David geht all in

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Der Kraichtaler Winzer David Klenert ist mit dem Bau seines neuen Weinguts ein großes Wagnis eingegangen. Trotz immenser unternehmerischer Risiken hat er einen Weg gewählt, den viele in der Branche heute eher scheuen.

Unbarmherzig brennt die Sonne auf die Fassade des Weingutes Klenert, das etwas außerhalb von Münzesheim auf einer kleinen Anhöhe thront, mit bestem Blick auf die Kraichtaler Hügellandschaft. Im Inneren des markanten Neubaus, der aufgrund seiner Holzfassade im Dorf nicht selten etwas feixend als „Bretterbude“ bezeichnet wird, gibt es aktuell nur einen noch wirklich kühlen Raum – die kathedralenartige Abfüll- und Lagerhalle. Hier hält sich David gerade am liebsten auf. Auf einem kleinen Tisch liegen Notizen und sein Laptop, nebenan die Überreste des gemeinsamen Mittagessens mit seiner Familie. Ein einzelner übrig gebliebener Kartoffelpuffer, daneben die Trinkflasche seiner jüngsten Tochter Pia. Im Obergeschoss, wo die Seminarräume untergebracht sind, kann man sich derzeit gar nicht aufhalten – die Klimaanlage ist kaputt. Die Reparatur scheint etwas Größeres zu werden, seufzt David und lächelt dann wieder verschmitzt. Dabei sieht er aus wie ein Schulbub, sein Gesicht strahlt trotz seiner 37 Jahre irgendwie immer noch die Aura eines Jungen aus. Das ewige Grinsen, immer ein bisschen schüchtern, dazu die verstruwwelten Haare und der wilde Bart. Man könnte sich leicht der Versuchung hingeben, David Klenert zu unterschätzen, aber das wäre ein Fehler.

Mit Mut und Familienschulden zum eigenen Wein

Hinter der nahbaren Fassade zeigt sich schnell ein Unternehmer mit einer klaren Idee. David strahlt eine ruhige, reflektierte Selbstsicherheit aus. Er glaubt an sich, seine Idee, sein Weingut und natürlich seinen Wein. Er setzt darauf, dass mit beherztem Anpacken am Ende alles gut werden wird, egal wie steinig der Weg bis dorthin ist. Schon mit Mitte 20, gerade erst das Weinbau- und Önologie-Studium hinter sich, hat er die Ärmel hochgekrempelt und mit einem Kredit von der Bank und einem Darlehenflickenteppich aus allen Ecken und Enden der Familie seine ersten Tanks für sein Weingut angeschafft. Wobei „Weingut“ zur damaligen Zeit eher ein abstrakter Begriff war. David hielt sich mit ein paar Abstellräumen hier und da sowie etwas angemieteter Lagerfläche über Wasser, teilweise musste er seine ersten Weine sogar in der eigenen Wohnung lagern.

So ganz aus der Luft gegriffen war der Wunsch, Winzer zu werden, bei David nicht. Sein Großvater war bereits Winzer in Kürnbach, hier hat David das Handwerk schon früh aus der Nähe kennenlernen dürfen. Im Jahr 2017, nur zwei Jahre nach der Betriebsgründung, gab er seinen Hauptjob auf und wechselte als Winzer in den Vollerwerb. Im Dorfkern von Münzesheim mietete er ein paar Räume an und hielt sich hier gerade so über Wasser. Besonders die Corona-Zeit dürfte anspruchsvoll gewesen sein. Mit Online-Weinproben versuchte David, das Interesse und die Kundschaft bei Laune zu halten – eine fordernde und schwierige Phase.

Die Krise als Katalysator für den Direktvertrieb

Seinem Wunsch, weiter voranzukommen, tat diese Krise aber keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Allein die Erfahrungen der Pandemie zeigten David, in welche Richtung er sein Geschäft verändern muss. Waren es vorher zum Großteil Abhängigkeiten von Gastronomie und Handel, konzentriert er sich danach zunehmend auf die Direktvermarktung. Der Anteil der Menschen, die den Wein direkt bei David beziehen, steigt kontinuierlich weiter, liegt mittlerweile bei über 50 % und David möchte diese Zahl noch weiter nach oben treiben. Nebenbei arbeitet er sogar an Exportstrategien, hat mittlerweile Abnehmer für seine Weine bis hin nach Südamerika. Besonders der Weißwein, aber noch viel mehr der Rosé sind dabei die echten Verkaufsschlager. Rotwein ist tendenziell eher rückläufig, mal abgesehen von Davids selbst gemachtem Glühwein – aber der ist bekannterweise stark saisongebunden, bei 40 Grad im Sommer läuft der Absatz hier eher schleppend.

Das größte Wagnis seines Lebens ging David dann aber vor wenigen Jahren ein, als er sich entschloss, ein „echtes“ eigenes Weingut auf die Beine zu stellen. Nicht irgendein zusammengeschustertes Konvolut aus mehreren Standorten und Lagerhallen, sondern ein richtiger Platz, an dem er all seine Ideen umsetzen kann. Diesen Platz fand er am Rand von Münzesheim, direkt neben der Landstraße nach Unteröwisheim auf einer kleinen Anhöhe. Hier baute er ein großes modernes Gebäude, rundum mit Holz verkleidet, von Weitem sichtbar. Dafür musste er bei der Bank ohne Netz und doppelten Boden einen millionenschweren Kredit aufnehmen, was trotz allem Glauben an die eigenen Fähigkeiten und das eigene Produkt immer ein Stück weit eine Wette auf die Zukunft ist. Denn das muss man knallhart sagen: Geht sein Traum in die Hose, verkauft sich der Wein am Ende nicht so gut wie erwartet, dann war es das für David Klenert. Klenert hat sich für die maximale Konsequenz entschieden: Er setzt alles auf eine Karte, um seinen Betrieb zukunftsfähig aufzustellen. „Ich glaube, man muss weit gehen, um einen Winzer zu finden, der mit meinem Startkapital einen Betrieb von Null aufgebaut hat. Und das macht mich auch ein Stück weit stolz, dass man was erreicht hat“, sagt David selbstbewusst, berichtet aber auch davon, wie steinig der Weg noch bis weit nach der Eröffnungsfeier war. „Der Bau hat mir ein paar graue Haare gekostet. Zumal ich von 16 Monaten, 11 Monaten selber die Bauleitung machen musste. Sonst hätte ich hier wahrscheinlich ein Schwimmbad übernommen und kein Weingut, weil das überhaupt nicht funktioniert hat.“

Rückschläge auf dem Hügel

Ein Schwimmbad deshalb, weil die Bauphase gleich von zwei schweren Wasserschäden überschattet war, einer davon unmittelbar vor der Einweihung, als eigentlich alles schon bereit war. Ein Moment, der zwar richtig wehgetan hat, in dem David aber seine positive Grundeinstellung zugutekam: „Ich bin eigentlich ein lösungsorientierter Mensch, aber ich bin kein Historiker, weil ich gucke nicht zurück, ich gucke nach vorne. Und wenn ein Problem kommt, ist es da, um es zu lösen.“

Jeder Selbstständige weiß genau: Probleme, die es zu lösen gilt, tauchen jeden Tag auf, die meisten davon absolut unverhofft – zum Beispiel die Klimaanlage im ersten Stock, obwohl genau dort in nächster Zeit gleich mehrere Veranstaltungen anstehen. Veranstaltungen sind ohnehin eines der Standbeine von David, denen auch der Neubau Rechnung trägt. Firmenfeiern, private Veranstaltungen, kleine Feste und Events sind in der Architektur des Weingutes von Anfang an eingepreist und eingeplant gewesen. Die große Dachterrasse gehört dazu wie auch der große Gastraum, die Terrasse und die eingangs erwähnten Seminarräume. Dennoch unterschätzen viele den Anteil der Events am Geschäft, erklärt David. Tatsächlich machen die Veranstaltungen nur etwa 20 % von Davids Umsatz aus, der Rest entfällt auf die klassische Weinproduktion. Seine Weinberge stehen zum Beispiel in Kraichtal, aber vor allem in Kürnbach, wo David ursprünglich herkommt. „Alles 100 % Kraichgau“, sagt er und lächelt wieder sein Schulbuben-Lächeln. In einer guten Saison sind es fast eine viertel Million Liter Wein, die das Weingut Klenert erzeugen kann – es sei denn, eine harte Frostnacht im April lässt die Lese einbrechen. Denn auch das gehört zur Wahrheit dazu: Als Winzer ist man immer noch Landwirt und ein Stück weit vom Gutwillen der Natur abhängig. Allzu oft darf das natürlich daher nicht passieren, denn es wird noch Jahre dauern, bis David seinen Kredit und die ehrgeizige Investition zurückgezahlt hat. „Über den Berg ist man nie als Unternehmer. Wenn ich sehe, was für Betriebe – namhafte Betriebe – in den letzten zwei Jahren schon schließen mussten, bei denen man es nie gedacht hätte, würde ich behaupten, da hat man als Unternehmer einfach immer das Risiko, dass was schiefgeht.“

Die Familie als wichtigstes Fundament

Sein Weingut ist für David Herzenssache, noch wichtiger ist ihm aber die eigene Familie. Die Gefahr, als Selbstständiger weniger Zeit für sie zu haben als zuvor, sieht er nicht, einfach weil seine Familie immer um ihn herum ist. Seine beiden Mädchen toben den ganzen Tag durch das Weingut, gehen nur ein paar Meter weiter auf die Schule und seine Frau Eva unterstützt ihn tatkräftig, besonders im Marketing. Seine Prioritäten hat David daher ganz klar abgesteckt. „Das Familienleben ist mir wichtig und das würde ich auch immer vor den Betrieb stellen. Lieber soll mir jemand den Betrieb nehmen als meine Familie“, sagt David, und dabei lächelt er nicht, sondern schaut ernst aus seinen blauen Augen.

Im Dorf hat man sich längst an das neue auffällige Gebäude vor dem eigenen Ortsschild gewöhnt. Zwischenzeitlich kommen viele Menschen gerne hierher, insbesondere bei den sogenannten Hügelfesten, wenn David einfach ein lockeres Beisammensein anbietet, bei Wein, etwas zu essen und Livemusik. „Manche sind stolz auf mich, manche wechseln die Straßenseite, wenn sie mich sehen“, erzählt David von den ersten Reaktionen der Kraichtaler, als die Bauarbeiten auf dem Hügel begonnen haben. Trotzdem ist es ihm wichtig zu betonen, dass sein Weingut ein Ort ist, an dem jeder willkommen ist. Erst vor ein paar Tagen wurde hier, statt im zu heißen Feuerwehrhaus im Dorfkern, die örtliche Blutspende des DRK durchgeführt – ein schönes kleines Zeichen der Solidarität. Darüber hinaus ist die Liste der Veranstaltungen im Weingut gut gefüllt, regelmäßig gibt es hier etwas zu entdecken und zu erleben.

Man muss David Klenert nicht mögen, man muss noch nicht einmal seine Weine mögen. Auch muss einem die „Bretterbude“ oben auf dem Hügel nicht gefallen – aber man muss respektieren und anerkennen, dass sich hier jemand etwas getraut hat, ein Wagnis eingegangen ist und nicht vom Schicksal, sondern durch die eigene harte Arbeit belohnt wurde. Ein Erfolg, der letztlich nicht nur gut für ihn selbst ist, sondern auch eine echte Bereicherung für Kraichtal als Ganzes darstellt.

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3 Kommentare zu „David geht all in“

  1. Alles gut, – und Hut ab für die viele Arbeit, aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen das Land endlich ist. Wer will jetzt dem nächsten „Aussiedler“ wehren ? Eventgastronomie will immer einen „Hinguckeffekt“. Ich guck lieber in’s Glas.

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