Wohl, Wehe, Wild und Wellness

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Gesternglanz und Morgenduft – Ein Besuch im wilden Bad Wildbad

von Stephan Gilliar

Wilde Schluchten, tiefgrüne Wälder, steile Felswände und rauschendes Wasser. Viel zu oft vergisst man hier im sanften, hügeligen Kraichgau, wie nah man doch eigentlich einer völlig anderen Landschaft, einer gänzlich anderen Szenerie ist. Keine Stunde benötigt man mit dem Auto, um die ersten Ausläufer des wilden Nordschwarzwalds zu erreichen, und auch mit der Stadtbahn sind Städte wie Freudenstadt oder Herrenalb nur den sprichwörtlichen Katzensprung entfernt.

Wer den Schwarzwald bereist, der findet nicht nur eine völlig andere Landschaft vor, sondern trifft auf Städte und Gemeinden, die im lodernden Schmelzpunkt des Strukturwandels stecken und diesem so unterschiedlich begegnen, wie man es sich nur vorstellen kann. Die Schwarzwälder Mentalität ist dabei spürbar eine andere als im Flachland, der ewige Kampf gegen Widrigkeiten steckt den Menschen hier regelrecht in den Knochen. Man vermutet, dass die Besiedlung dieses ursprünglich wilden und unzugänglichen Geländes erst im Mittelalter mit der Errichtung von Klöstern Fahrt aufgenommen hat, aber auch noch heute lässt sich gut erkennen, wieso im Schwarzwald nahezu alles mit großen Herausforderungen verbunden ist. Hier baut man nicht einfach mal eben ein Haus, eine Straße oder einen Tunnel, jeder Zentimeter Land muss der Wildnis regelrecht abgetrotzt werden, massive Felsen, dichter Baumwuchs, die zerklüftete Topographie lassen jedes Vorhaben zur großen Aufgabe avancieren.

Naturgewalt, Isolation und Existenzkampf – Schwarzwälder waren und sind oft noch die Harten im Garten, aber mindestens ebenso stur und verbissen, wenn es darum geht, Widrigkeiten zu trotzen. Keine Frage, der Schwarzwald ist wunderschön – aber er war nie gütig. Wer ihn besiedelte, musste dem Wald Leben abtrotzen: roden, bauen, durchhalten. Und wer ihn erschließen wollte, musste im wahrsten Sinne des Wortes Berge versetzen.

Schauen wir uns zum Beispiel Bad Wildbad etwas genauer an. Eine faszinierende Stadt, die sich im schmalen, lang gezogenen Tal der Enz angesiedelt hat. Der Stadtkern auf etwa 400 Meter Höhe ist der tiefste Punkt, von ihm aus klettern die Häuser an den Berghängen hinauf, zum Beispiel am Sommerberg, der den tiefsten Punkt Bad Wildbads um mehrere hundert Meter überragt. Wer durch die kleine Altstadt spaziert, den überfallen widersprüchliche Gefühle. Zum einen fühlt sich alles etwas enger an, als man es aus der Weite der Ebene kennt. Durch die Lage im tief eingeschnittenen Tal sind die Sonnenstunden in Bad Wildbad, zumindest im tief gelegenen Teil, ein rares Gut. Wer hier unterwegs sein will, der braucht starke Beine und reichlich Ausdauer.

Doch da ist noch dieser andere, offen sichtbare Konflikt, ein Konflikt zwischen dem Glanz von gestern und den Zeichen der Neuzeit. Man sieht sofort, was für ein Schmuckstück das Städtchen einst gewesen sein muss. Der große Glanz der goldenen Tage schimmert noch an jeder Ecke. Klassische Geschäfte, Cafés wie aus Uromas Tagen, filigrane Holzschnitzereien an den alten Fassaden. Die Blütezeit von Bad Wildbad begann schon im 17. Jahrhundert, als die ersten Kurgäste in den Thermalquellen Erholung und Heilung suchten. Den Zenit erreichte die Stadt aber noch einige Zeit später. Als eines der königlich-württembergischen Staatsbäder wurde der Ort massiv ausgebaut, um das Publikum „von Rang“ zu bedienen. Bad Wildbad war in dieser Zeit nicht einfach „Badeort“, sondern Bühne. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs begann der Lack aber allmählich zu blättern.

Was aber nicht heißen soll, dass diese Stadt nicht gekämpft, sich nicht auf ihre Weise behauptet hätte. Wer heute nach Bad Wildbad reist, der trifft auf ein so großes Angebot an Möglichkeiten, dass diese weit über einen Tagesausflug in ihrem Potenzial hinausgehen.

Fangen wir mit dem Herzstück der Innenstadt an, den großen Thermenlandschaften, allen voran dem Palais Thermal. Entstanden um die Mitte des 19. Jahrhunderts als Graf-Eberhard-Bad, ist es Teil der Wildbader Kronjuwelen. Tatsächlich werden Sie weit und breit kein schöneres Bad finden, denn die Architektur des ursprünglichen Kerngebäudes ist ganz einfach einzigartig und unerreichbar. Wer hier in den alten Becken, gefüllt mit bis zu 38° heißem Thermalwasser, liegt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Man kommt nicht umhin, den Blick durch die riesigen Hallen schweifen zu lassen, mit ihren Kuppeln, den Statuen, den Malereien an der Wand – alles gehalten in einem wunderschönen Stilmix aus maurisch-orientalischer Bauweise und reichlich Jugendstil-Vibes. Man kann gar nicht anders, als sich vorzustellen, wie hier die hohe Gesellschaft längst vergangener Jahrhunderte im Luxus geschwelgt hat. Glasornamente, Kuppeln, Bögen, Palmen, Marmorfliesen und dazu die Wärme und der Duft des Wassers in unendlich vielen kleinen und großen Becken, in denen man nichts anderes möchte, als ehrfürchtig zu verharren.

Es ist eine Thermenlandschaft, die den Sprung in die Neuzeit geschafft hat, indem sie das Alte konserviert und bewahrt und gekonnt mit dem Neuen verbindet. Direkt über den historischen Räumlichkeiten gibt es eine moderne Saunalandschaft, inklusive mehrerer Panorama-Saunen, und ganz oben einen beheizten Pool, der den Blick über ganz Wildbad freigibt. Selbst im tiefsten Winter kann man hier in herrlich warmem Wasser sitzen, während der Dampf zusammen mit den Lichtspielen eine derart surreale, aber schöne Atmosphäre erzeugt, dass man auch hier nicht viel mehr tun möchte, als einfach nur zu staunen.

Bad Wildbad hat aber tatsächlich noch ein paar Pfeile mehr im Köcher. Da wäre zum Beispiel die alte Standseilbahn von 1908, mit der man bequem auf den Sommerberg hinauf und natürlich auch wieder hinunterfahren kann. Auf dem Berg selbst gibt es zwei größere Attraktionen: einmal die große Hängebrücke und den Baumwipfelpfad, die beide ganz neue Perspektiven auf den Wald, Bad Wildbad, das Tal und die Berge ermöglichen.

Die Innenstadt von Bad Wildbad ist für alle, die gerne bummeln wollen, recht überschaubar. Durch die Lage im Tal zieht sich das Städtchen wie ein Kaugummi an der Enz entlang, die eigentliche Fußgängerzone hat man in wenigen Minuten erkundet. Hier zeigen sich dieselben Veränderungen, die man auch in allen anderen Städten, insbesondere den Kleinstädten, vorfindet. Traditionelle Geschäfte sind auf dem Rückzug, an ihrer Statt entstehen Friseure, Imbisse, Kioske und Co. Dennoch kann man die eine oder andere Perle finden, manches noch ganz traditionell und inhabergeführt. Auch was die Gastronomie angeht, geht die Auswahl in Bad Wildbad noch in Ordnung, und übrigens fallen auch die Preise für einen klassischen Kurort recht moderat aus.

Das vielleicht Beste aber ist die perfekte Anbindung von Bad Wildbad an das Stadtbahnnetz. Mit der S6 kann man nicht nur den Bahnhof ansteuern, sondern direkt in die Altstadt fahren. Hier gibt es mehrere Haltestellen, von denen aus alles innerhalb weniger Minuten fußläufig erreichbar ist, beispielsweise das Palais Thermal, aber auch die Talstation der Sommerbergbahn.

Man darf daher uneingeschränkt empfehlen, Bad Wildbad zu besuchen. Ein Tagesausflug ist mit der Bahn problemlos machbar, besser wäre aber noch ein Kurzurlaub, denn an einem Tag ist Bad Wildbad nicht zu erkunden, dafür gibt es einfach zu viele Möglichkeiten. Urlaub direkt vor der Haustür – ohnehin etwas, das man uneingeschränkt unterstützen darf. Bad Wildbad kann jeden Gast gut gebrauchen, steckt die Stadt doch, wie so viele andere auch, in tiefroten Zahlen. Einen Hoffnungsschimmer gibt es aber definitiv, denn der Tourismus im Schwarzwald ist nach Jahren der Flaute seit einiger Zeit wieder dabei, sich zu ganz neuen Höhen aufzuschwingen. Paradoxerweise spielt auch der Klimawandel eine Rolle: Seine braune Handschrift hat längst viele Baumwipfel gezeichnet – und doch genießen viele Menschen die kühleren Temperaturen, die hier früher ganz selbstverständlich herrschten.

4 Kommentare zu „Wohl, Wehe, Wild und Wellness“

  1. Naja…ich war aus gesundheitlichen Gründen 5 Wochen in Wildbad.
    Würde mal sagen, der Ort hat seine besten Seiten hinter sich.
    Viel Leerstand und Verfall, wohin man schaut. Ganze Kliniken und Hotels stehen leer.
    Und trotz Tunnel toben sich die Verkehrraudis aus.
    Und im Winter dort im dunklen Tal zu leben muss man wollen.
    Habe selten das Licht im Kraichgau so genossen wie nach meiner Entlassung!

  2. Auch außen Rum gibt es viel zu sehen.
    Kaltenbronn und die Moorlandschaft.
    Oder der Lost Place Charlottenhöhe bei Calmbach…ein schönes Beispiel, wie Eigentum in diesem Land verpflichtet!

  3. Selbst die Hügelhelden , gehen im den Wald !!! ;) Pizza, Döner und Thai gibts mittlerweile auch in Bad Wildbad , da hilft auch keine schönrederei

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