Durch die Erhöhung der Alkoholsteuer wird den Kleinbrennern das Handwerk weiter erschwert – so sehr, dass sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellt, findet Dominik Zorn, Winzer aus Kraichtal-Neuenbürg.
Kultur und Konsum: Eine lange Geschichte
Alkohol ist ein Thema, dem tatsächlich schwierig ganz rational und nüchtern beizukommen ist – man möge mir das Wortspiel verzeihen. Um die verschiedenen Getränke mit wenig oder viel Umdrehungen haben sich im Laufe der Zeit reichlich Filz, Tradition, Geschichte und auch Kultur etabliert. Für viele gehört Alkohol ganz einfach irgendwie dazu: Das Bier am Abend, der Sekt zum Geburtstag, der Wein auf der Firmenfeier, das Radler am Strand, ein Schnaps als Verdauungshilfe. Hinzukommt, dass natürlich bei so ziemlich jedem sozialen Anlass gebechert wird. Es gibt im Grunde keine Festlichkeit, die nicht irgendwie mit Alkohol assoziiert ist.
Das ist keine Erfindung der Neuzeit: Alkohol trinkt die Menschheit in irgendeiner Art und Weise schon seit ewigen Zeiten, genauer seit fast 13.000 Jahren. Schon in urzeitlichen Höhlen wurden Reste von Maische gefunden. Bier tranken wir also bereits, noch bevor wir mit dem Ackerbau begonnen haben – man muss schließlich Prioritäten setzen.

Im europäischen Vergleich ist das Trinken bei uns vergleichsweise günstig: Nur in Italien kommt man billiger an Alkohol als in Deutschland. Insgesamt geht bei uns der Konsum jedoch zurück – nicht in großen Sprüngen, aber doch spürbar. Laut Weltgesundheitsorganisation trinken Jugendliche ab 16 Jahren und Erwachsene hierzulande pro Jahr 11,2 Liter reinen Alkohol. Natürlich nicht pur, sondern verteilt auf diverse Getränke mit unterschiedlichem Alkoholgehalt. Da kommt schon etwas zusammen. Dennoch ist die Menge um einen knappen Liter innerhalb der letzten zehn Jahre gesunken – das ist noch kein Paradigmenwechsel, aber zumindest ein zarter Trend.
Die Schattenseite: Kein Schutz durch Romantik
Dass Alkohol nicht gerade gesund ist, sollte mittlerweile wirklich jedem klar sein. Streng wissenschaftlich betrachtet, muss man sich hier leider frei von jeder Romantik machen: Alkohol ist ein Zell- und Nervengift. Der Körper muss Aufwand betreiben, um den Giftstoff Acetaldehyd wieder abzubauen. Es gibt also keine Menge Alkohol, die man als unbedenklich oder gesund bezeichnen könnte.
Das bekommt nicht jedem gut. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen hat dazu die passenden Zahlen für das Hochkonsumland Deutschland: Mit knapp vier Millionen Betroffenen von alkoholbezogenen Störungen und Millionen Menschen mit riskantem Konsumverhalten bleibt Alkohol eine der massivsten gesundheitlichen und gesellschaftlichen Belastungen in Deutschland.
Handwerk und Heimatpflege statt Massenprodukt
Dies alles vorweg: Es ist meiner Meinung nach geboten, im Zusammenhang mit Alkohol auch über diese Aspekte zu berichten. Doch es gibt natürlich noch eine andere Seite der Medaille.
So klar die medizinischen Fakten sind: Wer Alkohol nur auf seine Schattenseiten reduziert, greift dennoch zu kurz. Für Winzer und Kleinbrenner wie Dominik Zorn aus Kraichtal-Neuenbürg ist das Brennen und Weinmachen kein industrieller Ausstoß von Suchtmitteln, sondern ein jahrhundertealtes Handwerk. Ihre Arbeit prägt ganze Kulturlandschaften, erhält traditionelle Streuobstwiesen und steht für ein Stück regionale Identität. Zwischen dem gesundheitspolitischen Schutzauftrag des Staates auf der einen und dem Erhalt dieser regionalen Genusskultur auf der anderen Seite entsteht nun ein Zielkonflikt – der sich einmal mehr am lieben Geld entzündet.
Die Steuererhöhung und ihre Folgen
Erst vor wenigen Tagen hat die Bundesregierung im Zuge ihrer Haushaltsplanung für das kommende Jahr eine Erhöhung der Alkoholsteuer auf den Weg gebracht – nicht auf jede Art von Alkohol, aber u. a. auf Spirituosen, Schaumwein oder Alkopops. Zwar ist Dominik Zorn als Winzer nicht vollumfänglich betroffen (Wein und Bier werden nicht teurer), aber beim Sekt und vor allem bei den Edelbränden sind die Steigerungen spürbar. Um 20 Prozent soll die Steuer steigen.

Das große Geld ist mit der Herstellung von Edelbränden ohnehin nicht zu verdienen, schon gar nicht als Kleinbrennerei, da macht sich Dominik Zorn nichts vor. Die Brennerei sei schon seit vielen Jahren ein Geschäft, das für viele unrentabel wird. Als er vor 15 Jahren angefangen habe, habe es noch 25.000 kleine Brenner gegeben, heute liege die Zahl knapp unter 10.000. Was die geplante Steuererhöhung konkret für seinen Betrieb bedeutet, rechnet er kurzerhand beispielhaft am Williams-Christ-Brand vor:
„Eine Flasche kostet 12 Euro. Nach Mehrwertsteuer, Handelsmarge und Branntweinsteuer bleiben etwa 2,50 Euro übrig. Davon muss man brennen, Wasser, Energie und Holz bezahlen und draußen das Obst schneiden. Für 2,50 Euro pro Flasche muss man das aktuell alles machen. Wenn die Steuer noch einmal erhöht wird, gehen noch einmal 60 Cent weg. Dann wird es wirklich unrentabel.“
Bedrohter Kulturraum: Streuobstwiesen vor dem Aus?
Auch wenn das Sterben dieser Betriebe bereits seit Jahren im Gange ist, ist sich Zorn sicher: Durch die Erhöhung der Steuer werden am Ende noch deutlich weniger Betriebe überleben können. Dabei geht es ihm gar nicht primär um das Geld, sondern um die Folgen, die bisher kaum jemand auf dem Schirm hat. Es sei jetzt ein Punkt erreicht, an dem die meisten sagen würden, dass es vorher schon oft Liebhaberei war und es jetzt reicht. Schließlich fordere jeder den Erhalt von Streuobstwiesen, Zwetschgen- und Kirschbäumen – und am Ende passiere genau das Gegenteil.
Damit hat Zorn in der Sache absolut recht: Da Streuobstwiesen extrem arbeitsintensiv sind und die Saftpreise kaum die Erntekosten decken, ist die Schnapsherstellung oft die einzige wirtschaftlich sinnvolle Option, um den Erhalt der ökologisch äußerst wichtigen Flächen zu gewährleisten. Fällt dieser Anreiz für Kleinbrenner weg, werden die Bäume nicht mehr gepflegt, brechen durch Vergreisung zusammen und die Flächen verbuschen. Damit geht nicht nur eine traditionelle Veredelung verloren, sondern auch einer der artenreichsten Lebensräume Mitteleuropas.

Was mache ich denn noch hiermit, fragt sich Dominik Zorn, als wir während unseres Interviews durch sein Grundstück am Rande von Neuenbürg spazieren. In knorrigen, schönen Alleen, in Reih und Glied wachsen hier die Birnen für seinen Williams. Schon jetzt beginnen die Früchte auf den Boden zu fallen, der Hitzestress macht auch vor ihnen nicht halt. Dominik kann sich nicht vorstellen, dieses Stück Land einfach vor die Hunde gehen zu lassen. Sollten sich aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiter verschlechtern, sieht er kaum eine andere Möglichkeit.
„Für mich persönlich ist der Punkt erreicht, an dem ich sage: Jetzt ist die Grenze überschritten. Wenn die Steuererhöhung um 20 Prozent kommt, würde ich das Brennen deutlich reduzieren.“
Er will das keineswegs als substanzloses Jammern verstanden wissen. Auch ohne die Brennerei würde sich sein Weingut problemlos über Wasser halten können. Doch er stellt die grundsätzliche Frage in den Raum, wie wir gesellschaftlich mit diesem Kulturgut und Kulturraum umzugehen gedenken.
Passt die Symbolpolitik zur Realität?
Was Dominik dabei besonders stört, ist die pauschale Anhebung des Steuersatzes, die eben nicht nur die großen industriellen Hersteller, sondern auch die kleinen handwerklichen Betriebe wie seinen in Sippenhaft nimmt.
„Mein Wunsch wäre, dass man die unterschiedlichen Steuersätze belässt und bei den Kleinbrennern die Branntweinsteuer nicht erhöht.“
Egal wie man zum Thema Alkohol steht: Die Kritik, die Dominik Zorn übt, ist nicht von der Hand zu weisen. Sollte der Staat Kleinbrenner tatsächlich genauso prozentual belasten wie umsatzschwere Großdestillerien, wäre das wenig mehr als Symbolpolitik auf Kosten eines Nischenhandwerks. Der gesundheitliche Nutzen für die Bevölkerung dürfte bei edlen Handwerksbränden gegen null gehen, während der Schaden für die regionale Kulturlandschaft und das traditionelle Handwerk enorm ist.
Seit mehr als 15 Jahren bin ich Mitglied bei einem Kochclub im Elsass. Zum Mittagessen gehört auch immer ein passender Wein dazu.
Böse Zungen behaupten ja, daß die Franzosen täglich ein Glas Rotwein trinken und dazu eine Gauloises rauchen oder auch mehr !
Dieses Land ist sowas von Pleite, deshalb sucht man nach immer neuen Möglichkeiten um Steuern zu erhöhen. Zur Begründung wird eben ein gesundheitlicher Aspekt vorgeschoben.