Test the Test – Der Coronavirus Antikörpertest aus dem Drogeriemarkt im Selbstversuch

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Was ist dran um den Hype am Corona Selbsttest von dm?

An die Lektüre der täglichen Infektionszahlen der Corona-Pandemie haben wir uns schon so sehr gewöhnt, wie an den Wetterbericht oder die Sportergebnisse. In den letzten Wochen kannten die Zahlen nur eine Richtung – steil nach oben. Laut Dashboard des Robert-Koch-Institutes haben sich bis zur Erstellung dieses Artikels mindestens 918.000 Menschen in Deutschland bereits mit Covid-19 infiziert. Die Betonung liegt dabei auf “mindestens”, denn die Zahl gibt nur die offiziell registrierten Infektionen wieder, die berühmte Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Dies lässt zumindest mitunter eine jüngere Studie aus der bayerischen Landeshauptstadt München erahnen. In deren Zuge hat das Tropeninstitut am Klinikum der Ludwig-Maximilian-Universität bei Stichproben viermal so viele Infektionen wie offiziell gemeldet nachgewiesen. Schätzungen des Projektes “Dunkelziffer-Radar” kommen grob auf ein Verhältnis von 1 zu 1 zwischen gemeldeten und unregistrierten Infektionen im Lande.

Die Frage, die sich wahrscheinlich jeder von uns schon selbst einmal gestellt hat, lautet daher wohl: Bin ich vielleicht ein Teil dieser Dunkelziffer – habe ich bereits eine Corona-Infektion durchgemacht, ohne es bemerkt zu haben? Da Menschen oft nichts mehr hassen als Unwissenheit, ist ein Produkt das eine Antwort auf diese Frage geben könnte, ein potenzieller Verkaufsschlager. Einen solchen Kandidaten hat seit einiger Zeit die Drogeriemarkt-Kette dm aus Karlsruhe in ihrem Online Sortiment. Für knapp 60 Euro plus Versandkosten liefert der Branchenriese das gewünschte Produkt bis an die Haustür. Angepriesen wird die hohe Zuverlässigkeit, die sich in ähnlichen Dimensionen wie die Tests in der Arztpraxis bewegen soll. Auf der dm-Webseite heißt es dazu: “Der cerascreen Coronavirus Antikörper Test basiert auf einer verlässlichen Analyse in einem spezialisierten Fachlabor. Er hat deswegen eine sehr hohe Genauigkeit, mit einer Spezifität von 98,9 -99,2% und einer Sensitivität von 97,4 -100%.”

Unumstritten ist das Produkt indes nicht, quasi direkt nach Erscheinen entzündete sich schon Kritik an dem do it yourself – Test. Gegenüber dem Südwestrundfunk sprach sich der ärztliche Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin am Marienhospital in Stuttgart, Matthias Orth gegen das Produkt aus – auch weil es die Menschen in falscher Sicherheit wiegen könnte, schließlich könne ja auch eine Kreuzreaktion zu einem positiven Ergebnis führen. Zudem sei die Prozedur der Blutentnahme schmerzhaft, so Orth weiter.

Wir wollten es genauer wissen und haben uns eine Ausführung des Tests bei dm bestellt und in die Redaktion liefern lassen. In einem kleinen, rechteckigen Karton, der auch für den Rückversand verwendet werden kann, werden eine ID-Karte für die Identifikation der Blutprobe, ein Pflaster, ein Transportröhrchen, ein Blutauffangröhrchen und zwei Lanzetten geliefert. Enthalten ist außerdem eine Anleitung, die den Nutzer Stück für Stück in stolzen 20 Schritten durch die Prozedur führt. Zuerst muss auf der Webseite von cerascreen ein Profil angelegt werden, das geht ruckzuck und nach Aktivierung des entsprechenden Links per E-Mail, begrüßt uns gleich Cerascreen-Gründer Olaf Schneider mit ein paar Grußworten.

Der Packungsinhalt

Jetzt geht es ans Eingemachte. Händewaschen, Arm kreisen lassen, desinfizieren und ran an die Lanzette. Die Hand wird auf den Tisch gelegt, das Teil aufgesetzt und auf den bevorzugten Finger gedrückt bis eine Art Mini-Skalpell herunter saust und die Haut durchdringt. Als ausgelostes Versuchskaninchen aus unserer Mitte, wähle ich dafür den Stinkefinger, atme tief durch und drücke als notorischer Schisser in Erwartungen des Schmerzes auf das kleine weiß-babyblaue Teil. Gerade wenn man schon glaubt, es würde nichts geschehen, spürt man einen kleinen Piks und das Blut tritt an die Oberfläche. Wirklich schmerzhaft war es aber nicht.

ein kleiner Piks und das Blut beginnt zu fließen

300 Mikroliter Blut werden benötigt, das hört sich nicht nach viel an, ist es aber. Bis der Pegel im Röhrchen endlich den ersehnten Strich erreicht hat, vergehen in unserem Fall gut zehn Minuten. Immer wieder den Finger massieren, das Röhrchen festhalten, Blut abstreifen. Diese Prozedur ist tatsächlich trickreich, es gilt das Blut in die gewünschte Öffnung zu bugsieren und dabei das Röhrchen nicht umzuwerfen – sonst war der ganze Aufwand für die Katz. Irgendwann, mehrere Minuten und eine blutige Sauerei später, ist das Ziel erreicht und die 300 Mikroliter in der Röhre. Der Rest ist einfach. Identifikationsaufkleber platzieren, das Röhrchen in die Transportbox packen und ab zur Post. Das muss noch am selben Tag passieren, damit die Probe möglichst zeitnah verarbeitet werden kann. In der Packungsbeilage steht in einem fetten roten Kasten, dass die Entnahme nur von Sonntag bis Dienstag durchgeführt werden darf, etwaige Feiertage müssten zudem berücksichtigt werden. Vergessen darf man auch nicht, den Test online zu aktivieren. Dazu gibt man die Identifikationsnummer auf dem Trägerblatt für die beiden QR Code – Aufkleber ein, beantwortet ein paar Fragen und das war’s auch schon.

das Röhrchen zu füllen ist anstrengender als gedacht

Laut cerascreen soll das Ergebnis innerhalb weniger Tage vorliegen, wir sind jedenfalls gespannt auf die Antwort. Wichtig scheint uns dabei, sich im Vorfeld bereits bewusst zu machen, was man mit besagter Antwort anfangen möchte. Hier schadet es nichts, sich noch einmal die Einschätzungen von Matthias Orth vor Augen zu führen. Meine selbstverordnete Maxime lautet: Weder ein positives noch ein negatives Ergebnis wird zu Änderungen meines Verhaltens führen, das sich auf besagte Ergebnisse stützt. Positiv, also das Vorhandensein von Antikörpern, bedeutet schließlich nicht, dass ich nun “sicher” bin und alle Vorsichtsmaßnahmen in den Wind blasen kann – eine hundertprozentige Genauigkeit gibt es nicht. Genauso wenig bedeutet Negativ zwangsläufig, dass ich bisher noch nie mit dem Virus in Kontakt gekommen bin – nicht wenige Patienten, die nachweislich eine Corona-Infektion durchgemacht haben, verfügten danach nicht oder nicht sehr lange über entsprechende Antikörper. In einer öffentlichen Stellungnahme gibt der Bund Deutscher Laborärzte zudem zu bedenken, dass Antigen Tests weniger präzise als die sogenannten PCR-Test sind.

what a mess – hier ist Geschick gefragt, das uns leider fehlte

Unser Fazit: Wer wissen will ob er vielleicht schon eine Infektion mit Covid-19 durchgemacht hat und außerdem die 60 Euronen nicht scheut, kann hier aus Interesse zugreifen. Rückschlüsse auf das eigene, tagtägliche Handeln, sollten aber aus dem Ergebnis nicht unbedingt gezogen werden, hierfür sind möglicherweise doch noch zu viele Fragen rund um die vergleichsweise junge Krankheit offen. Wer allerdings kein Blut sehen kann, sollte lieber die Finger davon lassen. Die Prozedur des “Abpumpens” kann sich je nach Veranlagung schon einmal in die Länge ziehen.

Ein Beitrag von Stephan Gilliar im Selbstversuch

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3 Gedanken zu „Test the Test – Der Coronavirus Antikörpertest aus dem Drogeriemarkt im Selbstversuch“

  1. Bei uns im örtlichen Labor kostet der „Profi-Test“ inkl. Blutabnahme nur 19,80 EUR! (gekürzt, Anmerkung der Redaktion)

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