Von vielen werden sie leidenschaftlich gehasst – E-Scooter polarisieren, sind aber auf dem Land ein wichtiges Puzzleteil im lückenhaften ÖPNV.
Eine Meinung von Philipp Martin
Die Evolution geht an uns nicht spurlos vorbei – na ja, bei manchen mehr, bei manchen weniger. Das scheint auch den guten alten Roller zu betreffen. War das ganz früher mal ein goldiges Spielzeug, auf dem ringellockige Mädchen mit Dauerlutscher und Propellermütze über das Trottoir huschten, entwickelte sich das schmale Vehikel weiter zum Kick-Roller und schließlich zum gefürchteten E-Scooter.
Ich gebe frei und frank zu: Mancherorts sind diese Dinger zur regelrechten Seuche mutiert. Kommerzielle Anbieter überfluten die Innenstädte mit ihren Rollern gleich einer biblischen Plage. Überall findet man sie: in Trauben, mitten auf dem Gehsteig, ständig im Weg und gerne auch an Orten, an denen man sie nicht vermuten würde – zum Beispiel auf dem Grund eines Flusses.
Unterwegs sind damit irgendwie immer die schrägsten Kreaturen und Gestalten: spät abends mutmaßlich angeschickert, regelwidrig zu zweit, viel zu schnell auf dem Gehweg und nicht selten scheinbar mit aufgesetzten Scheuklappen, die die Existenz anderer Verkehrsteilnehmer, wie etwa Fußgängern, völlig auszublenden scheinen.
Das Problem sitzt auf dem Roller
Es gibt viele Gründe, E-Scooter zu hassen. Aber wenn wir uns ehrlich machen, gelten diese tiefschwarzen Gefühle doch eher jenen, die sie ohne Sinn und Verstand einsetzen. Wie jedes andere Verkehrsmittel auch lassen sich die bestenfalls rund 20 km/h schnellen Roller natürlich so nutzen, dass sie zwangsläufig in Verruf kommen müssen. Zu schnell unterwegs, überladen, unachtsam gesteuert, falsch abgestellt … Kein Wunder, dass die Teile unterm Strich keinen besonders guten Ruf genießen.
Aber nach dieser Logik müssten wir eigentlich auch das Auto hassen, denn es gibt genügend Vollhonks, die rücksichtslos, zu schnell, aggressiv, betrunken und regelwidrig damit unterwegs sind. Wie oft ich auf der Autobahn fetten, aufgeblasenen Möchtegern-Panzern begegne, die aus der Masse, der Geschwindigkeit und der unverbindlichen Preisempfehlung ihres Monsters die gottgegebene Legitimität ableiten, sich wie ein Arschloch aufzuführen, kann ich schon gar nicht mehr zählen.
Vielleicht spielt in die Abneigung gegen E-Scooter aber auch ein bisschen die grundlegende Abneigung gegen unsere Jugend hinein. Schließlich sind die meisten von uns Teile einer immer älter werdenden Gesellschaft, in der die Alten mittlerweile in so erdrückender Überzahl gegenüber den Jungen auftreten, dass der sogenannte Adultismus quasi schon zum Standard wird.
Ein Stück Freiheit für den ländlichen Raum
Wenn wir bei den E-Scootern aber den Idiotenfaktor subtrahieren – also anerkennen, dass jene, die durch Rücksichtslosigkeit und fahrlässiges Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, nicht die Mehrheit der Nutzer repräsentieren –, dann bleibt ein Verkehrsmittel zurück, das, nun ja, ziemlich clever eine ziemlich große Lücke in der ländlichen Mobilität schließt.
Halten wir uns vor Augen, dass der ÖPNV, obwohl in unserer Region vergleichsweise gut ausgebaut, immer noch schreiend große Nachteile auf seiner Seite zu verbuchen weiß. In manchen kleinen Ortschaften fährt der Bus nur wenige Male am Tag – so selten, dass er als ernsthafte Alternative für ein alltagstaugliches Verkehrsmittel überhaupt nicht in Erwägung gezogen werden kann. Wenn dann auch noch völlig willkürlich immer wieder Fahrten ausfallen, kann man wirklich niemandem zumuten, darin einen verlässlichen Partner für die Fahrt zur Schule, zur Ausbildung oder zum Beruf gefunden zu haben.
Der Scooter ist daher keine schlechte Möglichkeit, um die „letzte Meile“ zu bestreiten, beispielsweise zum nächsten gut angeschlossenen Stadtbahnbahnhof. Der Besuch bei Freunden, ein schneller Einkauf, einfach das rasche Vorankommen von A nach B – das alles unterstützen die kleinen, unkomplizierten Fahrzeuge, die an der Steckdose geladen ein bisschen Freiheit dorthin bringen, wo sie bislang nur schwer erreichbar war. Kommen Sie mir bitte nicht mit dem Fahrrad als Alternative, denn das können Sie auch dem Löwenanteil aller Autofahrer vorwerfen.
Richtig und rücksichtsvoll bedient, sind die kleinen elektrischen Zweiräder eine durchaus sinnvolle Angelegenheit. Sie geben beispielsweise Jugendlichen die Möglichkeit, die eigene Welt größer zu gestalten und zu entdecken. Das ständig notwendige Betteln nach dem Elterntaxi prägt nicht mehr jeden Tag die familiären Diskussionen, die eigene Souveränität erstarkt.
Pauschalverbote treffen die Falschen
Doch anders als der deutschen heiligen Kuh, dem gelobten Auto, geht es den kleinen Vehikeln zunehmend an den Kragen. In den Stadtbahnen beispielsweise sind die Roller längst tabu, werden somit ihrer wichtigsten Funktion – der Überbrückung der letzten Meile – quasi beraubt. Ganze Metropolen verbieten mittlerweile die Scooter und machen dabei in manchen Fällen kaum einen Unterschied zwischen der Armada der kommerziellen Mietroller und den privaten Fahrzeugen.
Damit wir nicht aneinander vorbeireden: Ich sehe die Situation in den Städten teilweise genauso kritisch wie vielleicht auch Sie. Wenn zu viele Anbieter den Markt fluten, die Geräte einfach in Massen in Umlauf bringen und sich kaum darum scheren, was im Alltag mit ihnen passiert; wenn regelmäßig Fahrerinnen und Fahrer dadurch auffallen, betrunken, zu schnell, zu zweit oder sonst wie regelwidrig damit unterwegs zu sein, dann muss tatsächlich etwas geschehen.
Was allerdings nicht geschehen darf, ist, diese kleine Fahrzeugkategorie, diesen wichtigen Baustein der Mikromobilität, samt und sonders infrage zu stellen. Die kleinen Roller haben durchaus ihren Sinn und ihre Berechtigung. Sie sind insbesondere für Jugendliche auf dem Land ein ernst zunehmender Befreiungsschlag, wo vorher ganz einfach nichts war. Sie nur aufgrund der Verfehlungen einzelner aus dem Verkehr zu ziehen, wäre einfach absurd. Nach dieser Logik müssten wir auch das Auto verbieten, denn jeder von Ihnen erlebt jeden Tag den Wahnsinn auf deutschen Straßen, geprägt von Aggressivität und Rücksichtslosigkeit.
So könnte man viel eher darüber nachdenken, den massenhaften Erguss kommerzieller Systeme in den Städten zurückzudrängen – gerade dort, wo der ÖPNV in der Regel hervorragend funktioniert. Auf dem Land sollte den kleinen Rollern allerdings mehr Raum und Möglichkeit eingeräumt werden, gerade dort, wo der öffentliche Nahverkehr noch lange nicht da ist, wo er eigentlich sein sollte. Leben und leben lassen, rollern und rollen lassen.
Blick auf die Zahlen: Wo das reale Risiko liegt
Lassen Sie uns noch über Unfälle sprechen, denn diese fallen bei dieser Kategorie tatsächlich ins Auge. Gerade erst dieser Tage wurde in Östringen ein junges Mädchen schwer verletzt – nicht der erste und auch nicht der letzte Fall, der sich diesbezüglich in der Region ereignet. Daten des Statistischen Bundesamtes sowie Auswertungen der Versicherer zeigen, dass das Risiko, verunglückt zu werden oder einen Unfall zu verursachen, bezogen auf die zurückgelegte Strecke bei E-Scootern spürbar höher liegt als bei herkömmlichen Fahrrädern. Während Fahrräder im Alltagsverkehr weite Distanzen zurücklegen, werden E-Scooter meist nur für sehr kurze Strecken genutzt. Auf diese Gesamtkilometer gerechnet verzeichnen E-Scooter prozentual deutlich mehr Kollisionen und Sturzunfälle.
Wie immer liegt der Teufel hier aber im Detail – und das nicht gerade zugunsten der kommerziellen E-Scooter, wie sie in unseren Städten in Rudeln auftreten. Dazu hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) interessante Zahlen: Demnach sind aktuell rund 1,66 Millionen E-Scooter in Deutschland registriert; über 80 Prozent befinden sich überraschend in privatem Besitz. Dennoch sind sie nicht der Haupttreiber für die hohe Unfallquote. Auf 1.000 private Scooter kamen im vergangenen Jahr rund sechs Haftpflichtschäden, bei den Leihgeräten waren es mehr als doppelt so viele – und das wohlgemerkt, obwohl nur einer von fünf Rollern den Leihflotten zuzurechnen ist.
Um die Sicherheit zu steigern, könnte man beispielsweise über ein paar Pflichtstunden nachdenken, in denen Jugendlichen die grundlegenden Verkehrsregeln und das sichere Fahren mit den Fahrzeugen beigebracht werden. Das könnte dann beispielsweise die Voraussetzung sein, um ein solches Gerät zu kaufen oder auszuleihen. Auch über eine Helmpflicht sollte man nachdenken, denn diese würde das Risiko schwerer Verletzungen deutlich mindern – übrigens auch bei Fahrradfahrern. Denn was man wissen muss: Ein Fahrradhelm absorbiert die Aufprallenergie und verringert das Risiko schwerer Schädel-Hirn-Traumata laut Meta-Analysen der Verkehrssicherheitsforschung um etwa 60 bis 70 Prozent. Durchaus ein schlagkräftiges Argument, insbesondere wenn es um die eigene Gesundheit geht.
Kurzum: Wie immer im Leben gibt es auch in dieser Angelegenheit nicht nur Schwarz-Weiß-Töne, sondern „Fifty Shades of Grey“ oder sogar noch mehr. Ein Verkehrsmittel nur deswegen zu diskreditieren, weil manche wenige es falsch einsetzen, wäre das Todesurteil fürs Auto. Deswegen: Seien wir nicht unfair, haben wir ein Herz für die kleinen Flitzer auf zwei Rädern!
Quellen & Datenbasis
Hintergrundinformationen zum Artikel-
Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) UnfallstatistikAuswertungen zu den Kfz-Haftpflichtschäden von E-Scootern im Vergleich zwischen privaten Fahrzeugen und gewerblichen Leihflotten.Pressemitteilung GDV (E-Scooter-Schadenbilanz) →
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Statistisches Bundesamt (Destatis) VerkehrsunfälleSonderauswertung und Pressemitteilung zur Entwicklung der E-Scooter-Unfälle auf deutschen Straßen.Destatis Thema: Unfälle mit E-Scootern →
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Unfallforschung der Versicherer SicherheitsforschungWeitere Informationen zur Wirksamkeit von Helmen und Sicherheitsmaßnahmen bei Zweirädern und E-Scootern.UDV Forschung: Schutzwirkung von Helmen →