Das Wasser bis zum Hals

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Mit eindringlichen Appellen machen Bürgermeisterrunde, Landkreistag und Gemeindetag auf die prekäre Lage zahlreicher Kommunen aufmerksam.

„Es fehlt an Geld, es fehlt an Mitteln.“ Sätze, die man seit Jahrzehnten überall hört, die so inflationär genutzt werden, dass sie sich längst abgenutzt haben. Wann hört man schon einmal Statements wie: „Uns geht’s gut, das Geld kommt uns fast zu den Ohren heraus“? Doch allein schon der Begriff „Jammern“ impliziert, dass hier über etwas geklagt wird, das im Grunde doch eigentlich gar nicht so schlimm ist. Genau aus diesem Grund hat der Landkreis Karlsruhe in seinem jüngsten Appell genau dieses Wort direkt zur Schlagzeile erhoben: „Jammern ist gerechtfertigt.“ Vielleicht etwas unglücklich formuliert, denn laut der offiziellen Definition im Duden geht es beim Jammern mehr um das Empfinden der Umstände als um deren tatsächliche Beschaffenheit. Doch genug der Wortklauberei – was Landkreis und vor allem die Runde der Bürgermeister damit eindrücklich auf den Punkt bringen wollen, ist: „Die Lage ist ernst, verdammt ernst, und das ist mehr als nur pathetisches Jammern.“

Thema Nummer eins auf der Tagesordnung der Gemeindeoberhäupter vor wenigen Tagen in Malsch waren die kommunalen Finanzen. Diese befinden sich in einem derart kritischen Stadium, dass kaum noch eine Stadt, eine Gemeinde oder ein Landkreis einen ausgeglichenen Haushalt aufstellen kann. Klingt erst einmal wenig spektakulär, doch die Folgen sind weitreichend: Wenn sich kein ausgeglichener Haushalt mehr aufstellen lässt, droht die Haushaltssperre. Die Kommune darf dann nur noch Ausgaben tätigen, die absolut notwendig sind – etwa für laufende Betriebskosten oder gesetzlich vorgeschriebene Leistungen. Investitionen, freiwillige Aufgaben wie Kultur- oder Sportförderung oder neue Projekte werden gestoppt, bis der Haushalt wieder ausgeglichen ist. Langfristig drohen Kürzungen bei öffentlichen Leistungen, höhere Gebühren für Bürger:innen oder sogar die Übernahme der Finanzaufsicht durch das Land, was die kommunale Selbstverwaltung stark einschränkt. Oder anders formuliert: Dann brennt der Busch.

Ohne einen haltbaren Haushalt kommen all die Dinge, die wirklich wehtun. Dann können keine Schulen oder Kindergärten mehr saniert werden, dann verfallen Sporthallen, schließen Schwimmbäder, werden Bibliotheken eingestampft oder Vereinsförderungen ausgesetzt. „Keine dieser Maßnahmen will ein Kommunalpolitiker beschließen – doch vielerorts werden sie unvermeidlich“, fasst Steffen Jäger, Präsident des Gemeindetags Baden-Württemberg, in einem offenen Brief das Dilemma zusammen. Der Gemeindetag steht dabei immerhin für einen Zusammenschluss von über 1.000 Mitgliedskommunen.

Jäger fordert daher eine gesamtstaatliche Reform: „Wir brauchen eine ehrliche Aufgaben- und Standardkritik, die den Mut hat, Prioritäten zu setzen. Und wir müssen neu fragen: Was kann und muss der Staat leisten – und was kann er nicht mehr leisten, ohne sich selbst zu überfordern?“

Doch was hat eigentlich das Verhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben derart eskalieren lassen? Laut Mitteilung des Landkreises Karlsruhe, die sich auf den Auftritt Jägers vor der Bürgermeisterrunde in Malsch bezieht, sind nicht die Einnahmen das Problem, sondern die gestiegenen Ausgaben. Im Fokus stehen dabei vor allem soziale Leistungen wie die der Eingliederungs- oder der Jugendhilfe. In der Mitteilung des Landkreises wird beispielhaft die Jugend- und Eingliederungshilfe für Behinderte aufgeführt. Obwohl diese nur 1,3 % der Einwohnerschaft des Kreises ausmacht, werden dafür 32 % des gesamten Kreishaushalts aufgewendet – ein Umstand, der in dem Schreiben des Verbandes als „krasses Missverhältnis“ eingeordnet wird. Weiterhin werden ein großer Investitionsstau und Bürokratie als belastende Faktoren genannt.

Der als offener Brief formulierte Appell von Steffen Jäger stößt auf Resonanz. Auch Landrat Dr. Achim Brötel aus dem Neckar-Odenwald-Kreis, ebenfalls Präsident des Deutschen Landkreistags, findet: „Als Landkreise teilen wir ganz ausdrücklich die tiefe Sorge, die in dem Brief von Gemeindetagspräsident Steffen Jäger zum Ausdruck kommt. Denn die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind in der Tat gewaltig.“ Die Kommunen steckten aktuell in einer Finanzkrise von noch nie dagewesenem Umfang. Den Landkreisen, Städten und Gemeinden drohe in diesem Jahr ein bundesweites Defizit von mehr als 30 Milliarden Euro. „Neun von zehn Landkreisen in Baden-Württemberg können ihre Aufwendungen nicht mehr aus laufenden Erträgen bezahlen. Die Kommunalfinanzen befinden sich also ganz offensichtlich im freien Fall“, so Brötel weiter.

Steffen Jäger verbindet die aufgezeigten Problemstellungen in seinem Brief mit einem zentralen Appell, auch an alle Menschen im Land: „Die Gemeinden sind der Ort der Wahrheit, weil sie der Ort der Wirklichkeit sind. Es gilt, diese Wirklichkeit anzuerkennen und aus der Krise den Mut zur Erneuerung zu schöpfen. Für unsere Kinder. Für unser Land. Für unsere Demokratie.“ Und weiter: „Unser Staat, unsere Demokratie wird von den Menschen getragen. Deshalb stellen wir die Bürgerinnen und Bürger in die Mitte unseres offenen Briefes. Wir als Kommunen sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Unsere Botschaft lautet: Nur wenn die Bürgerinnen und Bürger bereit sind mitzuwirken, kann unser Land die notwendigen Reformen schaffen.“

Wie diese Reformen konkret aussehen sollen, das bleibt Jäger in seinem Appell allerdings schuldig. Um die Quintessenz dennoch ein Stück weit einzuordnen: Er fordert keine Patentlösungen, sondern eher einen schonungslosen Realitätscheck. Staat und Gesellschaft müssten gemeinsam Prioritäten setzen, überflüssige Standards streichen und Verantwortung neu verteilen – statt weiter auf Kosten der Kommunen zu wirtschaften. Sein Appell zielt letztlich darauf ab, eine ehrliche Debatte anzustoßen, aus der dann konkrete Reformen wachsen sollen – etwa durch weniger Bürokratie, mehr Bürgersolidarität und klare Entscheidungen, was der Staat sich noch leisten kann.


Kommentar „Geld, Würde, Mut“

von Stephan Gilliar

Ja, der Busch brennt. Die Haushaltslage der Kommunen und des Kreises ist prekär, der Handlungsbedarf offensichtlich. Den Investitionsstau erleben wir tagtäglich: bei der Digitalisierung unserer Ämter, in den sanitären Anlagen unserer Schulen oder beim Zustand unserer Bäder. Doch es hat einen bitteren Beigeschmack, wenn als eine der zentralen Ursachen für die Krise ausgerechnet die Zuwendungen an die Schwächsten hervorgehoben werden.

Richtig ist: Wer Leistungen beschließt, muss sie auch voll refinanzieren – und das sind nun einmal Bund und Länder, nicht die Kommunen. Es ist nicht Aufgabe der Städte und Landkreise, die systematischen Fehlentwicklungen auszugleichen, die anderswo entstanden sind. Während sie jeden Cent für Kitas, Schulen und Sozialhilfe umdrehen müssen, verschenkt der Staat auf höherer Ebene Jahr für Jahr Milliarden:
Konzerne wie Amazon oder Google zahlen dank Steuertricks kaum Steuern, Milliardenerben schieben ihr Vermögen durch Stiftungen und Schenkkarussells, fossile Konzerne kassieren weiter Milliarden-Subventionen – und gleichzeitig verjähren 10 Milliarden durch Cum-Ex-Betrug, während 30 Milliarden Schwarzgeld wegen unterbesetzter Finanzbehörden durchrutschen.

Allein durch konsequente Besteuerung von Großvermögen, digitale Steuern und die Schließung von Schlupflöchern bei Erbschafts- und Unternehmenssteuern ließen sich 80 bis 100 Milliarden Euro pro Jahr mobilisieren – genug, um die Kommunalhaushalte zu sanieren, ohne dass vor Ort gekürzt werden muss.

Doch diese Hebel liegen nicht in der Hand der Kommunen. Sie können nur die Folgen einer Politik ausbaden, die Steuergerechtigkeit und faire Lastenverteilung seit Jahren verschleppt.

Die Frage ist also nicht, was die Kommunen noch sparen können, sondern: Warum handeln Bund und Länder nicht endlich? Warum werden Steuerschlupflöcher nicht geschlossen, Subventionen nicht gestrichen und Vermögen nicht angemessen besteuert? Die Antwort darauf schulden uns nicht die Bürgermeister – sondern diejenigen, die die Gesetze machen. Es braucht nur etwas mehr Mut, und viel mehr Würde.

6 Kommentare zu „Das Wasser bis zum Hals“

  1. Erstmal alles ignorieren , dann präventive Dinge streichen und dann unter einem Vorwand Steuern und Gebühren drastisch erhöhen 😜. Zum Schluss braucht es noch einen Sündenbock um dann festzustellen,dass die Ursache bleibt ✔️.

  2. Eine ehrliche Debatte anstoßen, das klingt erst mal gut. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Kommunen (wenn man auch nicht alle in einen Topf werfen kann), in erster Linie nichts anderes im Focus hatten als Bau- und Industriegebiete zu erschließen. Maßlos. Dass das alle Folgekosten hat, interessierte keinen Schultes und der Gemeinderat wird mit eigens gestalteten Zahlenwerken erschlagen. So generierte man in der Vergangenheit Einnahmen nach der altbekannten Fruchtfolge; Zuckerrüben, Mais, Industriegebiet. Konzepte von vorgestern, die sich überholt haben. Am Ende werden die Hallen im Industriegebiet mit Oldtimern gefüllt, oder mit religiösen Minderheiten, die man nicht im Ort haben will. Industrie heißt heute Chips und Daten. Der schwäbische Autohändler ist reif fürs Museum. Das braucht natürlich seine Zeit, bis das in der Amtsstube ankommt. Baugebiete generieren Bevölkerungswachstum, sprich Kigas, Schulen, Strassen, Infrasturktur etc.. So blöd das klingt, das sind Folgekosten. Dem Schultes bringen mehr Einwohner Prestige und die Gemeinde wird zur Stadt. Doch die Bürger werden es ausbaden und die Gemeinden baden gehen. Sprich Schwimmbäder schließen, -mindestens. War das absehbar ? Ja !

  3. Ihr Kommentar trifft den Kern der Lage ganz genau, dem aufgezeigten Auswegen möchte ich aber in Teilen doch widersprechen!

    Erhöhung der Erbschaftssteuer:
    Dem Bürger wird erzählt, dass das nur die „Reichen“ betrifft. Wer zu den „Reichen“ gehört, wird bis zum Schluss verschwiegen. Viele der Menschen, die das laut befürworten, stellen dann auf einmal fest, dass sie scheinbar zu reich sind (auch wenn es sich gar nicht so anfühlt) und deren Kinder müssen dann einen Kredit aufnehmen, um das Häuschen der Eltern übernehmen zu können, für das Vater und Mutter ein ganzes Leben lang gezahlt haben!

    Vermögenssteuer:
    Gleiches Spiel! Ab welchem Vermögen soll denn besteuert werden? Wann ist es zu viel? Sollen Menschen bestraft werden, die lieber sparen, als alles, was verdienen jeden Monat unter die Leute zu bringen? Das Einkommen wurde bereits besteuert, dass der Staat beim Ersparten nochmal zulangt, ist Diebstahl.
    Ja, es gibt Superreiche – das muss man nicht gut finden – aber auf der Jagd nach deren Vermögen, wird dann wieder vor allem die Mittelschicht hart bestraft! Nicht wenige sorgen privat fürs Alter vor. Wer das im Rahmen von Sparplänen oder ähnlichem macht, kann sein Vermögen, das eigentlich im Alter die Rente aufbessern soll, dann vor einem übergriffigen Staat nicht mehr schützen!

    Wer behauptet, dass meine aufgezeigten Szenarien so nicht kommen werden, dem solle die Änderungen bei der Kapitalertragssteuer aus 2009 in Erinnerung gerufen werden. Man versprach, es ginge dabei um die großen Spekulanten, es traf aber vor allem die Kleinanleger – 25 % Prozent der Gewinne gehen an den Staat (das tut einer Bank weitaus weniger weh, als uns Privatpersonen) und durch die Abschaffung der Spekulationsfrist hat der Staat deutlich gemacht, dass es ihm im besonderen Maße um das Schröpfen von Privatanlagern geht.

    Unser Staat nimmt jedes Jahr mehr Steuern ein und kommt jedes Jahr weniger mit dem vorhandenen Geld aus. Wir leisten uns nach China das größte Parlament. Der Staatsapparat platzt, die Angestellten der Bundesministerien vervielfachen sich, ohne dass die Effizienz besser wird. Prunkbauten in Berlin werden trotz fehlenden Geldes durchgezogen!

    Ich akzeptiere keine Mehrbelastung durch einen Staat, der seine Finanzen nicht im Griff hat!

    Zum aktuellen Problem – die Kommunen werden am Ende den einfachsten Weg über die Grundsteuer einschlagen. Die ersten haben das bereits vorgemacht!
    So wird das offene Rechnung einfach weiter nach unten durchgereicht. Der Bürger hats ja!

  4. Ich bin vor 30 Jahren nach Kraichtal gezogen. Schön damals dachte ich, was ist hier eigentlich los. Investitionen in Dorf und Bürger: Fehlanzeige bzw. marginal.
    Verkehr: rollt durch, außer dem Lärm und Dreck hat niemand was davon.
    Und alle paar Jahre jammern bis zum Abgrund.
    Alternative Energien zur Kostenentlastung: wolle mer net!
    Da hat sich in 30 Jahren nix geändert.
    Aber Feuerwehrfahrzeuge für 9 Dörfer gibt’s immer wieder…
    Und die Politik ist unfähig, das Verteilungsproblem des Geldes zu mindest zu mindern…man will es doch gar nicht angehen!
    Auf allen Ebenen!
    Übrigens: Landshausen hat bis heute ein Schwimmbad…sieht so ähnlich aus, wie das Titelbild des Artikels.
    Seid mehr als 30 Jahren!

  5. Was auch noch zum Thema werden sollte, sind die 750 Millionen Euro die Jens Spahn wissend für überteuerte FFP 3 Masken ausgegeben hat.
    Die Geschäftsführer des Maskenherstellers lachen sich natürlich ein Fäustchen in die Hand. Und machen sich ein schönes Leben in der Schweiz
    Also ist die CDU auch nicht so unschuldig.
    Spahn und Scholz leiden beide an Vergesslichkeit

  6. Wieso soll die CDU unschuldig sein?
    Wer hätte denn meistens die Hebel der Macht in Händen?
    Und Andersdenkende und Handelnde misskreditiert?
    Und dennoch wird sie immer wieder gewählt ..

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