Seit bald 55 Jahren heben am Rande von Odenheim Hubschrauber, Segelflieger, Jet- und Motorflieger ab – allerdings eine Nummer kleiner als ihre großen Vorbilder.
Der Traum vom Fliegen: einfach abheben, die Erde unter sich zurücklassen, schwerelos durch die Luft gleiten. Eine Vorstellung, die uns Menschen schon immer fasziniert, heute wie damals. Auch am Katzbach muss dieser Wunsch 1972 derart groß gewesen sein, dass man beschloss, einfach abzuheben und durchzustarten, um den Himmel über Odna zu erobern. Es war das Jahr der Olympischen Sommerspiele in München, der Watergate-Affäre und jener Bundestagswahl, bei der die SPD noch knapp 50 % einheimste. Es war zudem das Jahr, in dem sich eine Handvoll Enthusiasten in Odenheim zusammenschloss, um die eigene Leidenschaft auf die nächste Stufe zu heben.

Im Modellflieger Odenheim e. V. geht es unter dem Motto „Spaß haben beim Fliegen“ schlicht um die Überwindung der Schwerkraft mit dem eigenen Luftfahrzeug. Ein Vergnügen, das damals noch eine kostspielige Angelegenheit war. Wer so durchstarten wollte, agierte als Mechaniker, Ingenieur, Luftfahrttechniker und Draufgänger in Personalunion. Keine Vollkasko-Drohnen für Smartphone-Lenker, sondern eine Ära ungleich höherer Material- und Wissenshürden.
Es war die Zeit transistorgesteuerter Radiofrequenzen, schwerer Servos mit Energiehunger, klassischer Glühzünder und bleischwerer Akkus, die der Erdschwere mehr zugetan waren als der Schwerelosigkeit. Wer amtlich starten wollte, investierte mehrere Monatslöhne – und riskierte pro Flug den Gegenwert mehrerer Hausraten.




Als Kompromiss setzte man damals auf Fesselflug, erzählt Peter, der seit 25 Jahren in Odenheim fliegt. Die teure Funk-RC entfiel; gesteuert wurde via Zugschnur im Kreis. Der Haken lag im Wortsinne zentrifugal: Nach wenigen Minuten glich die Welt einer Karussellfahrt.
Vom Kreiskampf zum High-Tech-Nachtflug
Heute steuert Peter lieber GPS-Helis, genau wie Vereinskollege Alfred. Auf dem großen Flugfest zeigten beide nach Einbruch der Dunkelheit, was in ihren Maschinen steckt. Mit filigranen Steuerbewegungen schickten sie ihre mit Positionsleuchten und Flutlicht bestückten EC135-Äquivalente in den Nachthimmel. Rund 1000 Euro Wert pro Modell schärfen die Sinne. Doch die Halbleiterwelt hat geliefert: Geht Alfred der Saft aus, landet die Elektronik eigenständig, statt den freien Fall von 1972 zu relozieren.




Alfred ist seit sieben Jahren im Verein und kam ohne Hürden an Bord. „Die Kameradschaft hier, einfach sensationell“, schwärmt er mit Blick auf Peters saubere Landung. Kein elitärer Zirkel, sondern offene Arme – aktiv wie passiv (laut Website auch für Gönner). Generationenmischung vom Teenager bis zum 80+-Senioren inklusive. Nachwuchs lernt via Lehrer-Schüler-System: Der Mentor bringt die Kiste sicher in den Flugzustand, dann übernimmt der Eleven, mit jederzeitiger Override-Option.
Ernsthafter Modellflug fordert Physik- und Avionik-Respekt. Drohnenpiloten? Willkommen. Die Krone jedoch tragen jene Klassiker, die Finesse, Knüppelgefühl und Aerodynamik vereinen – eben jene Nachtkünstler, deren funkensprühende Loopings und Sturzflüge den Odenheimer Sommerhimmel in eine Arena verwandelten. Seltenstaunen auf dem Acker.