Born in Bohbrigga

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„Das Jugendhaus ist kein Gebäude – es ist ein Gefühl.“

von Stephan Gilliar

Vor 50 Jahren haben sich ein paar Jugendliche aus Bahnbrücken zusammengerauft und ein eigenes Jugendhaus gegründet. Bis heute ist es ein Fixstern für ganze Generationen und ein Beispiel dafür, warum „Dorf“ immer besser als „Stadt“ sein wird.

Was zählt, ist das, was bleibt

So rein auf die formalen Eckdaten bezogen, hat das kleine Bahnbrücken kaum etwas zu bieten. Es gab mal einen Bäcker – den gibt es jetzt nicht mehr. Es gab mal zwei Kneipen – die gibt es jetzt nicht mehr. Es gab mal eine Schule – die gibt es jetzt nicht mehr. Die Liste der Dinge, die es zwischenzeitlich nicht mehr gibt, lässt sich noch lange fortführen. Aber darum geht es hier nicht.

Wichtig sind vielmehr diese Dinge: Es gab mal ein intaktes Dorfleben – das gibt es heute immer noch. Es gab mal engagierte Jugendliche – die gibt es heute immer noch. Es gab mal ein Jugendhaus – das gibt es heute immer noch.

Tatsächlich ist Bahnbrücken ein Beispiel dafür, wie schön das Dorfleben sein kann. Wie man als kleine Gemeinschaft funktionieren kann – nur durch Engagement, Zusammenhalt, Loyalität und echte Freundschaft unter Nachbarn. Das Dorf kann Tristesse und Endstation sein, aber auch Chance, Zuhause und Heimat. Es lässt dich fallen, wenn du es fallen lässt – es fängt dich auf, wenn du dich reinhängst. Es kommt eben ganz darauf an, was man daraus macht.

Aus einer Idee wird Geschichte

Vor 50 Jahren haben ein paar Jugendliche beschlossen, etwas daraus zu machen, haben sich gemeinsam – völlig planlos und manchmal auch etwas kopflos – in die Gründung eines eigenen Vereins, eines eigenen Jugendhauses gestürzt. Hans-Peter und Wolfgang waren ganz am Anfang mit dabei, können es heute gar nicht fassen, dass ihre Idee nun schon ein halbes Jahrhundert alt wird.

„Wir hätten früher nicht mal geglaubt, dass wir die ersten Jahre überstehen“, lacht Wolfgang, der mittlerweile kein Jugendlicher mehr ist, dafür aber ein gestandener und gemütlicher Bohbrigga Jong. „Dass wir als Dorfjugend ein eigenes Haus gefordert und auch bekommen haben – das war ein echtes Erfolgserlebnis“, erzählt er von diesen ersten Tagen anno 1974.

„Die Satzung haben wir irgendwoher geklaut, bisschen angepasst, hochgefahren zum Amtsgericht – und zack: Verein war gegründet“, bekräftigt Hans-Peter, der neben Wolfgang auf der abgehalfterten und leicht versifften Ledercouch im Hauptquartier des Jugendhauses Bahnbrücken im Obergeschoss des alten Rathauses sitzt. Entspannt lässt er den Blick durch den Raum gleiten – durch die Gläser der Brille, die aussieht, als hätte er sie mit Wolfgang zusammen im 2-für-1-Angebot beim Optiker erstanden.

„Damals war das halt so: Du willst was? Dann mach’s halt“, sagt er – und spricht aus, was vielen Vereinen heute zu schaffen macht: das zurückgehende Engagement der eigenen Mitglieder. „Vereinsarbeit ist kein Netflix – das läuft nicht von allein. Entweder du packst an, oder du bleibst daheim.“

Ein Haus für alle, ein Zuhause für viele

Hans-Peter, Wolfgang und ein Haufen anderer Mitstreiter aus Bahnbrücken haben angepackt – und nach der Vereinsgründung der frischgebackenen Stadt Kraichtal auch die passenden Räumlichkeiten aus den Rippen geleiert. Eine wichtige Ausgangsbasis, schließlich braucht es einen gemeinsamen Rückzugsort, einen Ort, um sich zu treffen, miteinander in Kontakt zu kommen – und hier und da auch miteinander zu feiern.

„In Bahnbrücken war der Zusammenhalt unter den Jugendlichen immer riesig – das war wie eine Familie“, erzählen die Vereinsältesten. Die Jugend, heute vertreten durch Tizian und Christian, nickt unwillkürlich – ganz so, als wollten sie sagen: Das ist heute immer noch so.

Gibt es im Dorf keinen Anlaufpunkt für die Jugend, wird eben eine andere Einrichtung dafür zweckentfremdet – in viel zu vielen Gemeinden ist das, traurigerweise, die örtliche Bushaltestelle. In Bahnbrücken war das – vor der Gründung des Jugendhauses – traditionell der alte Dorfbrunnen. Der wurde in den letzten Jahren übrigens aufwändig und teuer saniert.

Der alte Konvergenzpunkt der zwei Quellen rund um Bahnbrücken war quasi der neuralgische Hotspot im Dorf. „Wenn du heimkamst von der Schule, bist du zum Brunnen, hast rumgehangen, gelacht, gestritten – und dann biste wieder heim. Das war unser Alltag“, erzählen Hans-Peter und Wolfgang.

So durfte es aber nicht bleiben – und man begann den Obrigkeiten in Münzesheim auf die Füße zu steigen. Beharrlichkeit und chronisches Abnerven des Gemeinderats führten schließlich zum Erfolg: zur Bewilligung der eigenen vier Wände. Das erste Jugendhaus war in der alten Lehrerwohnung der ehemaligen Grundschule untergebracht. 30 Jugendliche aus Bahnbrücken packten mit an, sanierten und renovierten alles in Eigenleistung – um sich den Traum vom eigenen Rückzugsort zu erfüllen.

Von Zelluloid bis Zeltfestival

Von dieser ersten Adresse aus nahm die Erfolgsgeschichte ihren Lauf. Feste und Feiern, Exkursionen und Ausflüge, Spieleabende und sogar Kinovorführungen. (Für Letzteres mussten Mitglieder des Jugendhauses sogar einen eigenen „Filmvorführschein“ machen – nur dieser befähigte zum Entleihen und Abspielen der Filmrollen.)

Was die Jugend anging, so gab es zwar sicherlich Rivalitäten mit den Nachbarorten – aber wenn es ums Eingemachte ging, wurde strikt zusammengearbeitet. Ganz intensiv beispielsweise mit dem Jugendklub „Pfiff“ aus Münzesheim. Gibt’s übrigens immer noch – und rückt besonders in den Fokus, wenn alle zwei Jahre das große Open-Air-Festival „Anti Fruschd“ die Aufmerksamkeit der ganzen Region auf sich zieht.

Das Anti Fruschd in Oberacker

Musik war übrigens immer ein großes Thema. Discoabende mit Bandsalat inklusive: „Damals hat man halt noch auf Kassette gehört – und nicht über Spotify. Aber die Mucke war besser!“ lachen die beiden Oldies unisono. Vor allem die vielen organisierten Konzerte sind ihnen gut in Erinnerung – manche davon regelrecht legendär.

Ausgerichtet wurden diese – mangels Halle in Bahnbrücken – oft in Münzesheim, nicht aber immer innerhalb des empfohlenen Toleranzbereichs. Als die Band „Schweißfuß“ spielte, kamen statt der für die Halle erlaubten 350 Leute etwa 700 Mann, erinnert sich Wolfgang. „Die sind teilweise oben auf dem Dach gestanden und haben zum Dachfenster reingeschaut“, lacht er. „Das war einfach der Wahnsinn.“

Und heute?

Ja, es gibt viele gute alte Geschichten aus der guten alten Zeit – aber das Schöne ist: Es gibt sie auch heute noch. Die Erfolgsstory des Jugendhauses Bahnbrücken andauert unbeirrt bis zum heutigen Tag. Die Strahlkraft dieses außergewöhnlichen Projektes wirkt dabei offenbar bis weit über die Dorfgrenzen hinaus.

Christian beispielsweise hat der Ruf sogar 30 Kilometer weit entfernt ereilt. Durch ein Event kam er in Kontakt mit den Jungs und Mädels in Bahnbrücken, ist hier irgendwie hängen geblieben – und hat sich in das 650-Einwohner-Dorf verliebt. „Ja, ich bin zwar aus Pfinztal, aber mein Herz ist hier in Bahnbrücken.“

Regelmäßig fährt er nach Bahnbrücken, hilft mit, ist Teil des harten Kerns – der zwar personell nicht mehr ganz so stark ist wie noch vor 50 Jahren, aber immer noch stark genug, um das Jugendhaus vital und in Bewegung zu halten. Neben ihm sitzt Tizian, 25 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in good old Bohbrigga. Er könnte sich niemals vorstellen, woanders zu leben – viele seiner Freunde und Bekannten ebenso wenig. „Wenn du hier aufgewachsen bist, kennst du jeden Baum. Und jeder kennt dich. Das ist Heimat.“

Für immer Bohbrigga

Andere, die fortgezogen sind, kehren irgendwann wieder zurück, weiß Tizian – und das ist nicht nur bemerkenswert, sondern einfach wunderbar. „Viele von uns haben in Köln, Karlsruhe oder München studiert – aber heimgezogen sind se trotzdem“, lacht er. „Das ist halt wie ein Magnet – du gehst weg, aber Bahnbrücken zieht dich zurück.“

Was für ein Statement. Was für ein Ritterschlag für ein kleines Dorf, das von außen gerne und oft belächelt wird, von den größeren Gemeinden teilweise nicht ganz für voll genommen wird.

Dass im Jugendhaus technisch gesehen keine Jugendlichen im klassischen Sinne mehr vertreten sind – der Jüngste ist bereits 18 – stört in Bahnbrücken niemanden. Alter? Nur eine Zahl auf dem Papier. „Egal ob mit 16 oder 36 – im Jugendhaus zählt, dass du was bewegen willst“, weiß Christian, dessen Teenager-Tage auch schon ein paar Momente zurückliegen.

Und jetzt: Party!

Wollen tun sie noch einiges – und planen derzeit Großes zum 50. Jubiläum ihres Jugendhauses. Am 20. und 21. Junifeiert die kultige Institution ihr fünf Dekaden umfassendes Bestehen – mit einem zweitägigen Open-Air-Festival auf dem Gelände des FSV Bahnbrücken.

Am Freitagabend sorgt Gaudi Harry für Stimmung, am Samstag ab 16 Uhr geht’s weiter mit den Live-Acts Not2Use, Oh Menno, Caution, Blame the Duck, den Kawenzmännern und der Alive-Rockband. Ein Wochenende mit Musik, Begegnungen und Bohbrigga Herzblut – für alle Generationen!

Dass die Jugend immer noch Vollgas gibt, die Idee aus den frühen Siebzigern weiter am Leben hält und pflegt – das freut die Veteranen ganz besonders.

„Das, was wir damals angefangen haben, lebt weiter – und das macht einfach nur stolz“, finden Hans-Peter und Wolfgang. Und rennen damit bei Tizian und Christian offene Türen ein. Ans Aufhören denkt in Bahnbrücken sowieso niemand. Warum auch?!

Der Kult lebt – und das soll auch in Zukunft so bleiben.
Oder wie sie selbst sagen:
„Das 50-Jährige ist kein Abschluss – das ist nur die nächste Etappe.“

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