Seit Jahrzehnten versammelt Wolfgang Burger die Legenden des Irish Folk Rock im kleinen Zaisersweiher – in diesem Jahr auch meine Jugendliebe
Eine Hommage an die goldenen Tage musikgewordener irischer Lebenslust und ihrer Helden von Stephan Gilliar
Die Festhalle im kleinen Maulbronner Ortsteil Zaisersweiher ist das, was man „Von außen hui, von innen pfui“ nennen könnte – Gott sei Dank! Von außen fügt sich das Gebäude trist und langweilig saniert wie der Speisesaal eines Altenheims in das ruhige Wohngebiet ein, von innen aber hat es noch genau den herrlich-schäbigen Flair, den man von einer richtig gut durchgehängten Turnhalle erwarten darf. Holzvertäfelungen an den Wänden, knorrige Balken an den Decken, zweckdienlich montierte Sportgeräte und ein knatschiger Gummiboden, der Geschichten ganzer Generationen von Dorfschulklassen erzählt, die hier Völkerball, Brennball und Co. gespielt haben.



Irgendwie hat der TSV Zaisersweiher, ausführender Verein hinter den längst kultgewordenen Irish Folk Nights, es geschafft, eine Dorfturnhalle in einen irischen Pub zu verwandeln. Es gibt Whisky aus allen Ecken und Enden gälischer Sphären, abzüglich des berühmten Anteils für die Engel, versteht sich, frisches Guinness vom Fass und sogar dampfendes Irish Stew, dessen irisierende Oberfläche genauso speckig schillert wie die abgetragenen Flatcaps, die viele der bereits licht gewordenen Schädel im Publikum schmücken – so auch meinen.
Ja, die Jüngsten sind die Folk-Fans hier in Zaisersweiher augenfällig nicht mehr. Ich hätte nicht gedacht, das mit 45 noch einmal sagen zu können, aber mit meinen U50-Lenzen liege ich hier noch südlich des Altersmeridians. Wen das juckt? Nun, die Iren würden vielleicht sagen: Is cuma sa diabhal le cách. – Das interessiert nicht mal den Teufel. Das Publikum in der Halle ist einfach super: gemütliche Langhaarträger mit gälischen Symbolen auf den strack sitzenden T-Shirts über den Schottenröcken, Ladies mit wild-silbernem Naturhaar, Golden Ager mit Dreitagebärten und Schiebermützen.
Wolfgang Burger und die Geburt einer Idee
Zur letzten Kategorie gehört auch Wolfgang Burger. Mit blauem Hoody, einem bräsigen Hahnentritt-Muster auf der Kappe und einem gemütlichen Lächeln unter den funkelnden Augen steht er am Halleneingang und begrüßt die Gäste – viele per Handschlag, alle per Du. Er ist eine der zentralen Figuren, die die Irish Folk Nights in Zaisersweiher zu dem gemacht haben, was sie heute sind – ein kleines, feines Festival mit erstaunlich gutem und vor allem hohem Renommee in der Welt der irischen Folk Music.

Die Ursprünge finden sich bereits tief in den Achtzigerjahren, als Wolfgang mit seinem VW Bulli das erste Mal schwitzend auf der linken Seite durch Irland fuhr. Sa lá ar an tsráid, san oíche sa tábhairne – am Tag auf der Straße, am Abend im Pub. Wer schon mal in einem wirklich echten, urigen Pub auf der grünen Insel war – keiner Touristenfalle, sondern einer der Brennpunkte für echte Iren –, der weiß genau, wie es Wolfgang bei diesem ersten Kontakt mit der irischen Kneipenkultur gegangen ist: Er hat sich verliebt, hoffnungslos Feuer gefangen. Die Menschen, die Atmosphäre, das Bier und vor allem die Musik haben ihn geprägt, regelrecht verzaubert.
Diese Atmosphäre, diese Fröhlichkeit, wollte er nach Deutschland holen und organisierte in Maulbronn ein Event, das man als Mutter der Irish Folk Nights in Zaisersweiher bezeichnen könnte. Der Abend war gleichzeitig Erfolg und Desaster: Unfassbar viele Leute wollten dabei sein, viele davon blieben aber durstig, weil Wolfgang und seine Kumpel nicht mit einem solchen Andrang rechnend zu wenig Getränke eingekauft hatten und auch sonst die Logistik vor sich hin stotterte.

Geprägt von diesen – sagen wir – durchwachsenen Erfahrungen war es danach erst mal eine Weile ruhig, doch die Idee einer regelmäßigen Irish Folk Music Veranstaltung ließ Wolfgang nie wieder los. Vor 23 Jahren wurde dann in Zaisersweiher der Grundstein für eine wirklich lange und beeindruckende Erfolgsgeschichte gelegt. Anfangs noch personell und materiell hoffnungslos unterversorgt, entwickelte sich das kleine Festival über die Jahre zu einer echten Sternstunde der damals noch durch und durch lebendigen Szene.
Zwischenzeitlich stimmt ein großes Team des TSV Zaisersweiher die jährlich stattfindende zweitägige Konzertreihe routiniert und mit Bravour. Drei Namen spielen an jedem Abend, manche davon hat man schon lange nicht mehr gehört, manche noch nie, andere wiederum umso häufiger.
Eine Reise zurück zu meiner Jugendliebe
Den Namen, für den ich in diesem Jahr nach Zaisersweiher gereist bin, habe ich das erste Mal Mitte der Neunzigerjahre gehört und fortan lieben gelernt. 1997 habe ich Paddy Schmidt mit seiner Ende der Achtzigerjahre gegründeten Formation „Paddy Goes To Holyhead“ das letzte Mal live gehört – ein Konzert, das mir niemals mehr aus dem Kopf gegangen ist und bis heute zu den besten zählt, die ich je hautnah erleben durfte.

Ja, das war damals eine irre Phase, als Irish Folk Music tatsächlich noch teilweise die Plattencharts dominierte – so auch Paddy, der mit wirklich großen Legenden auf der Bühne stand, unter anderem mit den Hooters, den Pogues, den Dubliners, aber auch Herbert Grönemeyer, Deep Purple oder Jethro Tull.
In meiner Jugendkneipe, tief unten in einem alten Gewölbekeller, gab es zwei Hits, die einfach jeden Abend laufen mussten und immer Laune gemacht haben. Das war einmal „So Lonely“ von The Police (zu dem wir aus irgendeinem Grund immer „Salami“ gegrölt haben) und „Far Away“ von Paddy Goes To Holyhead, bei denen der alte Eichenfußboden unter dem Stampfen unzähliger Füße erbebte. Zum Schluss dann passend „A Last Song“, zu dem ich – als Maxi in Endlosschleife im CD-Player laufend – zu jener Zeit auch meine Unschuld verloren habe, auch wenn vermutlich ein einzelner Durchlauf der Scheibe dafür gereicht hätte. Sorry, falls das zu viel der Information ist.
Paddy, mein Held
Tja, und dann steht er da auf der Bühne, 28 Jahre später – und er kann es noch immer, so gut wie eh und je. Oh Captain, mein Captain, oh Paddy, mein Paddy. Messerscharfe und klare Akkorde auf den Steelstrings der Gitarre, wilde und fröhliche Riffs auf der Mundharmonika und am Ende eine atemberaubende doppelte Performance auf gleich zwei Tin Whistles. Und wenn er lacht, geht immer noch die Sonne im Saal auf.

Daneben Almut Ritter, die ich schon in den Neunzigern bewundert habe, mit einer derart hingebungsvollen und fehlerfreien Performance auf der Geige, dass mir ein ehrfürchtiger Schauer nach dem anderen den Rücken herunterrinnt. Zusammen mit ihrem Publikum sind sie älter geworden, haben dabei nicht das kleinste bisschen an Freude und Biss verloren, nehmen uns alle mit in andere Zeiten, in jüngere Tage und in die süße, wild-melancholische Welt ungezügelter Gefühle, die nur der Irish Folk entfesseln kann.
All Around the World, Vincent, Here’s to the People und dann „Far Away“… Ich singe, ich tanze, ich hüpfe, ich springe, bis meine bald 50-jährige Hüfte protestiert…
Far away the river flows forever on, the sun goes down and the waves roll back the tide.
Yesterday is done and my time has come
Far away I’m on the run… bamm bamm bammmm bammmmm…
An diesem Abend bin ich plötzlich wieder 17, das erste Mal seit langer Zeit. Ich bin platt, ich bin überwältigt – was soll ich noch sagen außer… Fuck, danke Paddy, danke vielmals. Danke für alles, mein Freund.

PS
Ich bin mir dessen schändlichst bewusst, dass ich die anderen Künstler, die an diesem Abend oder an diesem Wochenende in Zaisersweiher gespielt haben, mit keiner Silbe erwähne. Bitte sehen Sie mir das nach. Ich bin gekommen, um Paddy zu sehen, zu hören und über ihn zu schreiben. Dass ich danach noch in der Garderobe mit ihm einen Schluck Whisky aus dem durchgereichten Flachmann trinken durfte, wird eine der Erinnerungen sein, die ich selig lächelnd mit ins Grab nehmen werde.
Also nichts für ungut, ihr flotten Tessiner Irish-Aficionados von LARALBA und natürlich ihr genial-guten Sandsacks. Auch ihr wart spitze, aber es gibt eben nur einen Rudi Völler – und einen Paddy Schmidt.

Danke, lieber Stephan für den schönen Artikel. Es war ein supertolles Festival in Zaisersweiher und die Begeisterung der Besucher schlug sich auf unsere Spielfreude nieder. Eine intensive Stunde für uns – gern hätten wir länger gespielt. Es lebe der Irish Folk und viele Grüße an ALLE Mitwirkenden und Helfer für dieses wunderbare Event.
Ja, genau so muß es sein!!! Wie gut, daß man zwischendurch in Erinnerungen schwelgen kann. Ich erinnere mich noch an ein Konzert von den Lords in Untergrombach im Alabama. Da sind wir extra von Sulzfeld angereist. Ich glaube die Autogrammkarte habe ich heute noch.