Geschichte liebevoll mit Leben gefüllt
Das Altstadtfest in Gochsheim – zwischen Mittelaltermarkt, Bauernkrieg und Zusammenhalt im Städtle
Wenn sich die Gochsheimer Ortsmitte im August in ihr früheres Ich verwandelt, ist das nur möglich, weil sich vorher viele Leute darum Gedanken gemacht haben, die Ärmel hochgekrempelt und sich reingekniet haben. Hinter dem alle zwei Jahre stattfindenden Fest in den Gassen des alten Gochsheim steckt ein kleines, aber äußerst umtriebiges Team, das im Grunde das gesamte Jahr zuvor und viele viele Stunden Freizeit in die Planung investiert hat. In diesem Sommer, schon am kommenden Wochenende, haben Simone Dutzi und Uwe Ebert Seite an Seite mit rund 15 weiteren Engagierten wieder Großes vor – und das mit spürbarer Leidenschaft. Vom 9. bis 11. August wird Gochsheim zum Schauplatz für ein ganz besonderes Altstadtfest, das gleich zwei große Themen aufgreift: gelebte Dorfgemeinschaft und die Erinnerung an ein bedeutsames Kapitel der Regionalgeschichte.
Denn vor genau 500 Jahren rief Anton Eisenhut die Bauern des Kraichgaus in Gochsheim zusammen, um gegen Feudalherren und Klöster aufzubegehren. Die Geschichte kennt den Ausgang – und der war tragisch. Nur wenige Wochen später wurde Eisenhut in Bruchsal hingerichtet. Doch sein Aufruf zur Gerechtigkeit hallt bis heute nach und steht in diesem Jahr sinnbildlich über dem Fest.
Vom Schmied, der auf dem Fest die Kohlen glühen lässt
Es sind u.a. markante Persönlichkeiten wie Uwe Ebert, die das Fest mit Leben füllen. Wenn er nicht gerade das Marktgeschehen koordiniert oder letzte Lücken im Programm stopft, steht er als mittelalterlicher Schmied am Amboss – ein Handwerk, das er sich mit Herz und Händen selbst beigebracht hat. „Das hat mein alter Ausbilder noch am Rande mit uns gemacht, 1989“, erinnert er sich. Die Liebe zur Zunft ist geblieben – und so treffen sich auf dem Festplatz Gleichgesinnte: Lederarbeiterinnen, Steinmetze, Sensenengel, Keramikerinnen, Bogenschützen, Märchenerzähler und viele mehr. Doch damit nicht genug: Mitten im Trubel wacht auch die Johanniter-Historiengruppe in mittelalterlicher Gewandung über das Geschehen – als Sanitäter mit Aderlass-Ambiente und historischem Schauzelt. Der moderne Sanitätskoffer bleibt diskret im Hintergrund.
Viel Mittelalter, viel Musik, viel Herzblut
Gleich am Samstagabend, pünktlich um 17 Uhr, tritt Anton Eisenhut persönlich auf den Balkon des Schlosses, um seinen historischen Aufruf noch einmal zu verlesen – begleitet von den Brettener Herolden und Böllerschützen aus Oberöwisheim. Danach beginnt der Festbetrieb, unter anderem mit einer beeindruckenden Feuershow um 21.30 Uhr.



Mittelalterliche Musik erklingt das ganze Wochenende über durch die Altstadtgassen. Schwertkämpfer, Spielleute und historische Gruppen laden zum Staunen, Mitmachen und Verweilen ein. Wer es lieber moderner mag, findet in der sogenannten „Chill-Out-Arena“ beim Schlosscafé einen ruhigen Platz für einen kühlen Cocktail. Die Bar ist samstags ab 18 Uhr und sonntags bereits ab 15 Uhr geöffnet.
Am Sonntag folgt ein Gottesdienst in der St. Martinskirche, bei dem auch Pfarrerin Stefanie Nuß auf die Ereignisse des Bauernkriegs eingeht. Danach öffnen die Gochsheimer Museen ihre Türen: das Stadtmuseum im Schloss, das Apothekenmuseum, das Bäckerei- und Zuckerbäckermuseum sowie der Sinnengarten. Eine Stadtführung mit Karl-Heinz Glaser führt um 14 Uhr zu bekannten und weniger bekannten Orten des geschichtsträchtigen Orts.
Viel Neues, mehr Platz – aber kein Kitsch
Wer das Gochsheimer Altstadtfest kennt, wird in diesem Jahr so manches neu entdecken. Das Festgelände wurde deutlich erweitert – bis zum Kriegerdenkmal und zu den alten Scheunen in der Gasse, wo historische Landmaschinen und Oldtimer auf Besucher warten. Selbst die Anreise ist durchdacht: Die Stadtbahnlinie S32 bringt Gäste entspannt nach Gochsheim, von wo aus ein kurzer Fußweg – oder sogar ein Fahrt mit dem Planwagen der Oldtimerfreunde – direkt ins Festgeschehen führt.
Ein weiteres Novum ist der bewusst gesetzte Spagat zwischen Vereinsfest und Mittelaltermarkt. „Das ist eine echte Gratwanderung“, sagen Simone und Uwe. Nicht jeder Verein hat eine natürliche Affinität zum historischen Gewand – aber ein bisschen Wettbewerb motiviert bekanntlich. So gibt es in diesem Jahr erstmals eine Prämierung für die gelungensten Vereinsstände im Mittelalterstil.
Kein Eintritt – aber viel Unterstützung
Der Eintritt zum Altstadtfest ist frei. Dennoch hoffen die Organisatoren auf ein bisschen Anerkennung – im besten Fall in Form einer Spende. Dafür gibt es in diesem Jahr eine ganz besondere Erinnerung: ein kleines Holzschild mit dem Festlogo „500 Jahre Bauernkrieg Gochsheim“, entworfen und gefertigt in Eigenleistung. Wer eines davon ergattern möchte, sollte sich beeilen – es gibt nur 500 Stück.
Dass so ein Fest ohne Fördergelder nicht zu stemmen ist, liegt auf der Hand. Neben Unterstützung durch die Stadt Kraichtal sind es vor allem Sponsoren und die vielen helfenden Hände aus den Vereinen, die das Ganze möglich machen. Die Hauptstraße wird für den Verkehr gesperrt, die Sicherheit ist organisiert – und selbst um Toiletten, Müllentsorgung und Putzkolonnen kümmert sich das Team im Vorfeld bis ins Detail.
Ohne Leute wie euch geht’s nicht
Bleibt die Frage: Wird es in Zukunft schwerer, Menschen für so ein Fest zu gewinnen? „Wenn man in die Runde ruft, kommt wenig zurück“, sagen die beiden ehrlich. „Aber wenn man direkt fragt, klappt’s oft erstaunlich gut.“ Genau diese Mischung aus Hartnäckigkeit, persönlichem Einsatz und dem unerschütterlichen Glauben daran, dass das alles gut wird, ist es, was das Altstadtfest in Gochsheim so besonders macht.