Bretten hat einen neuen Revierleiter.
Nach bewegten Jahren und spannenden Einsätzen, unter anderem im Innenministerium und in Afghanistan, ist der Erste Polizeihauptkommissar Dirk Fütterer wieder zurück in seiner Heimatstadt – dort, wo alles angefangen hat.
Sie kennen doch bestimmt die berühmte Szene, wenn Clark Kent in den Comics seine dicke Hornbrille abnimmt und plötzlich zu Superman wird. Man fragt sich immer, wie so ein kleines Accessoire eine komplette Identität verschleiern kann. Doch wenn man Dirk Fütterer das erste Mal über den Weg läuft, erscheint dieses Phänomen plötzlich durchaus real. Während unseres einstündigen Interviews blickt er mich durch eben eine solche dicke Brille an, ein Gleitsichtmodell, das die Augen für das Gegenüber immer ein bisschen vergrößert darstellt.
Doch am Ende unserer Aufnahme, als er sich für das Foto schnell in ein offizielles blaues Diensthemd wirft, verwandelt sich dieser Mann vor meinen Augen von Clark Kent zu Superman: markante Gesichtszüge, messerscharf gezogene Konturen, wache Augen und dazu noch distinguiert silbergraues Haar. Sollte ich mit 52 noch so aussehen (dauert nicht mehr lange), könnte ich mir auf die Schulter klopfen – dann hätte ich wohl vieles richtig gemacht.

Nun ist Dirk Fütterer aber natürlich nicht Superman, möchte sich selbst so nicht sehen und möchte von anderen so nicht gesehen werden. Immer wenn er mir von einer weiteren spannenden Passage aus seiner bewegten Laufbahn bei der Polizei berichtet, relativiert er sie im Nachgang wieder ein Stück weit – quasi werkseitig verbaute Bescheidenheit. Ich habe schon viele Interviews mit Polizisten geführt; nicht wenige von ihnen blicken auf eine äußerst lineare Biografie zurück: ein konsequenter Ritt durch die Institutionen, die Besoldungsgruppen und die Karriereleiter innerhalb ihrer jeweiligen Ecke der blauen Blase im öffentlichen Dienst.
Dirk Fütterer passt in kein bewährtes Profil. Seine Laufbahn ist kein konsequenter Trip auf der Mittelspur, sondern ein beständiges Ausscheren, mal auf die eine, mal auf die andere Straßenseite. Ruhige Intermezzi am Schreibtisch geben sich mit Szenen, die einem Actionfilm zur Ehre gereichen würden, die Klinke in die Hand. Und Dirk? Ist wahrscheinlich irgendetwas dazwischen – kein eindimensionaler Charakter, sondern jemand, der die ganze Bandbreite polizeilicher Arbeit erleben möchte.
Seit Kurzem ist er wieder genau dort, wo alles angefangen hat – in seiner Heimatstadt Bretten. Hier hat er als Nachfolger von Bernhard Brenner den Posten des Revierleiters übernommen; aller Voraussicht nach die letzte Station einer abwechslungsreichen Laufbahn, die 1993 ihren Anfang nahm.
Vom Geigenschüler zum Gesetzeshüter
Lassen Sie uns aber noch einmal zwanzig Jahre früher einsteigen: 1973. In diesem Jahr wurde Dirk als frisch mit der Kernstadt fusionierter Diedelsheimer in der nahen Rechbergklinik geboren. Seine Jugend war nicht gerade das, was Stoff für eine kurzweilige Coming-of-Age-Komödie hätte liefern können: Geigenunterricht, Kirchenchor, keinerlei Eskapaden, noch nicht einmal ein eigenes Mofa. Oder wie Dirk es zwinkernd ausdrückt:
„Um meine Schwestern zu zitieren, ich war ein Langweiler…“
Wer selbst in dieser Zeit gelebt hat, der wird sich noch an die deutsche Polizei der Siebziger- und Achtzigerjahre erinnern. Der Schutzmann war damals noch ein direkter Ansprechpartner, besaß nur durch sein Auftreten eine Autorität, die von nichts und niemandem infrage gestellt wurde. Dabei war alles irgendwie eine Stufe kleiner, auf einer niedrigeren Flamme als heute. Da gab es durchaus auch gemütliche Schwergewichte, die in ihren grün-beige-braunen Uniformen und in einem VW Käfer oder einem VW Jetta zum Streifendienst ausrückten.

Lassen Sie es mich so sagen: In den 1970er und 1980er Jahren strahlte die Polizei eine ganz eigene, geerdete Verlässlichkeit aus. Der Streifenpolizist war damals oft ein fester, vertrauter Anker – jemand, den man persönlich kannte und bei dem man sich sicher fühlte. Viele Situationen wurden noch mit einer gelassenen Mischung aus gesundem Menschenverstand und väterlicher Nachsicht geregelt, ganz ohne den heutigen Regulierungsdruck. Das schuf eine Atmosphäre von nahbarer Menschlichkeit und Beständigkeit, an die man sich im Rückblick voller Sympathie erinnert.
Auch Dirk Fütterer erinnert sich in warmen Farben an die Polizei seiner Jugend, an deren Präsenz, an deren Auftreten, an deren Strahlkraft. Bei KSC-Heimspielen mit dem Vater schaute er respektvoll zu den Beamten auf; vielleicht wurde schon damals der Wunsch in ihm wach, später einmal einer von ihnen zu werden. Gerade der Dienst auf der Straße übt eine ungebrochene Faszination auf Dirk aus:
„Das ist die Polizeiarbeit, wo die Leute die Polizei auch wahrnehmen.“

Nach seinem Abi am Melanchthon-Gymnasium bewirbt sich Dirk bei der Polizei. Damals gab es erstmals die Möglichkeit, direkt mit dem Abitur in den gehobenen Dienst einzutreten. Als einer der Pioniere des ersten Jahrgangs gelingt Dirk so der Einstand auf Anhieb. Ein junger Mann mit der Art sauberer Weste macht natürlich misstrauisch, weswegen ihn der damalige Sachbearbeiter in Bretten, Hans Schmitt, direkt fragte:
„Hattest du noch nie Ärger mit der Polizei? Dirk, sei ehrlich, wir kriegen das eh raus.“
Die Antwort war mehr ein Stottern, lacht Dirk, als er sich an diesen Moment in den frühen Neunzigern zurückerinnert:
„Ja, nie, nie, nie, also wirklich nie, tatsächlich nie.“
Am 15. September 1993 steigt Dirk Fütterer also direkt in den gehobenen Dienst bei der Polizei Baden-Württemberg ein, absolviert seine Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei Bruchsal, legt die Zwischenprüfung in Freiburg ab und studiert an der Fachhochschule in Villingen-Schwenningen.
Großstadtaction und Auslandseinsätze
Seinen ersten regulären Posten tritt er 1998 beim Polizeirevier am Karlsruher Marktplatz an. Sicherlich einer der großen polizeilichen Brennpunkte, dort, wo es immer und regelmäßig zur Sache geht. Dirk startet im Streifendienst; er erinnert sich noch gut an einen seiner ersten Einsätze auf dem Karlsruher Europaplatz, der damals – mehr noch als heute – immer ein, nennen wir es, schwieriges Pflaster war.
„Das war mein erster Nachtdienst“, erzählt he, und wie sein damaliger Dienstgruppenleiter zu ihm sagt: „Dirk, jetzt kontrollieren wir mal die Punker.“ „Und dann waren da halt 20 Punker und wir waren zu zweit.“
Doch alles lief gut, die Kontrolle verlief friedlich, die Nacht blieb ohne jedwede Zwischenfälle. Das blieb natürlich nicht so, schließlich ist die Innenstadt einer Großstadt wie Karlsruhe nicht mit dem Dorf vergleichbar. Irgendeine Schlägerei, irgendein Vorkommnis gab es immer. Aber das macht den Beruf eben aus: Dirk fühlt sich pudelwohl und steigt schnell auf, wird stellvertretender Dienstgruppenleiter.

Nach fünf Jahren wechselt Dirk erstmalig zurück in seine Heimat, wird Dienstgruppenleiter im Schichtdienst beim Polizeirevier Bretten. Eine vergleichbare Position, aber eine kaum vergleichbare Arbeit. Denn die Einsatzlagen auf dem Land unterscheiden sich durchaus von denen in der Großstadt: weniger handfeste Konflikte, dafür mehr Unfälle und mehr Trunkenheitsfahrten, erzählt Dirk. Man hört ihm dabei schon an, dass Bretten damals noch keine Endstation, sondern eher eine Zwischenlösung für ihn war.
2007 entschließt er sich dazu, als Berater des Polizeichefs von Kabul nach Afghanistan zu wechseln. Das Ganze muss man sich kurz historisch vor Augen führen: Nach dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 übernahm Deutschland auf der Petersberger Konferenz eine internationale Schlüsselrolle beim Aufbau der afghanischen Polizei und beteiligte sich maßgeblich am GPPT (German Police Project Team). Dieses bilaterale Polizeiprojekt lief von 2002 bis zum April 2021. Bund und Länder (darunter auch Baden-Württemberg) entsandten im Laufe der Jahre Hunderte Polizistinnen und Polizisten als Mentoren, Ausbilder und Berater nach Afghanistan – und einer davon war Dirk Fütterer.
Die Entscheidung, nach Afghanistan zu gehen, war eine der schwersten und familiär umstrittensten in seinem Leben. Schließlich war Dirk zu diesem Zeitpunkt Vater zweier kleiner Kinder, und der Einsatz überdies alles andere als ungefährlich. Das sollte sich auch schmerzlich bewahrheiten, als einer von Dirks Kollegen bei einem Anschlag in Afghanistan ums Leben kam.
„Unter dem Strich muss man sagen, es war eine Ego-Tour von mir – garantiert, weil es für die Kinder nicht gut ist, wenn ein Vater fehlt…“
Nach einem Jahr kehrt er zurück in die Heimat, erst nach Bretten, dann erneut an das Polizeirevier Marktplatz in Karlsruhe. Nur fünf Jahre später packt es ihn aber erneut und er meldet sich ein zweites Mal für einen Auslandsaufenthalt in Afghanistan.

Wie sehr und wie tragisch die Bemühungen der Bundesrepublik um die Unterstützung der örtlichen Polizeikräfte am Ende vergebene Mühe waren, zeigte sich Jahre später, als nach dem Abzug der westlichen Einsatzkräfte die Taliban im fliegenden Wechsel erneut die Kontrolle an sich rissen. Wie Dirk anmerkt, war das für ihn und andere „nicht überraschend“ – ein Umstand, der exakt die realpolitische Ernüchterung vieler damaliger Einsatzkräfte widerspiegelt. Nach fast 20 Jahren Mission, Milliarden an Investitionen und der Ausbildung von zehntausenden Kräften übernahmen die Taliban nach dem endgültigen Abzug der internationalen Truppen im August 2021 innerhalb kürzester Zeit wieder die vollständige Macht im Land. Ein nach wie vor düsteres Kapitel, dessen Aufarbeitung in Teilen noch auf sich warten lässt.
Im Ministerium und zurück in den Kraichgau
2016 vollzieht Dirk einen Karrieresprung, der fast schon einer Neuausrichtung seiner beruflichen Laufbahn gleicht: Er wechselt ins Innenministerium Baden-Württemberg nach Stuttgart, zunächst als Sachbearbeiter, später in die Öffentlichkeitsarbeit. Während die erste Position ihm so gar nicht zusagt, geht er in dem, was man intern nur die „Ö“ nennt, voll auf:
„Da wollte ich einfach mal den Horizont erweitern… einfach was anderes machen.“
Im inneren Stuttgarter Kreis kommt er in Kontakt mit wichtigen Amtsträgern, erfährt hautnah, wie die Politik auf der obersten Ebene tickt und funktioniert.
„Das lag mir brutal… Ich habe gern mit Leuten zu tun, ich bin so ein bisschen quirlig und ja, ich schreibe gern.“
Zehn Jahre lang geht er dieser Tätigkeit nach; es sollte die längste berufliche Station seiner Karriere werden. Allerdings nicht die letzte.
An dieser Stelle wechseln wir zurück in die Heimat, zurück in den Kraichgau. Immer schon hat Dirk ein Auge auf genau die Position geworfen, die schließlich vor wenigen Monaten mehr oder minder unerwartet vakant wurde: Nach dem Wechsel von Bernhard Brenner im Mai zum Präsidium Technik, Logistik, Service der Polizei trat die Karlsruher Polizeipräsidentin endlich mit der erhofften Frage an Dirk heran, ob er nicht seinen Hut in den Ring werfen wolle.
Der Rest ist Geschichte. Dirk wollte, Dirk wurde. Vor wenigen Wochen wurde er im historischen Ambiente des Brettener Bürgersaals zum neuen Revierleiter der Großen Kreisstadt ernannt.

Bretten bekommt mit ihm einen erfahrenen, gefestigten Polizeibeamten, der die vielen Facetten seines Berufes verinnerlicht und begriffen hat. Einen nahbaren und bodenständigen Polizisten mit einem guten Gefühl für Menschen, der den Balanceakt zwischen Empathie und Pragmatismus sicher beherrscht. Dass Bretten seine letzte Station wird, darüber gibt er sich keinerlei Illusionen hin, das weiß er ganz genau und hat damit seinen Frieden geschlossen – aller Umtriebigkeit, die ihm innewohnt, zum Trotz.
Das bringt besonders sein letzter Satz auf den Punkt, der wie ein Ausrufezeichen am Ende unseres Interviews steht und mit Brettener Leichtigkeit resümiert:
„Der Dirk ist daheim… Jetzt bin ich gut angekommen. Alles richtig gemacht.“
Na herzlichen Glückwunsch zu dem verdienten Posten !
Der Artikel ist gut, nur die Polizei in den 70ern konnte man auch ganz anders erleben. Da wurden die Kid’s kriminalisiert, wenn sie den falschen Krümmer am Mofa hatten. Fast schon gejagt und gnadenlos vor Gericht gezerrt. Dort konnte der Herr Wachtmeister noch Punkte sammeln, -egal mit welchen Mitteln. Das ist Gott sei Dank vorbei. Mir denkt noch der „Wachtmeister“ E. der auf der Geburtstagsfeier seiner Tochter die Moped’s kontrollierte und erst als er dem Bürgermeister den Ppappendeckel weg nahm,..-versetzt wurde. An seinem neuen Dienstort,- den ich hier nicht nennen will, bekam er dann schon mal nen Sack über den Kopf und Prügel, wenn er der Oma nen Strafzettel verpasst hatte, weil sie mit aufgespanntem Regenschirm Fahrrad gefahren ist.
Die Stories gibt’s auch und da bin ich froh, dass das heute weltenweit weg ist.
Viel Glück im neuen Job !