Die blauen Jahre sind vorüber 

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Gerald Gack nimmt Abschied – Nach fast einem halben Jahrhundert Polizeidienst tritt der oberste Kraichgauer Ordnungshüter ab

Eine Präsenz, die den Raum füllt

Fünf Jahre sind vergangen, seit ich das letzte Mal mit Gerald Gack gesprochen habe. Doch auch ein halbes Jahrzehnt nach unserem letzten Interview ist mein erster Gedanke sofort wieder derselbe: Mein Gott, dieser Mann strahlt eine Präsenz aus, die schon ohne Worte regelrecht physisch greifbar im Raum steht. Ein kantiges, markantes Gesicht – und darin diese stahlblauen Augen, hinter denen eine Selbstsicherheit lodert, die nicht alltäglich ist. Hätte ich ihn heute zum ersten Mal getroffen, in Zivil, irgendwo in der Stadt, wäre meine erste Vermutung gewesen: Dieser Mann ist Polizist.

Gut, das kann jeder behaupten. Schließlich habe ich ihn in seinem natürlichen Umfeld kennengelernt: hier im Polizeirevier Bad Schönborn, das irgendwie so gar nicht zu diesem Mann passen mag. Sein Büro befindet sich im nachträglich hinzugekommenen Hinterbau – ein Wort, das den realen Charakter des Gebäudes nicht im Mindesten transportiert. Als das kleine Polizeirevier in Mingolsheim zu klein wurde, nahm man einfach das Haus dahinter hinzu: eine recht stattliche Villa aus den Sechzigerjahren, die noch immer genau diesen Charme versprüht. Große Flügeltüren mit eloxiertem Glas, Solnhofer Platten im Parterre und darüber ein mehrarmiger Kronleuchter – das Ganze sieht eher aus wie Tante Ernas gute Stube als wie ein Polizeirevier.

Ein Revier mit mehr Verantwortung, als man denkt

Doch der Schein trügt. Das Revier in Bad Schönborn ist nicht etwa nur für die Kurgemeinde zuständig, beschäftigt sich nicht ausschließlich mit zu lauten Tanztees im Kurhaus Hildegard oder Falschparkern vor der Rehaklinik. Es ist vielmehr Dreh- und Angelpunkt für das gesamte Kraichgauer Hinterland. Gerald Gack als oberster Ordnungshüter und seine rund 60 Beamtinnen und Beamten sind zuständig für Bad Schönborn, Östringen, Ubstadt-Weiher und das ganze Kraichtal.

Man könnte meinen: Alles klar, ein klassisches Landrevier, dessen Höhepunkt vielleicht mal Klein-Ollis frisierter Herkules ist. Ähnliche Gedanken hatte vielleicht sogar Gerald Gack selbst, als er hier seine letzte Etappe einer fast 50-jährigen Laufbahn antrat. Doch bereits am ersten Tag wurde er eines Besseren belehrt. Eine Messerstecherei an einer Östringer Schule – aus der später ein Tötungsdelikt unter Minderjährigen werden sollte – bildete die Ouvertüre seiner Dienstzeit. Und auch wenn das Hügelland nicht mit der Kriminalitätsstatistik einer Großstadt mithalten kann, fehlte es in den folgenden Jahren nicht an traurigen Höhepunkten. Man erinnere sich an den Brand mit mehreren Toten in Kraichtal oder zuletzt an das tragische Stadtbahnunglück in Ubstadt-Weiher.

Ein Leben für den Dienst

Schreckliche Ereignisse, keine Frage. Doch sie sind schon immer Teil der Polizeiarbeit – einer Arbeit, die Gerald Gack bereits mit 17 Jahren begann und die er bis heute liebt. 1979 startete er seine Karriere. Nach vielen Jahren und reichlich verdienten Sporen absolvierte er Anfang der Neunziger ein erweitertes Studium an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen und wurde zum Polizeiführer. Danach wechselte er ins Führungs- und Lagezentrum der Polizei in Karlsruhe, war immer am Puls des Geschehens, immer mittendrin. Langweilig wurde es nie. Karlsruhe ist schließlich keine kleine Stadt: Mehrere Hunderttausend Menschen leben hier, und für die Polizei ergeben sich in einem solchen urbanen Zentrum zahlreiche Einsatzfelder.

Die verlorene Ära des Respekts

Und dennoch: Verglichen mit unserer heutigen Zeit waren die Neunziger und die Zweitausender vergleichsweise entspannte Jahrzehnte, seufzt Gerald Gack, wenn er sich an diese längst vergangene Ära erinnert. Schlimme Dinge passierten damals, schlimme Dinge passieren heute – aber es ist der gesamtgesellschaftliche Umgang miteinander, der sich gravierend gewandelt hat. Damals wurden Polizisten noch respektiert – oder, etwas formeller: als regulierende Instanz des Staates wahrgenommen und akzeptiert.

Ich erinnere mich noch gut: In der Grundschule kamen zum ersten Mal zwei Vertreter des Eppinger Polizeireviers zu Besuch. Für mich waren das Respektspersonen in ihren grünen Uniformen, die damals noch nicht einmal so martialisch aussahen wie die heutigen Einsatzmonturen.

Doch dieses Empfinden scheint längst nicht mehr omnipräsent zu sein, berichtet Gerald Gack. Quer durch alle Bevölkerungsschichten ziehe sich mittlerweile wie ein roter Faden ein Umgang mit seinen Beamtinnen und Beamten, der teilweise absolut indiskutabel sei: Beleidigungen, körperliche Attacken, breite Uneinsichtigkeit in das eigene Fehlverhalten. Der Dienst auf der Straße ist überall zweifelsohne härter geworden. Das empfindet nicht nur Gerald Gack so. Diese Einschätzung wird auch durch mehrere Institutionen und Untersuchungen gedeckt, darunter die Polizeigewerkschaft und die Bundeszentrale für politische Bildung.

Gewalt gegen die Polizei: Ein neuer Höchststand

In Deutschland hat die Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen. 2023 erreichte sie mit über 46.000 registrierten Fällen und durchschnittlich 290 Opfern pro Tag einen neuen Höchststand – vor allem Widerstand und tätliche Angriffe dominieren. Bei einer Umfrage gaben 50 Prozent aller Beamtinnen und Beamten an, innerhalb eines Jahres körperliche Gewalt erlebt zu haben. Natürlich gibt es auch die andere Seite: Gewalt, die von der Polizei ausgeht. Auch hier gab es in den letzten Jahren einen Anstieg, ebenso die Zahl der tödlichen Schüsse aus Dienstwaffen. Doch wenn dies etwas zeigt, dann die Richtung, in die sich unser gesellschaftliches Klima verändert. Nicht zum Guten, so viel steht fest.

Mehr Rückendeckung wagen

Mehr Unterstützung von der Politik wünscht sich Gerald Gack. Was den Zusammenhalt der Polizei selbst angeht, würde er jedoch jederzeit seine Hand für alle Kolleginnen und Kollegen ins Feuer legen. Man stehe zusammen, man kümmere sich umeinander. Dennoch bereitet dem altgedienten Polizisten die gesellschaftliche Entwicklung Kopfzerbrechen: „Die Werte werden nicht mehr weitergegeben“, sinniert er. „Früher war der Polizist eine Respektsperson – heute wird er belächelt.“

Der Abschied naht

So sehr sich der Beruf auch gewandelt haben mag – Gerald Gack wird ihn vermissen. Wenn er am 31. Oktober Schlüssel, Marke und Dienstwaffe abgibt, ist er plötzlich wieder ein „ganz normaler Mensch“, ohne jegliche Befugnisse, so wie zuletzt mit 16 Jahren. Man muss sich nicht weit aus dem Fenster lehnen, um zu erahnen, wie schwierig diese Umstellung für einen Polizisten sein muss. Wir reden immerhin über ein halbes Jahrhundert, ein ganzes Leben im Dienste einer Sache.

Ein letzter Kracher – und dann?

Zum Abschluss will er es noch einmal krachen lassen: Alle Kolleginnen und Kollegen sind zu einem kleinen, privaten Oktoberfest eingeladen. Für sein Revier hat er bereits Aushilfen organisiert – sein Pflichtbewusstsein würde nichts anderes zulassen. Und danach? Offenes, unbekanntes Land. Viel Skifahren, Golfspielen, morgens ausschlafen, auch einmal in den Tag hineinleben.

Ob der Polizist in ihm sich jemals in den Hintergrund zurückziehen wird? Eine Frage, die sich mir direkt zum Abschied beantwortet, als Gerald Gack mir hilft, rückwärts mit dem Auto in den dicht fließenden Feierabendverkehr der B3 zu stoßen. Dort, auf der Fahrbahn, signalisiert er den Autofahrern kurz Rücksicht zu nehmen. Sein Gesicht ist voller Konzentration, die blaugrauen Augen blitzen energisch, aber bestimmt. In diesem Moment ist er voll und ganz Gerald der Polizist – und auch wenn er das bald nicht mehr sein wird, bleibt es auf seine Weise doch immer ein Teil von ihm.

Vielleicht ist das auch ganz gut so.

1 Kommentar zu „Die blauen Jahre sind vorüber “

  1. Rücksicht, Achtung und Respekt sind sehr seltene Eigenschaften, die heute leider nicht mehr gefragt sind. Ich habe aber erlebt, wenn man die Menschen mit diesen Eigenschaften behandelt, dass sie dann sehr positiv reagieren.

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