Das letzte Büdchen

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In Östringen schmeißt Mirsad einen der letzten Kioske im Kraichgau

Früher gehörten sie auf jedem größeren Platz und selbst in den kleinsten Dörfern zum Alltagsbild, heute sind sie leider nur noch als vereinzelte Exoten anzutreffen. Der gute alte Kiosk gehört wie die ihm verwandten Tante-Emma-Läden zu den Verlierern unserer immer schnelllebigeren Gesellschaft, die es bevorzugt alle Einkäufe in den Supermärkten oder gleich online zu erledigen.

Früher aber waren Kioske echte Treffpunkte und Outdoor-Stammtische für jedermann. Morgens ein paar Kippen und die Tageszeitung, Mittags Curres-Pommes mit den Kollegen vom Bau, Abends ein gepflegtes Dosenbier vor dem Gang nach Hause. Am ehesten erhalten hat sich diese Tradition im Ruhrgebiet, wo die Büdchen und Trinkhallen noch echte Kulturschätze sind. Bei uns im Kraichgau stirbt tagtäglich Stück für Stück der “kleine Laden um die Ecke” einen stillen Tod. Mit jeder Schließung ist zwar das Geheule groß, kaufen will aber dann doch lieber jeder beim günstigen Discounter. Die Tage des “Treffpunkt Kiosk” sind längst vorbei. Zeiten wie jene als noch große politische Deals am “Bundesbüdchen” – einem ovalen Kiosk in der Nähe des Bonner Bundestages – eingefädelt wurden, sind nur noch Fußnoten der Geschichte.

Die Urform des deutschen Kiosk, so wie er in den Wirtschaftswunderjahren überall wie Pilze aus dem Boden geschossen ist, findet man in unserer Region nur noch sehr selten. In Bretten gibt es noch den kultigen Kiosk am Markt, in Bad Schönborn jenen am Bahnhof oder in Sinsheim den Kiosk Siller. Vielerorts haben die kleinen Büdchen aber längst die Segel gestrichen, beispielsweise das Schiffchen am Eppinger Kleinbrückentorplatz.

Längst geschlossen und bald ganz verschwunden – Der Kiosk in Eppingen

In Östringen hingegen steht noch ein Kiosk, der mehr oder minder im Originalzustand der 60er Jahre erhalten wurde. 1968 wurde das Büdchen an der Östringen Hauptstraße von Simon Körner erbaut. Dieser hatte bereits zuvor in der Nähe des alten Ochsen einen Zeitungsstand besessen und schließlich zwischen den Abzweigungen der B292 zur Kuhngasse und zu alten Straße den Neustart gewagt. Die damals modernen kleinen grau-weißen Fliesen in Stragula-Optik die die schlichte Fassade zieren, wirken heute wie aus der Zeit gefallen, der Kiosk hat aber nach wie vor geöffnet.

Seit 1992 betreibt Mirsad Spahic den Kiosk und hält immer noch die Stellung obwohl die goldenen Kiosk-Jahre lange zurückliegen und der Wind von Tag zu Tag rauer wird. Mirsad kam im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Östringen und lebt zwischenzeitlich bereits ein halbes Jahrhundert im Kraichgau. Nach seiner Lehre als Radio- und Fernsehtechniker arbeitete er zunächst hier und da bis er schließlich vor fast 30 Jahren den Kiosk des alten Herrn Körner übernahm.

Bei ihm gibt es alle gängigen Kiosk-Klassiker zu kaufen. Lottoscheine, Stopftabak, Drehtabak, Zigaretten, Zigarren, Zigarillos, Weinbrand, Süßigkeiten, Schreibwaren und natürlich alle möglichen Zeitungen und Zeitschriften. Verkaufsschlager ist und bleibt die Bild-Zeitung, aber auch Frauenzeitschriften und klassische Männermagazine wie Praline oder Schlüsselloch (aktueller Titel: Guck mir endlich in die Muschi, Doc) sind immer noch gut gefragt.

Durch die Baustellen rund um Östringen herrscht momentan ziemlich Flaute an Mirsads Kiosk. An normalen Tagen schafft es die Kombination an Durchgangsverkehr und Östringer Stammkunden gerade noch so, das kleine Büdchen vor dem Sinken zu bewahren. Am Ende der Woche sind es wahrhaft hart verdiente Euronen die Mirsad auf die Bank bringen kann. Rechnet man ein dass er jeden Tag rund 12 Stunden hinter der kleinen Verkaufstheke sitzt, dürfte manch einer ob des kleinen Verdienstes nur den Kopf schütteln. Doch Mirsad liebt seinen Job und er liebt seinen Kiosk. Trennen möchte er sich von seinem Büdchen noch lange nicht, ans Aufhören will er nicht im geringsten denken.

Wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwann ein Comeback für den guten alten Kiosk – ausschließen will man in dieser Zeit des ständigen Wechsels schon lange nichts mehr. Ein Relikt vergangener Tage wird aber wahrscheinlich ewig ein Ladenhüter bleiben – Die letzte Ansichtskarte mit Östringer Motiven hat Mirsad schon vor Jahren verkauft.

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