O’gwählt is’

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Mit der Landtagswahl am kommenden Sonntag in Baden-Württemberg startet die Bundesrepublik in das Superwahljahr 2026 – vorweg erstmals mit 16-jährigen Wählerinnen und Wählern, die ihre ersten Kreuzchen von hoffentlich vielen weiteren setzen dürfen.

Kurz, knackig, frech und kompakt: Was man über die Landtagswahl wissen könnte, sollte und müsste.

von Stephan Gilliar

Okay, Uhrenvergleich, Freunde: 1, 2, 3 – jetzt! Wenn alles synchron läuft, müssten auch Sie – vom heutigen Montag an gerechnet – noch sechs Tage bis zur Landtagswahl auf dem Schirm haben. Nicht mal mehr eine ganze Woche, bis Sie mit Ihren zwei Stimmen (ja, das ist neu – dazu kommen wir noch) die Geschicke und die Marschrichtung dieses Landes aktiv beeinflussen können.

Verzeihen Sie mir den dezent demokratischen Patriotismus, aber es wäre äußerst dämlich, von diesem demokratischen Grundrecht – im Grunde dieser demokratischen Grundpflicht – keinen Gebrauch zu machen. Denn wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf, befand schon der große Goethe. Und wenn man sich in dieser derzeit von einem verrückten Superlativ zum nächsten eilenden Welt umsieht, hat er da vermutlich nicht unrecht.

Soweit der emotionale Teil. Kommen wir zu den Fakten.

Der Landtag von Baden-Württemberg

Die harten Daten

Am kommenden Sonntag – das wäre der 8. März im Jahre des Herrn 2026 – wird Baden-Württemberg einen neuen Landtag wählen. Das hat Baden-Württemberg schon etliche Male getan, doch dieses Mal ist vieles neu. Zum ersten Mal greift das jüngst reformierte Wahlrecht im Land, das Ihnen statt einer gleich zwei Stimmen zugesteht. Zudem verjüngt sich die Gruppe der Wählenden: Zum ersten Mal dürfen auch die Sechzehnjährigen ran.

Wen soll ich wählen?

In erschreckend vielen Gesprächen, die wir in den letzten Wochen geführt haben, stellte sich heraus, dass sich überdies erschreckend viele noch keinerlei Gedanken darüber gemacht haben, wofür sie die zwei wertvollen Stimmen aufwenden wollen. Wenn Sie tatsächlich noch gar keine Ahnung haben, in welchen Zug Sie sich am Sonntag setzen wollen, ist das aber kein Problem. Denn Gott sei Dank gibt es das wirklich feine Instrument des Wahl-O-Mat. Das ist eine Art Online-Quiz, etwas komplexer als „Bin ich ein Sommer- oder ein Herbsttyp?“, aber von der Machart her ganz ähnlich. Sie bekommen eine Reihe von Fragen gestellt – Fragen aus allen möglichen Bereichen von Politik und Gesellschaft –, die Sie per Multiple Choice beantworten können. Am Ende sagt Ihnen das Tool, mit welcher Partei Ihre Standpunkte am ehesten übereinstimmen. Das kann ungemein dabei helfen, sich eine Meinung zu schaffen, ohne gleich die riesigen Parteiprogramme vieler Parteien lesen zu müssen.

Hier noch ein bisschen Hintergrundwissen für Verschwörungstheoretiker: Für den Wahl-O-Mat ist formal die Bundeszentrale für politische Bildung, die dem Innenministerium überparteilich angeschlossen ist, verantwortlich. Die Fragen werden dabei nicht lustlos zusammengestellt, sondern von einem wirklich breit aufgestellten Team aus Wählerinnen und Wählern sowie renommierten Experten erarbeitet. Das ist also so neutral, wie es in der Politik möglich ist.

Das neue Wahlrecht

Anfang April vor vier Jahren, genauer am 4.4.22, hat der baden-württembergische Landtag beschlossen, das Wahlrecht im Lande zu reformieren. Dabei mussten das Gesetz für die Landtagswahlen sowie die baden-württembergische Verfassung angefasst werden – beides keine alltäglichen Vorgänge. Die wichtigsten Änderungen betrafen die Anzahl der Stimmen und die Anpassung des Mindestalters für die Teilnahme an der Wahl.

Schauen wir uns diese beiden Punkte kurz an:

Konnte man bisher erst zum selben Zeitpunkt mit dem Wählen starten, an dem man auch harten Alkohol konsumieren durfte, wurde das Mindestalter für die Wahlberechtigten um zwei Jahre herabgesetzt – quasi von Korn zu Bier. Bei dieser Wahl dürfen nun daher zum ersten Mal auch die Sechzehnjährigen ran; die entsprechenden Wahlunterlagen haben sie automatisch schon vor Wochen mit der Post erhalten.

Die andere Änderung regelt die Stimmabgabe neu. Sie kennen das bereits von den Bundestagswahlen, wo Sie schon seit jeher zwei Stimmen haben; künftig ist das auch bei den Landtagswahlen so. Mit der Erststimme wählen Sie dabei eine Person, mit der Zweitstimme eine Partei oder vielmehr deren Landesliste. Inspiration dazu können Sie sich von den vielen Wahlplakaten holen (die allvierjährige Plattitüden-Parade à la: Gesicht, Partei, feddig), über den Wahl-O-Mat oder Ihre bevorzugten Informationskanäle. Aber bitte – imho – nicht primär aus Social-Media-Feeds mit ihren undurchsichtigen Bubble-Algorithmen.

Kurz am Rande: Schon bei der Entscheidung 2022 gab es teilweise Kritik am neuen Wahlrecht, denn es steht die Befürchtung im Raum, der Landtag könnte sich dadurch ähnlich aufblähen, wie der Bundestag in den letzten Jahrzehnten beständig getan hat.

Ein paar Wahlplakate, aufgehängt in Bruchsal.

Köpfe aus der Region

Gesichter und Namen fliegen Ihnen in den letzten Wochen zuhauf entgegen. Überall hängen Plakate, überall lächeln Ihnen Gesichter entgegen, wabern Ihnen Parteinamen um die Ohren. Wir erinnern uns: Mit der Erststimme wählen Sie nicht die Partei, sondern eine Person. Doch welche darf es sein? Welche Politikerin, welchen Politiker wollen Sie gerne in Ihrem Sinne im Landtag sitzen sehen?

Keine Sorge, Sie müssen hier nicht aus den insgesamt 571 Kandidierenden wählen, die sich landesweit um ein Mandat beworben haben. Stattdessen ist für Sie nur die Betrachtung des eigenen Wahlkreises wichtig.

Für unsere Region liegt der Fokus dabei insbesondere auf der Nummer 19 für Eppingen, der Nummer 29 für Bruchsal, der Nummer 30 für Bretten und der Nummer 41 für Sinsheim. Alle Kandidaten aus diesen Wahlkreisen an dieser Stelle vorzustellen, würde die Kapazität unserer äußerst kleinen Redaktion nicht nur sprengen, sondern implodieren lassen. Aber das ist kein Problem: Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg hat das Ganze sehr viel besser zusammengefasst, als wir das je könnten.

Im Folgenden finden Sie zwei Links, die für einen schnellen Überblick taugen:

  • Eine große Zusammenfassung im nüchternen Textformat als PDF, die die Landeswahlleiterin für jeden einzelnen Wahlkreis in Baden-Württemberg zusammengestellt hat. Suchen Sie sich einfach den passenden Wahlkreis aus, und schon wissen Sie Bescheid: Kreiswahlvorschläge nach 70 Wahlkreisen geordnet
  • Sehr viel schöner geht es mit diesem Link, der Sie zu einer Übersichtskarte aller Wahlkreise führt – komfortabel mit Suchfunktion, die mit nur einem Klick alle verfügbaren Köpfe anzeigt: Wahlkreiskandidierende

Und nun?

Naja, jetzt ist es an Ihnen. It’s now or never, wie Elvis gesungen hat. Mit Ihren zwei Stimmen tragen Sie Ihren Teil dazu bei, die Geschicke unseres Heimatlandes Baden-Württemberg zu beeinflussen. Nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter: Demokratie und Wahlrecht sind uns nicht einfach in den Schoß gefallen, sondern hart erkämpfte freiheitliche Werte. Also: Raffen Sie sich am Sonntag auf, informieren Sie sich und treffen Sie Ihre persönliche Wahl. Vielleicht treffen wir uns danach ja beim Frühschoppen – wir sehen uns am Sonntag.

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3 Kommentare zu „O’gwählt is’“

  1. Nun ja, „sich keine Gedanken gemacht zu haben“ und „nicht zu wissen, wen man wählen möchte“ sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe.

    In Deutschland kann man sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene seine Stimme einer Partei geben. Was man bekommt, ist aber meist eine Koalition – und die Kompromisse, die sich daraus ergeben, haben immer weniger mit dem Willen der Wähler zu tun.

    In Baden-Württemberg deutet sich erneut eine Koalition aus Schwarz und Grün an. Unter welcher Führung sie stehen wird, zeigt sich nächste Woche. Doch das alte Problem bleibt: Wer Grün wählt, ist oft unzufrieden, wenn Kompromisse Richtung Schwarz gemacht werden – und umgekehrt. Heraus kommt eine Mischung aus halbherzigen Entscheidungen und Kompromissen, die dringend notwendige Reformen blockieren.

    Auch ich weiß noch nicht, wo ich am Sonntag mein Kreuzchen setzen werde. Gedanken habe ich mir viele gemacht, doch ernüchtert von der letzten Bundestagswahl bin ich fast sicher: Egal, wo das Kreuz landet – die wirklich entscheidenden Richtungen werden ohnehin in Koalitionsverhandlungen festgelegt.

    Und genau das ist das Problem: Wir wählen Parteien, erwarten Veränderung – und bekommen oft nur Kompromisse, die niemand so wirklich wollte. Wer wirklich etwas bewegen will, müsste über den Wahlzettel hinausdenken. Bis dahin bleibt die Politik ein Spiel aus Koalitionen, Kompromissen und Enttäuschungen – und wir Wähler schauen zu.

  2. Die Demokratie lebt vom Kompromiss. Wer keine Kompromisse machen kann, ist für die Demokratie nicht zu gebrauchen. – Helmut Schmidt

  3. Helmut Schmidt hat völlig recht: Kompromisse sind unverzichtbar in einer Demokratie. Aber Kompromisse allein machen noch keine gute Politik. Sie werden kritisch, wenn sie dringend notwendige Reformen verzögern oder blockieren, wenn sie dazu führen, dass Wählerwille und politische Notwendigkeit immer weiter auseinanderdriften. Demokratie braucht also nicht nur Kompromissbereitschaft, sondern auch Mut, Entscheidungen zu treffen – und genau daran scheitert es immer öfter!

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