Der Ruf der Straße

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Über das Motorradfahren, Leidenschaft, Geschwindigkeit und Toleranz

“Motorradfahren ist Leidenschaft und pure Emotion.” Diese Sorte klischeebeladener Schlagwörter bekommen wir reichlich in der TV-Reklame zu sehen, in Zeitschriften oder auf Plakatwänden. Aussagen wie diese, lassen bei uns Nicht-Bikern höchstens die Achseln nach oben zucken, klingen sie doch allenfalls wie halbseidene und abgedroschene Werbebotschaften. Für viele Biker aber scheint wirklich etwas dran zu sein, für Sie ist Motorradfahren nicht nur ein Mittel zum Zweck der Fortbewegung, sondern tatsächlich mit intensiven Gefühlen und Begehrlichkeiten verknüpft. Es scheint auch so, als ob diese Emotionen den Rahmen dessen sprengen würden, was Menschen, die nie zuvor mit der “Leidenschaft Motorrad” in Kontakt gekommen sind, überhaupt erfassen können. Ich erinnere mich dabei gerne an eine Begegnung Ende der 90er Jahre in einer Taverne auf Zypern. Ich saß mit einem Freund an einem lauen Sommerabend an einem Tisch im Freien, als gerade ein Motorradfahrer mit einer schweren Maschine auf den Hof rollte. Er stieg ab, setzte sich zu uns und nahm nach einer Zeit seine Beinprothese ab. Er erzählte uns, dass er vor 15 Jahren einen schweren Unfall mit dem Motorrad hatte, bei dem er ein Bein verlor. Trotzdem stieg er schon wenige Monate später wieder in den Sattel und fährt heute so viel wie schon vor seinem Unfall. Dieser Mann war nicht etwa verrückt, sondern ein liebenswerter Zeitgenosse – im echten Leben übrigens Filialleiter einer Bank – mit dem wir sehr gerne den Abend verbrachten. Er hatte sich trotz der Gefahr, trotz der erlittenen, herben Einschnitte, ganz bewusst nicht vom Motorradfahren abgewandt… das hat mir lange zu denken gegeben.

Was das Motorradfahren angeht, scheint es tatsächlich zwei Arten von Menschen zu geben – die, die “es” spüren und die die “es” nicht spüren. Mir beispielsweise reicht die Höchstgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometer meines Rollers völlig aus, es ist schön den Wind in den spärlichen Haaren zu spüren, mehr dürfte es aber tatsächlich nicht sein. Andere aber leben erst dann richtig auf, wenn die Welt – lediglich getrennt durch eine lederne Kluft – mit 200 Sachen vorbeizieht und das Vibrieren des Motors jeden Quadratzoll des Körpers durchströmt. Dass dieses Bild in der Gesellschaft polarisiert, versteht sich schon fast von selbst. Für Außenstehende ist die Leidenschaft der Biker nicht nachvollziehbar, viele stören sich sogar vehement daran. Durch die wachsende Intoleranz in unserer Gesellschaft, haben viele in den Bikern ein regelrechtes Feindbild ausgemacht. Nur so lassen sich Vorstöße wie generelle Fahrverbote an Wochenenden für Motorradfahrern erklären, die bei genauerem Hinsehen völlig absurd wirken.

Wichtig für ein gutes Zusammenleben wären also mehr Toleranz und Verständnis beider Fraktionen, aber auch Vermittlung zwischen Bikern und Nicht-Bikern. Genau diese, schwierige Mission hat sich der Polizist Rick Lowag aus Tiefenbach mit seinem privat initiierten Präventionsprojekt “Rennleitung 110” auf die Banner geschrieben. Er und seine Mitstreiter stehen unter anderem dafür ein, die Leidenschaft und den Rausch der Geschwindigkeit nicht zu verdammen, sondern stattdessen zu kanalisieren. “The road is no place for racing” heißt es dazu fett gedruckt auf der Webseite des Projekts – zu deutsch etwa: “Die Straße ist kein Ort für Raser”. Ricks Appell an alle Besitzer einer schweren Sportmaschine: Runter vom Gas oder rauf auf den Ring. “…Reinrassige Renngeräte mit Straßenzulassung können ihr wahres Potential nur auf der Rennstrecke unter Beweis stellen. So wie niemand mit seinem SUV durch Nachbars Garten pflügen würde, macht es auch keinen Sinn, sich auf der Hausstrecke etwas zu beweisen…”

Der erfahrene Polizist, der bereits bei der Kriminalpolizei in Mannheim, bei der Autobahnfahndung und in der Ausbildung junger Polizisten tätig war, weiß dabei genau wovon er spricht. Blut geleckt hat er schon in jungen Jahren mit einer 50er Aprilia und sich danach stetig Richtung Königsklasse und den Tausender-Maschinen hochgearbeitet. “Als Schwarzwälder kommt man um ein Motorrad gar nicht herum”, lacht der gebürtige Calwer und erzählt in flammenden Worten von seiner Leidenschaft und jenem Zustand, den ein erfahrener Biker als “Flow” kennt. Dabei handelt es sich um ein psychologisches Phänomen, das nicht nur beim Motorradfahren sondern auch bei anderen Tätigkeiten auftreten kann. Es handelt sich dabei um ein Hochgefühl, das durch eine Kombination aus präziser Fokussierung, maximaler, passiver Konzentration, dem Gefühl der Beherrschbarkeit der Situation, dem völligen Verschmelzen mit der derzeitigen Tätigkeit und dem Verlust jeglichen Zeitgefühls entsteht.

Das Problem dabei – mit hohen Geschwindigkeiten steigt auch unweigerlich die Unfallgefahr, das ist einfach eine physikalische Gewissheit. Auch Rick hat sich schon beim Motorradfahren schwere Verletzungen zugezogen, eine lange gezackte Narbe über seine Schulter bestätigt dies unmissverständlich. Also hat der zwischenzeitlich dreifache Familienvater beschlossen, seine Energie und die des Motorrads zu bündeln und dorthin zu verlagern, wo sie so gut als möglich kontrollierbar bleibt – auf die Rennstrecke. Ohnehin lassen sich nur dort die Kapazitäten der schweren Rennmaschinen ausreizen, mit den Höchstgeschwindigkeiten auf den offiziellen Straßen, rangieren deren Motoren gerade mal am unteren Ende ihrer Leistungsfähigkeit. Bei Fahrten beispielsweise auf dem Hockenheimring, kann Rick die Fähigkeiten seiner Maschine voll ausreizen und ist auf einer übersichtlichen Strecke unterwegs, die optimal auf die Bedürfnisse des Motorrades und seines Fahrers zugeschnitten ist.

Mega-Bikertreffen verläuft friedlich

Rick und seine Mitstreiter von der Rennleitung 110 wollen Motorradfahrer dafür sensibilisieren – anders als in den von Vorbehalten und Negativität geprägten gesellschaftlichen Diskussionen, die Biker aber auf Augenhöhe und mit offenem Visier ansprechen. “Wir wollen niemanden mit einer schweren Maschine davon überzeugen langsamer zu fahren, aber sehr wohl dann eben dort zu fahren, wo das problemlos möglich ist – nämlich auf der Rennstrecke” erzählt Rick voller Überzeugung. Dass in den Augen vieler Menschen Motorradfahrer statt der Autofahrer eher die Buhmänner der Nation sind, liegt für Ihn klar daran, dass eben fast alle ein Auto, nur wenige aber ein Motorrad fahren. Dabei setzt allein der Stufenführerschein bei Motorradfahrern schon stetig wachsendes Wissen und Fähigkeiten voraus, während hingegen bereits PKW-Fahranfänger schon einen mehrere 100 PS starken Boliden steuern dürfen. Dass es auf der Straße deutlich mehr tote Motorradfahrer als Autofahrer bei Unfällen gibt, liegt ganz einfach an deren Schutz im Falle einer Kollision. Sie trennt nur etwas Leder und Plastik vom Asphalt der Straße, während Autofahrer hinter jeder Menge Stahl, Metall, Knautschzonen und Airbags sitzen.

Man darf sich hier aber keiner Illusion hingeben, Motorradfahrer wissen ganz genau um das Risiko ihrer Leidenschaft. Sie wissen, dass ihr weicher Körper bei einem Aufprall auf ein hartes, unbewegliches Objekt kaum eine echte Chance hat, sie blicken der Gefahr bei jeder Fahrt ganz bewusst ins Auge. Genau das macht sie im Endeffekt zu den vorsichtigsten Verkehrsteilnehmern, wissen sie doch nur zu gut, dass sie im Falle eines Unfalles fast immer den Kürzeren ziehen würden. Wer schnell unterwegs sein möchte, wer die Kapazitäten seine Rennmaschine voll ausreizen möchte, der sollte seine Leidenschaft auf einer offiziellen Rennstrecke und nicht auf der Straße ausleben. Genau das ist die Mission von Rick Lowag und der “Rennleitung 110”. Es gilt Geschwindigkeit und Sicherheit bestmöglichst unter einen Hut, oder besser unter einen Helm zu bringen. Oder wie Rick es ausdrückt: “Am Ende unserer Runden gibt es keine Pokale für den Schnellsten – Nachhause kommen zählt.”

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