortwechsel natürlich nicht in einer kleinen Pause zu machen ist. Es ist ein System, das auch Verschleiß fährt.
Dennoch ist die Sorge und die Frustration in Oberöwisheim groß – und das ist allzu verständlich. Schließlich ist gerade das Thema Grundschule ein hochgradig emotionales. Das hat bereits die Situation um die Schließung der Grundschule in Landshausen klar aufgezeigt. Auch dort stellten sich die Eltern auf die Hinterbeine – in Sorge um das Ausbluten ihres Stadtteils. Eine Sorge, die nicht von der Hand zu weisen ist – dennoch bleiben die Zahlen aktuell schwierig.

Die emotionale Komponente darf in dieser Diskussion nicht unterschätzt werden. Schließlich sind viele der Eltern selbst in Oberöwisheim zur Grundschule gegangen, verbinden damit ein Stück ihrer Kindheit. Das Gebäude selbst steht übrigens nicht zur Diskussion – es geht nur um die Außenstelle als organisatorische Einheit. Wie Landshausen zeigt, kann es für das alte Haus durchaus weitergehen: Hier wird gerade für viele Millionen ein neuer Schulstandort in privater Trägerschaft eingerichtet.
Was passiert, wenn es noch weniger werden?
Was heißt das nun konkret für Oberöwisheim, um zu einem Fazit zu kommen? Nun ja, wenn die Schülerzahlen weiter sinken, steht durchaus im Raum, dass bei weiterer Unterschreitung der Mindestschülerzahl noch mehr Klassen zusammengelegt werden müssen. Dann könnte es tatsächlich ein Szenario geben, in dem drei oder vier Jahrgänge gemeinsam unterrichtet würden. Was spätestens dann passiert, darüber macht man sich beim Schulamt keine Illusionen: „Die Erfahrung aus vergleichbaren Außenstellen – auch in Kraichtal – hat gezeigt, dass Eltern in solchen Fällen ihr Kind bewusst nicht mehr an diese Schulstelle schicken.“
Noch spricht niemand offen über eine mögliche Schließung der Burggartenschule, noch nennt jemand die Verlegung der Kinder nach Unteröwisheim beim Namen. Doch wer ehrlich hinschaut, erkennt: Es gibt kaum eine andere realistische Option, sollten die Zahlen weiter auf diesem Niveau stagnieren oder sinken. Es gibt allerdings durchaus auch Prognosen, die steigende Zahlen in der Zukunft sehen. So sieht der Schulbericht 2023/2024 durchaus wieder einen möglichen Zuwachs, auch am Standort Oberöwisheim. Aktuell werden aber die Mindestschülerzahlen jedoch kontinuierlich unterschritten.
Das ist keine leichte Erkenntnis – vor allem nicht für die Eltern, die verständlicherweise an ihrer Schule festhalten wollen. Viele von ihnen sind selbst hier zur Schule gegangen, verbinden mit dem Gebäude und dem Ort ein Stück ihrer eigenen Geschichte. Doch bei aller berechtigten Emotionalität darf am Ende das Wichtigste nicht aus dem Blick geraten: das Wohl der Kinder. Sie brauchen keine Notlösungen, sondern Verlässlichkeit, Ruhe und ein Umfeld, in dem Lernen gelingen kann. Und genau das könnte eine gemeinsame Lösung in Unteröwisheim besser leisten als ein immer wackeligeres Provisorium in Oberöwisheim.
UPDATE: Informationen aus dem Schulbericht 23/24 wurden hinzugefügt und der Beitragstext entsprechend angepasst. Demnach könnten laut Prognose die Schülerzahlen, unter anderem in Oberöwisheim in den kommenden Jahren wieder ansteigen. Wie sich dies auf die Bewertung durch Stadt und Schulamt auswirkt, ist aktuell noch offen. Wir haben entsprechende Nachfragen beim Schulamt und bei der Stadtverwaltung gestellt. Sobald die Antworten eintreffen, werden wir diesen Artikel aktualisieren.
UPDATE: Wir haben zwischenzeitlich erneut Rückmeldung von Dr. Rüdiger Stein vom Staatlichen Schulamt Karlsruhe erhalten. Er war so freundlich unsere, aus den Rückmeldungen der Leserschaft entstandene Frage zu beantworten. So seien die von der Stadt Kraichtal vor einem Jahr veröffentlichten vorläufigen Prognosen für die Schülerzahlenentwicklung mit Vorsicht zu genießen, da dies nur grobe Hochrechnungen sind, die nicht zwangsläufig auch den realen Zahlen entsprechen. Dr. Stein verweist in diesem Fall exemplarisch auf die Prognose für das Schuljahr 2025 / 2026. Hier wurden in besagter Hochrechnung für die Grundschule Oberöwisheim 62 Schüler ermittelt, tatsächlich liegt die reale Zahl bei 47 Schülern – eine Abweichung von rund 25 % .
„Trend zeigt es glasklar: Die Schülerzahlen in Oberöwisheim sind rückläufig.“ Das ist nicht zutreffend. Die Prognose der Stadt im Schulbericht geht von steigenden Zahlen in den nächsten 3 Jahren aus. Interssanterweise ist die Schule in Oberöwisheim sehr stark im Fokus, obwohl andere Schulen deutlich schlechtere Zahlen haben (Gochsheim z.B. ). Spannend bleibt die Frage, ob die prognostizierten Zahlen noch passen, wenn die Eltern durch Informationsveranstaltungen und durch Berichterstattungen dahingehend abgeschreckt werden, ihr Kind an der Schule anzumelden. Die sehr negative Darstellung befeuert und beschleunigt den Untergang der familiären Schule. Es wird viel über die Lehrer dort gesprochen und gemutmaßt. Vielleicht sollte man dort mal nachfragen, wie die über die aktuelle Situation denken?! Eins ist sicher, die Lehrkräfte haben 100% das Vertrauen der Eltern. Wenn die Lehrer der Schule sich für einen Zusammenschluss aussprechen, stehen die Eltern dem nicht im Wege. Insgesamt finde ich den Bericht leider etwas zu einseitig.
Der Trend aus dem Schulbericht wurde in einem Update ergänzt und der Text dementsprechend angepasst. Danke für die Rückmeldung! Wir haben bereits eine entsprechende Nachfrage beim Schulamt und der Stadt in die Wege geleitet. PS: Einen irrtümlich hinzugefügten Absatz, der eigentlich im Artikel über Tony Löffler zu Hause war, wurde ebenfalls entfernt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
Sehr gut geschrieben, Martin. Ich kann dem nur zustimmen.
Mir fehlen noch ein paar Details.
Um die Lösung in Unteröwisheim zu verstehen, sollten mehr noch die vorhandenen Kapazitäten aufgezeigt werden.
Passen die 60 zusätzlichen Kinder und später 70 in die Schule von Unteröwisheim?
Werden dadurch die Klassen über 31 Kinder pro Schuljahr steigen?
Was passiert mit den Kinder aus Neuenbürg, die jetzt nach Oberöwisheim gehen, müssen die nach Münzesheim?
Wie viele neue Lehrer Dienstpostens können in der Schule in Unteröwisheim durch die Maßnahmen eröffnet werden?
Es hat sich in Gochsheim gezeigt, dass wenn sich der öffentliche Schulträger zurück zieht, kommt ein Privater. Was passiert dann mit dem Schulgelände in Oberöwisheim?
Die gesetzlichen Schranken der Eltern ein Kind woanders anzumelden. Der Schulbezirk darf nicht einfach frei gewählt werden. Dies müsste heraus gearbeitet werden, um aufzuzeigen warum nicht einfach Kinder aus Unteröwisheim nach Oberöwisheim geschickt werden können.
Also am Ende werden die Eltern und auch der Bürgermeister nicht viel da mit reden können. Die Entscheider sitzen nicht in Kraichtal. Es fehlt im Artikel der Standpunkt vom Regierungspräsidium Karlsruhe.
Danke Ihnen.
Aus Erfahrung kann ich sagen, dass der Zusammenschluss der Grundschulen von Menzingen und Landshausen ein Segen war. Man muss manchmal offen neue Wege gehen.
Machts wie Landshausen: verkaufen!
Die Darstellung in diesem Bericht macht uns sehr traurig. Unsere Tochter besucht seit einem Jahr die Grundschule in Oberöwisheim und wir waren in diesem Jahr mehr als zufrieden. Die zusammengelegte erste und zweite Klasse war für uns sehr positiv, nach unserem Empfinden haben die Kinder beider Jahrgänge davon profitiert. Die Lehrkräfte waren immer engagiert und den angeblichen Notbetrieb, von dem erstmalig in der Informationsveranstaltung gesprochen wurde, haben wir nicht wahrgenommen. Wir sehen es ganz klar – wo ein Wille ist, gibt es auch einen Weg. Viele der Argumente, die bei der Veranstaltung gemacht wurden, können im Dialog entkräftigt werden, es können Lösungen gefunden werden. Fakt ist: die Qualität des Unterrichts ist vorbildlich und das Miteinander an unserer Grundschule ist einmalig. Wir würden uns freuen, wenn unsere Tochter ihre Grundschulzeit weiterhin hier in unserem Ort erleben darf.
Jo, ich würd mich auch über vieles freuen…das Leben ist kein Wunschkonzert!
Das wünschen wir uns und viele andere Eltern hier und in Neuenbürg auch