Der Teufel trägt Radlerhosen

Der Teufel trägt Radlerhosen
Der Teufel trägt Radlerhosen

Die Sonntags-Zombies kommen

Eine Kolumne von Tommy Gerstner

Wenn der Wetterbericht für das kommende Wochenende warme Temperaturen und viel Sonnenschein ankündigt, geht bei den meisten Menschen regelrecht das Herz auf. Bei mir leider nicht. Ich bin wohl das, was man einen hoffnungslosen Misanthropen nennen könnte, oder anders gesagt: Menschen in großen Gruppen sind nicht gerade mein Ding. Gerade an warmen Sonntagen treten dabei Vertreter unserer Spezies auf den Plan, denen ich gerne und regelmäßig aus dem Weg gehe.

Im Wesentlichen sind es drei große Gruppen, die dann die Straßen und Wege im Kraichgau bevölkern. Lasst sie mich euch im Folgenden einmal genauer vorstellen:

Da wären zum einen die Sonntagsfahrer. Wenn Opa Berthold um 10 Uhr morgens die Garage öffnet, um seinen alten Opel Ascona Baujahr 1982 von den Spinnweben zu befreien, mit ihm in der Einfahrt zurücksetzt, dabei zwei Gartenzwerge und die Nachbar-Katze platt macht, weiß ein jeder – Hurra es ist Sonntag. Nach dem Frühstück lädt Berthold dann Oma Hilde ein, um mit ihr gemeinsam eine idyllische Fahrt zu irgendeiner Schlossruine anzutreten. Die rot umrandeten Schilder entlang der Landstraße, auf denen die Höchstgeschwindigkeit angegeben ist, ignoriert Berthold dabei geflissentlich. Zwischen 40 und 50 Stundenkilometer sind doch für so einen gepflegten Ausflug völlig ausreichend. Und wenn man doch mal Gevatter Tod direkt ins Auge schauen möchte, kann man schließlich das Gaspedal durchtreten und mit knapp 60 Sachen über den Asphalt brettern. Nur an Einmündungen, da geht man lieber auf Nummer sicher. Wenn irgendwo am Horizont in 2000 Kilometern Entfernung ein kleines Pünktchen auftaucht, dann könnte das ein herannahender Wagen sein. So wartet man lieber bis die Straße auch hundertprozentig sicher frei ist – vorzugsweise irgendwann in der Nacht zum Montag gegen 3 Uhr früh.

Meine ganz speziellen Freunde sind aber die Radfahrer, die allsonntäglich in Rudeln über die Landstraße flitzen. Früher zu meiner Jugendzeit brauchte man zum Radfahren noch nicht wirklich viel Zubehör. Man hat sich einfach in den Klamotten die man ohnehin gerade trug auf den Drahtesel geworfen und fuhr los. Heute braucht es dafür offenbar sehr viel mehr Equipment. Wenn das Fahrrad nicht mindestens 5000 € gekostet hat, scheint es keinen zweiten Blick wert. Normale Klamotten beim Radeln tragen geht ganz offensichtlich auch nicht mehr, es gilt sich wie ein Clown in neonfarbigem Neopren zu kleiden. Radlerhosen und Leggings die wirklich kein Geheimnis für sich behalten können, verspiegelte super-coole Sonnenbrillen und quietschbunte Helme mit denen man sich doch eher aus einer Kanone im Zirkuszelt schießen lassen könnte, runden das Bild ab. Irgendwann sitzt die ganze Meute, die jeden Radweg in der Region beharrlich ignoriert dann im Biergarten, stößt man mit einem isotonischen Radler auf den schönen Tag an und rutscht auf dem mit Vaseline eingeriebenen Gehänge auf der Bank herum.

Schließlich wären da noch die Spaziergänger. Diese unterteilen wir in zwei verschiedene Gattungen. Die junge outdoor-affine Familie, die offenbar noch nicht herausgefunden hat dass man auch anderswo als in Jack Wolfskin Läden Klamotten einkaufen kann. Zusammen mit den Söhnen Sören, Malte und Torben, geht es dann jung, sportlich und dynamisch auf die Piste. Als Kontrastprogramm gibt es dazu noch die rüstigen Senioren, die meist mit einem rattenähnlichen, kleinen Hund in Zeitlupe über die Feldwege flanieren. Meist schauen beide Ehepartner dabei so konsequent mürrisch und abweisend aus der Wäsche, dass man sich die Frage stellen darf ob sie diesen Gesichtsausdruck nicht bereits morgens vor dem Spiegel bei der Gebisspflege einstudiert haben.

Ach ja, und dann gibt’s natürlich noch den alten Tommy…. der wie Gollum in seiner verdunkelten Bude sitzt, auf Netflix Gilmore Girls Binge-Watching betreibt und hin und wieder einen misstrauischen Blick auf die sonntägliche Meute durch den Spalt seiner Jalousie wirft. Schade dass die deutsche Justiz mit rabiaten Abschreckungs-Methoden nicht gerade liebäugelt. Denn was hat uns Braveheart eindrücklich gelehrt? Nichts sagt besser “Bleibt weg von hier”, als ein Kopf auf einem Pfahl…. und wenn der dann noch einen Radhelm trägt – umso besser.

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