Willkommen im Hexenhäusle

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In Gedenken an das Rohrbach von einst – die „Alte Seifensiederei“ hält die Erinnerung an das einfache Dorfleben aufrecht

Briggiehäfle, Prügelhof, Pfahlhof… Das windschiefe alte Häuschen in der Gochsheimer Straße Nummer 11 in Rohrbach hat viele Namen, für Hannelore Faber aber wird es immer das „Hexenhäusle“ sein. Wie alle anderen im Dorf kennt sie das kleine Haus an der Ecke zur Inselstraße, dort wo man die Rohrbacher Dorfmitte verorten könnte, schon seit ihrer Kindheit. Damals war es allerdings kein so schöner Anblick wie heute nach der gerade abgeschlossenen Sanierung, vielmehr ein schmuddeliger, trostloser Bau, der das Auge kaum einzufangen wusste. Auch der letzte langjährige Bewohner, so erzählt es der ehemalige Ortsvorsteher Georg Heitlinger, Landwirt und Landtagsabgeordneter, war nicht gerade das, was man einen Menschenfreund nennen würde. Ständig habe er gedroht, auf jemanden zu schießen, erinnert sich der Rohrbacher Ureinwohner, und auch an eine besondere Episode, als ihm das erste Mal drei Brüder aus dem Dorf Paroli boten, ihm einen seiner Schuhe anzündeten, um ihn so in die Schranken zu weisen.

Ein ungeschöntes Denkmal für das harte Leben im Kraichgau

Warum es lohnt, diese kleine Episode hier wiederzugeben? Weil sie für das Leben im Dorf, für dessen Höhen, aber auch für die Tiefen des Alltags steht. Denn das alte Hexenhäusle hat keine glorreiche oder prunkvolle Vergangenheit aufzuweisen, es ist vielmehr eine ungeschönte und durch und durch echte Erinnerung an das einfache und harte Leben auf dem Land. Um dies besser nachvollziehen zu können, muss man sich bewusst machen, für welches Leben der Kraichgau damals Ende des 18. Jahrhunderts, als das Häuschen gebaut wurde, einstand.

Für die vielen Kleinbauern, die den Kraichgau von einst prägten, waren die Zeiten einfach, und das nicht im romantischen Sinne, sondern vielmehr durchzogen von harter Arbeit, vielen Entbehrungen und nicht selten erbarmungswürdiger Armut. Große Familien lebten auf engstem Raum, teilten sich nur wenige Betten, verbrachten ihre Tage auf dem Feld und die kurzen Abende am Feuer in der Rauchstube. Nur ein schlechter Sommer, zu dürr oder verregnet, reichte aus, um ganze Höfe zu Fall zu bringen. Man lebte von dem, was die Erde hergab und was der eigenen Hände Arbeit auszurichten vermochte. Der Sonnenstand diktierte Beginn und Ende eines Tages, die Kirchenglocken den Rest. Und doch wurde in dieser Zeit der Grundstock für all das gelegt, was wir heute kennen. Es war die Landwirtschaft, die den Kraichgau großgemacht hat.

Vom Geisterhaus zum Gemeinschaftsprojekt

Von diesen Zeiten zu berichten ist das eine, sie einmal selbst erleben zu können, eintauchen zu können in den Alltag der Menschen des alten Rohrbach, des alten Kraichgau, etwas ganz anderes. Genau diese Möglichkeit verschafft nun das Hexenhäusle, das im Denkmalbuch offiziell nach seiner langjährigen Eigentümerfamilie als „Haus Karg“ geführt wird. Denn als der letzte Bewohner vor einiger Zeit starb, ohne direkte Nachkommen zu hinterlassen, fand sich eine riesige, weltweit verstreute Erbengemeinschaft von insgesamt 79 Personen. Dem Rohrbacher Robert Mayerhöfer, im Dorf bekannt für sein unermüdliches Engagement, verdankt der Ort das schier Unmögliche: Er machte alle Erben ausfindig und überzeugte sie, das Haus an die Stadt zu verkaufen, um es für die Nachwelt zu erhalten. Nach vielen Diskussionen und Initiativen im Dorf, im Ortschaftsrat und mit der Stadtverwaltung Eppingen ging das Haus schließlich für einen symbolischen Betrag in den öffentlichen Besitz über. Das Ziel: Einen Ort der Erinnerung an das Dorfleben von einst zu erschaffen.

„Es bildete sich ja aus dem Ortschaftsrat dann diese Interessensgemeinschaft. Ungefähr sechs vom Ortschaftsrat waren dafür, vier waren nicht dafür… Viele haben gesagt: Reißt doch das alte Klump ab und baut Parkplätze“, erinnert sich die heutige Ortsvorsteherin Hannelore Faber an die teilweise emotionalen Diskussionen. Nach viel Beharrlichkeit und Überzeugungsarbeit blieb dem alten Häuschen das Schicksal, einem schnöden Parkplatz weichen zu müssen, am Ende erspart. Mit Fördergeldern und beachtlichen Spenden aus der Bevölkerung gelang es, das komplett verwahrloste, heruntergekommene und von oben bis unten zugemüllte Haus liebevoll zu sanieren. Parallel dazu wurde die Geschichte all seiner Bewohner recherchiert und in Fotos sowie Texttafeln für die Nachwelt zusammengetragen. Mithilfe der Dendrochronologie konnte die Bauphase des Hauses ziemlich genau auf die 178er-Jahre des 18. Jahrhunderts bestimmt werden – damals übrigens noch auf der sogenannten Allmende, außerhalb des einstigen Dorfkerns.

Einblicke in ein stinkendes Gewerbe und eiskalte Winter

Anfang des 19. Jahrhunderts betrieb dann ein Handwerker namens Franz Rittelmann im Anbau eine kleine Seifensiederei – mit Sicherheit zum Missfallen der Nachbarschaft, denn dieses Handwerk war, um es gelinde auszudrücken, äußerst geruchsintensiv. Über all die folgenden Jahrzehnte waren weitere Gewerke im Haus Nummer 11 vertreten: Bäcker, Maurer, Schmied, Nagelschmied und Schuster. Sie alle arbeiteten und lebten hier auf engstem Raum – im Winter war es kalt, im Sommer viel zu heiß. Um die Wärme aus der Werkstatt und aus der Rauchküche zu nutzen, schlief man gemeinsam im darüber errichteten Alkoven. Ein Badezimmer gab es nicht, man wusch sich mit kaltem Brunnenwasser.

Niemals wurde das Haus saniert, niemals modernisiert. Traurig für die bisherigen Bewohner, aber ein Segen, um diese Zeitkapsel der Nachwelt zu erhalten. Viele Details blieben so über Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte konserviert, weiß Georg Heitlinger und zeigt auf eine Stelle im Fußboden, an der sich ein Stück Brett deutlich vom Rest der alten, abgetretenen Dielen unterscheidet. „Da kam eine alte Rohrbacherin zu mir, sie war damals schon 85“, erzählt er. „Ach Gott, Georg, in dem Häusle, da war ich einmal drin in meinem Leben, da war sie 12 oder 13. Und vor der Stube war ein Loch.“ Genau dieses Loch war bis zur Sanierung tatsächlich immer noch da, und das muss man sich vor Augen führen: Der letzte Bewohner muss jahrzehntelang immer einen großen Schritt darüber gemacht haben, dabei wäre die Reparatur mit einem alten Stück Holz nur eine Sache von Minuten gewesen.

Es ist eine von vielen Geschichten, die sich rund um das kleine Haus ranken, so wie die von den drei Jungs, die sich gegen die Drohungen des alten Mannes zur Wehr gesetzt haben. Man darf sicher sein: Diese alten Mauern haben noch viel mehr zu erzählen. Sie berichten von einem Leben, das man sich heute in diesem Land überhaupt nicht mehr vorstellen kann, von einfachen Tagen und von einem Alltag, der nur durch das Allernötigste gestützt und gestaltet wurde. Gut, dass diese Geschichten nun für die kommenden Generationen weiterlesbar bleiben.

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