Sommer, Sonne, Strand und Teer

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Das verschärfte Rauchverbot in Baden-Württemberg greift weit, aber eigentlich nicht weit genug

Eine Meinung von Stephan Gilliar

Freunde, erst mal Asche auf mein Haupt… uh, der Aphorismus passt hier ja mal wie Arsch Eimer. Gegenüber meinem Hausarzt behaupte ich gerne, ich sei Nichtraucher, aber – unter uns – das stimmt nicht so ganz. Gelegentlich, alle paar Wochen oder alle paar Jubeljahre, kann ich einer klassischen Kippe dann doch nicht widerstehen. Ein schönes kühles Bier zum Feierabend auf der Bank mit den besten Freunden? Ich gebe zu, da juckt es mir dann schon in den Fingerspitzen. Gott sei Dank nicht so oft, und liegt der Stummel danach zerquetscht im Ascher, ist das Bedürfnis für Tage oder Wochen versiegt.

Soweit, so uninteressant, doch diese kleine Beichte soll euch zeigen, dass ich sicher nicht das bin, was man einen militanten Nichtraucher nennen würde. Leben und leben lassen, oder um es mit Kant zu halten: „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“. Übertragen auf die Raucherei bedeutet das übrigens mitnichten, dass wir uns überall dort eine anstecken dürfen, wo wir das gerade für passend halten. Denn das, was wir Raucher uns hier so unbedarft in die Lungen pumpen, landet teilweise eben auch in jenen völlig Unbeteiligter, und da hat der Spaß spätestens ein Loch.

Im Biergarten beispielsweise sind wir zwei Fraktionen meiner Meinung nach nicht gleichberechtigt. Wenn ich mir hier eine Kippe zu Gemüte führen möchte, dann nehme ich in Kauf, dass auch andere meinen Qualm einatmen müssen. Eine Übergriffigkeit, die einfach nicht sein muss. Eine Denkweise, die noch nicht überall angekommen ist – vor allem nicht bei denen, die in den Achtzigern oder früher geprägt in Gaststätten saßen, in denen man die Luft mit dem Messer hätte schneiden können. Mag uns vielleicht damals nichts ausgemacht haben, gesundheitsfördernd war es aber sicher auch schon früher nicht.

Jetzt mag man einwerfen, dann sollen die Nichtraucher halt verschwinden, wenn ihnen das nicht passt. Aber ganz ehrlich: Finden Sie denn wirklich, dass die, die einfach nur körperlich unversehrt durch den Alltag kommen wollen, vor uns Nikotin-Aficionados die Flucht antreten sollten? Nope, unseren sanften unterbewussten Todeswunsch müssen wir nicht auf andere projizieren.

Zumal das auch nicht allen und nicht überall möglich ist – besonders schutzbedürftigen kleinen Menschen wie zum Beispiel Kindern. So unglaublich das auch klingen mag, aber es gibt in Deutschland nach wie vor keinerlei gesetzlichen Schutz für die Kleinsten, wenn ihre Eltern beschließen, bei hochgekurbelten Scheiben während der Fahrt in den Urlaub Kette zu rauchen. Zu Hause oder in der Karre die Bude vernebeln, während die Kids daneben spielen? In Deutschland erlaubt.. was für eine Welt.

Naja, dennoch..mühsam nährt sich das Eichhörnchen. Der Nichtraucherschutz in Deutschland schreitet zwar zähflüssig und langsam voran, aber immerhin geht es in Babyschritten in die richtige Richtung. Seit Anfang des Monats wurden die entsprechenden gesetzlichen Regelungen in Baden-Württemberg noch einmal verschärft. Das Rauchverbot umfasst nun viele öffentliche Orte, beispielsweise Spielplätze, Haltestellen und Freibäder. Es gilt nicht nur für die klassische Kippe, sondern auch für E-Zigaretten, Vapes und Shishas.

Überfällig, denn ganz ehrlich: Wenn ich mich an einem heißen Sonntagnachmittag auf die grüne Wiese im Freibad lege, dann möchte ich vieles riechen: Frisch gemähtes Gras, Sonnenmilch, Freibad-Pommes, Chlor-Wasser, das auf heißen Wegplatten verdampft… sicher aber nicht den Qualm dutzender Zigaretten, der über 7.000 chemische Verbindungen enthält, davon 250 giftige, von denen wiederum rund 70 als krebserregend gelten.

Dazu kommt, dass many Raucher – nicht alle, ganz klar, aber leider viel zu viele – ihre Kippen genau dort entsorgen, wo der letzte Zug fällt. Gehen Sie bitte einfach mal ganz unvoreingenommen einen völlig beliebigen Gehweg Ihrer Wahl entlang, danach vielleicht an einen beliebten Ort, zum Beispiel an ein Flussufer, in einen Park oder eben an den Strand eines Baggersees. Schauen Sie nach unten. Sie entdecken nicht nur eine, sondern auf den zweiten Blick Unmengen von Zigarettenkippen, achtlos einfach in die Landschaft geworfen. Das ist nicht einfach nur Müll, das ist eine echte Gefahr für unsere Umwelt.

Bleiben wir einfach am Wasser und schauen uns an, was mit einer Zigarettenkippe passiert, die am Strand eines Baggersees liegen bleibt. Eine einzige Zigarettenkippe kann 40 bis zu 1.000 Liter Wasser so stark verunreinigen, dass Kleinstlebewesen darin sterben. In Experimenten reichte bereits der Auszug eines einzigen Stummels pro Liter Wasser, um die Hälfte der darin schwimmenden Fische innerhalb weniger Tage zu töten. Eine weggeworfene Kippe ist daher nicht weniger als ein beherzter Arschtritt für unsere Natur, unsere Heimat und nicht zuletzt unsere Mitmenschen.

Fische sind Ihnen zu abstrakt? Dann bleiben wir doch bei unserem eigenen Nachwuchs. Babys oder Kleinkinder, die am Strand im Sand spielen, sind nun wahrlich kein rein hypothetisches Szenario. Stellen wir uns vor, ein Baby oder ein Kleinkind findet eine Kippe und steckt sie bewusst oder unbewusst einfach in den Mund. Das ist nicht einfach nur unappetitlich, es handelt sich dann ante pedes um einen medizinischen Notfall. Schon geringe Mengen des darin enthaltenen Nikotins können für Säuglinge und Kleinkinder lebensbedrohlich sein.

Und jetzt sagen Sie mir: Steht all das noch für Umstände, die wir aus vielleicht gut gemeinter, aber auch falsch verstandener Rücksicht einfach so akzeptieren sollten? Ich meine nein. Deshalb empfinde ich die Novelle des Nichtraucherschutzgesetzes in Baden-Württemberg einfach als unzureichend. Denn in vielen Freibädern oder auch an Badeseen werden nun einfach spezielle Raucherzonen ausgewiesen, um es dann doch wieder allen Recht zu machen. Diese Raucherzonen sind selbstverständlich nicht durch meterhohe Mauern oder andere Schutzeinrichtungen vom Rest der Badegäste abgetrennt. Deshalb passiert genau das, was jeder Kneipenbesucher nur zu gut kennt, wenn aus dem Raucherraum die Schwaden herüberziehen… Je nach Wind- und Wetterlage raucht man also trotzdem im Freibad und am See weiterhin passiv mit. Die Kippen landen weiterhin im Sand, im Wasser und im ungünstigsten Fall in den Händen unserer Kinder. Muss nicht sein.

Vielleicht sollten wir deswegen einfach so mutig sein und den Schritt ganz zu Ende gehen. Machen wir uns doch nichts vor: Rauchen ist eine Sucht, die man oft völlig ungefragt mit seinen Mitmenschen teilt. Wenn ich mir allein im stillen Kämmerlein mit Nikotin und seinen 7.000 giftigen Kumpeln die Atemwege asphaltieren will – bitte, mein Körper. Aber rücksichtsvoller Egoismus bleibt nun mal ein Oxymoron. Sobald mein Laster die Gesundheit anderer einschränkt, mutiert die vermeintliche Freiheit zur bloßen Belästigung. Und genau dann ist sofort Schicht im Schacht.

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6 Kommentare zu „Sommer, Sonne, Strand und Teer“

  1. Der nächste Schritt wäre doch ein Alkohol-Verbot in der Öffentlichkeit, denn auch das Bierchen zum Feierabend richtet Schäden an !! Spontan fällt mir da die Fettleber ein. NEIN, das ist NICHT auf meinem Mist gewachsen. Bei YouTube gibt es einen Arzt namens Dr. Weigl der das einfach und sehr gut erklärt.

  2. Nicht mal am Wochenende mitten auf dem See ist man sicher. Da quarzt doch sogar jemand im Schlauchboot. Und das war kein Einzelfall.

  3. Es ist ein Anfang … Immerhin sitzt jetzt kein Raucher neben meinem Handtuch und bläst seine Abgase genüsslich in die Gesichter meiner Kinder. Gerade im Freien kann man sich von Raucherzonen einigermaßen gut fernhalten und ist nicht gezwungen, das Gift mitzuatmen. Daher halte ich das für einen Schritt in die richtige Richtung.

    Umso unverständlicher und bedauerlicher ist es jedoch, dass ausgerechnet Festzelte komplett von den neuen Regeln ausgenommen wurden. Auch das sind Orte, die Familien mit ihren Kindern traditionell besuchen. Ein gemütlicher Festzeltbesuch wird so für Eltern zur gesundheitlichen Zumutung oder kommt im schlimmsten Fall einem Ausschluss für Familien gleich. Wenn der Schutz von Kindern und Jugendlichen das oberste Ziel dieses Gesetzes sein soll, darf es an solchen Orten keine Ausnahmen geben.

    Gleiches gilt für den Umgang mit E-Zigaretten. Es ist zwar richtig, dass das neue Gesetz Vapes und E-Shishas beim Konsumverbot endlich echten Zigaretten gleichstellt. Doch das eigentliche Problem wird damit nicht gelöst: Solange bunte Vapes mit Kaugummi- oder Fruchtgeschmack legal verkauft werden dürfen, wird der Einstieg in die Nikotinabhängigkeit für Kinder und Jugendliche gefährlich leicht gemacht. (Mal ganz ehrlich: Wem von uns hat der erste Zug an einer Zigarette wirklich geschmeckt?! Bei Vapes ist das was ganz anderes, die brennen nicht im Hals und da geht selbst der erste Zug direkt in die Lunge.)
    Hier ist dringend die Bundespolitik gefragt, dem Vorbild anderer Länder zu folgen und diese süßen Lockstoffe konsequent zu verbieten.
    Ein Gesetz, das Kinder im Freibad schützt, aber im Laden nebenan wegsieht, greift deutlich zu kurz.

  4. Lieber Helmut,

    das Bierchen zum Feierabend schadet zwar – aber eben nur dem Trinkenden. Niemand wird gezwungen, passiv mitzutrinken.

    Ich bin absolut kein Fan von staatlicher Bevormundung oder Verboten, die ins Privatleben eingreifen. Freiheit bedeutet für mich auch, unvernünftig sein zu dürfen, solange man niemanden gefährdet.

    Beim Rauchen geht es aber nicht um staatliche Erziehung, sondern um einfache Rücksichtnahme: Wer gemütlich ein Gläschen Wein trinkt, belästigt niemanden – wer unter anderen Menschen raucht, zwingt Unbeteiligte dazu, den Qualm mitzuatmen. Schade genug, dass diese Rücksichtnahme nicht selbstverständlich ist und es tatsächlich eines Verbots bedarf.

  5. Nun ist also Rauchverbot.

    Am Hardtsee gibt es mit Pfählen und Aschenbecher ausgewiesene Raucherbereiche.

    Nur die roten Sheriffs, die gehen zwar abends genüßlich rum, um die Badeleute Punkt 21 Uhr aus der Anlage zu werfen (Camper dürfen ertrinken, aber ertrinkende Besucher nach dem Ende der Badeaufsicht, das geht gar nicht) – aber Rauchen bockt die scheints gar nicht.

    Klar, man riskiert Kontra zu bekommen. Dann lässt man die Quartzer halt einfach Quartzen.

  6. Alles schön und gut. Zigarettenqualm stinkt, schon allein das sollte eigentlich reichen, niemanden damit zu belästigen. Bisherige Einschränkungen des öffentlichen Rauchens haben dort, wo es noch eine Wahl gab, dazu geführt, dass sich abermals die Nichtraucher nach den Rauchern gerichtet haben. Offenbar war der Leidensdruck, sich eine Fluppe anstecken zu müssen, doch höher als der, sich vollqualmen zu lassen. Sichtbar in jeder Disco/Club/Kneipe mit explizitem Raucherbereich bzw. welche als Raucherclub geführt wurden. In anderen Bundesländern mit rigiderem Nichtraucherschutz gab es derlei Diskussionen gar nicht erst.

    Aber: Die Horrorbeispiele samt Moralkeule sind dem Artikel abträglich, denn es ist dem Autoren offenbar entgangen, dass Singvögel gezielt Kippen in ihre Nester einbauen, da sie festgestellt haben, dass es gegen Parasiten hilft. Ja, das ist nicht gesund für die Elternvögel und auch nicht für die Jungvögel.

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