Wild und frei

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In einem außergewöhnlichen Kraftakt und einem unvergesslichen Konzert bringt das Musikprojekt Musarity in Kraichtal lokale und internationale Blues-Legenden zusammen. Für den Moment, für die Menschen, für die Musik und für die gute Sache.

Draußen leckt das letzte glühende Rot des letzten Oktobertages über die hölzerne Fassade des Weinguts Klenert, drinnen branden die fröhlichen Stimmen Hunderter durch die kathedralenartig hohe Lagerhalle. So viele sind gekommen, um die Wiedervereinigung unzähliger Musikerinnen und Musiker aus aller Welt mitzuerleben, aus denen seit ihrem ersten Zusammentreffen vor zehn Jahren Freunde, nein, viel mehr eine Familie geworden ist.

Das Charity-Projekt “Polka & Blues” begeisterte 2015 im Kraichgau bei mehreren Konzerten in jenem heißen Sommer durch seine nie zuvor dagewesene Fusion aus Blasmusik, deftiger deutscher Mundart und dem lebensbejahenden Rhythmus des originären, unverfälschten amerikanischen Blues. Auch zehn Jahre später funktioniert diese Mischung immer noch, weiß zu begeistern und mitzureißen.

Vorgetragen vom lose-festen “Do good – play loud”-Schulterschluss mitunter legendärer Musikerinnen und Musiker, die sich mit dem gemeinwohlfühligen Label “Musarity” Ziel und Berufung gleichermaßen gesetzt haben, darf sich dieser Abend musikalisch betrachtet zu den Alltime-Sternstunden Kraichtaler Kulturlebens zählen.

Wenn Musik den Raum ergreift

Ganz langsam schleicht sich die Musik in das Gewirr der Stimmen, gleitet entlang der nackten Betonwände, verwirbelt zwischen den schweren Winzergerätschaften, nimmt Fahrt und Gestalt an, umringt von Flaschen, Fässern und inmitten eines Publikums, das zu Recht einem außergewöhnlichen Abend entgegenblickt.

Die erfahrene Blechbläser-Combo aus dem Kraichgau beginnt raffiniert und unschuldig mit ein paar jener Hits, die zum ewigen Repertoire jedes Festes in den Hügeln zählen. Dann plötzlich das rauschende Abgleiten in eine getragene und schon fast French-Quarter-fähige Version von Amazing Grace, mit viel Timbre und Pathos vorgetragen – die musikalische Interpretation der Ruhe vor dem Sturm.

Dann ein Tempowechsel wie ein Elektroschock an den Schläfen… Mit dem letzten langgezogenen Ton des Spirituals nehmen die Bluesmen ihre Ouvertüre in Angriff. “Oh When the Saints Go Marching In” elektrisiert trotz seiner fast genau 130 Jahre auf dem Buckel heute noch genauso, wie er es 1896 getan hat.

Legenden am Werk

Während die Blechbläser alles geben, energiegeladen und um Jahrzehnte jünger mit einfallen, drängen die Musikerinnen und Musiker von Musarity als geballte Präsenz unbeirrbar nach vorne.

Da wäre Chip Fitzgerald, ein Blues-Gitarrist alter Schule, der auf ein Leben und eine Karriere zurückblicken kann, die unwillkürlich Gänsehaut vom Nacken bis hinab zum Becken verursacht. Er stand schon mit großen Namen auf der Bühne – Slim Harpo, Jimi Hendrix, Joe Cocker… und während sie alle schon fort sind, ist er immer noch da, hat in seinen fast 80 Jahren den Blues zum Jungbrunnen und Lebenselixier gemacht.

An seiner Seite der graue Hüne aus Italien, Andrea Tongoni, Gitarrist und Songwriter, altgedient mit Größen des Italo-Rock wie zum Beispiel Toto Cutugno und darüber hinaus einer der sanftesten und liebenswertesten Menschen, die man sich nur vorstellen kann.

Der Blues lebt überall

Dass der Blues in Amerika zu Hause ist, bleibt unumstritten – dass er auch anderswo auf fruchtbaren Boden gestoßen ist, ebenso. Wer Michel Wack aus der Pfalz singen hört, der findet alles, was dieses außergewöhnliche Genre ausmacht, sofort wieder: Hingabe, Leidenschaft, Fröhlichkeit und raue, reine und wilde Lebenslust.

“Du machsch die Wäsch, ich mach de Blues”, singt de Michel und reißt das Publikum mit – und die Halle ab. Direkt an seiner Seite, Wahlfranzose, aber eigentlich stolzer Linksrheiner: Klaus Blinde. Mit dem Dannemann-Stummel im Mundwinkel, der Melone auf dem Haupt und den Fingern auf den dicken Basssaiten verleiht er dem Abend treibend und kräftig den Rhythmus, den nur der Blues hervorbringen kann: erdig, drängend, lebendig und über alles erhebend.

Ein Rhythmus, der sich in der Brust ausbreitet und in den Lenden vibriert – nicht ohne Grund nennt man den blinden Klaus auch Blindmojoman.

Magie aus Sound und Seele

Unterstützt wird die Truppe an diesem Abend auch von Uwe „Beef“ Schmidtke. Was dieser Mensch gewordene Resonanzkörper aus den in seinen riesigen Händen regelrecht filigran anmutenden Blues Harps fördert, ist nicht weniger als Magie. Eine Urgewalt, die sich in epischen Soli entlädt und die ganze Halle einfach mit sich reißt.

Und das war noch längst nicht alles. Chip Fitzgerald ist an diesem Abend nicht alleine an den Sechssaitern, gestärkt wird die Gitarrenfront von weiteren sagenhaft guten Gitarristen. Da wäre das alexandrische Doppelpack: Alex Steiger aus Neuenbürg, genannt Wolfman, und Alex Stefanidis, der an diesem Tag seinen Geburtstag feiert und sich wohl selbst die beste Performance geschenkt hat, die man von ihm je gesehen hat. Zudem, ein spontaner Gastauftritt, aber nicht minder genial, der Support durch Sam Bachnik, alter Weggefährte aus den „Out of the Mud“-Tagen – ein begnadeter Blues-Musiker, der seine Gitarre meisterhaft beherrscht.

Außerdem – gleich an zwei Keyboards unterwegs – Laurin Sigmund aus Bruchsal, der im letzten Sommer als einer der großen Gänsehautmomente im Schlosspark den Opener für PUR geben durfte.

Ein Abend für die gute Sache

Eine lange Aufzählung – Asche aufs Haupt –, aber zwei Namen fehlen noch, und die müssen sein: Simon Buss und Sina Ray – die Köpfe hinter dem Bandprojekt Barn54 und hinter diesem außergewöhnlichen Abend.

Gerade zurück von ihrer Tour durch Europa, haben sie diesen besonderen Abend ermöglicht. Ein Abend, der nicht nur Musiker aus der ganzen Welt zusammengebracht hat, der Generationen und Altersgrenzen überwunden hat, sondern auch ein Abend einzig und allein für die Kraft der Musik und die der guten Sache.

Alle Erlöse, die zu diesem besonderen Event zusammenkommen, gehen ohne Abzüge und Kompromisse an den Verein “Kraichtal hilft”, der sich seit zehn Jahren für gemeinnützige Projekte innerhalb der Stadt einsetzt.

Die Vorsitzende Angelika Wunderle zeigte sich berührt und gerührt von dieser schönen Geste, auch Kraichtals Bürgermeister Tobias Borho würdigte das Engagement der internationalen Truppe durch ein paar Grußworte und die Übernahme der Patenschaft für diesen Abend.

Mehr als nur Musik

Ein Abend, der noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Ein Abend wie ein Kontrapunkt zu all der Tristesse und den niederschmetternden Meldungen dieser Tage.

Ein Abend, der bleibt – wie ein Nachhall in der Brust, ein warmes Glühen nach dem letzten Ton. Ein Abend, der zeigt, dass Musik mehr ist als Klang – sie ist das unsichtbare Band zwischen Menschen, Zeiten und Herzen. Wenn die Lichter längst verlöschen, hallt sie weiter, diese leise, unbeirrbare Botschaft: Solange wir singen, spielen, fühlen – ist nichts verloren.