What a Mess‘

| ,

Karlsruhe mag sich in vielerlei Hinsicht geändert haben – die Herbstmesse ist aber noch genauso schön wie vor 30 Jahren.

Freitagnachmittag in Karlsruhe. Herrgott, die Stadt stresst mich, wenn sie so ganz allmählich ins Wochenende driftet. Bei uns auf dem Land bedeutet das ein kontrolliertes Runterfahren, hier in der Stadt ganz offenbar das Gegenteil. Alles wird Stück für Stück etwas lauter, etwas greller … überall Menschen auf den Straßen, Musik aus den Kneipen, der Verkehr fließt zäh wie Sirup durch die Adern der Stadt.

In meinen Zwanzigern, als ich selbst noch in Karlsruhe gewohnt und gearbeitet habe, mochte ich dieses Kribbeln, diese Elektrizität, die sich zum Wochenende in der Stadt breitmacht – so, als ob man den Regler an einem Transformator ganz langsam hochdreht. Ausgegangen sind wir damals zwar bevorzugt am Mittwoch, das war so ein bisschen der inoffizielle Tag für die Karlsruher, um zu feiern; das Wochenende war dann der Invasion der Landeier aus dem Umland vorbehalten – genau die Landeier, zu denen ich mich mittlerweile auch zähle. Und damit keine Missverständnisse über meine Hügelfamilie aufkommen: Geboren in Karlsruhe, aufgewachsen im Kraichgau, Sturm und Drang dann in der großen weiten Welt, ein paar Jahre in Karlsruhe und seit 25 Jahren wieder stolzes Landei. Passt! Wurschd!

Nach meinem letzten Termin am Landratsamt treibt es mich noch ein bisschen zu Fuß durch die Straßen meiner alten Stadt. Ich mag es einfach, ziellos mit ein bisschen Musik auf den Ohren durch die alten Viertel zu ziehen, vorbei an den hohen Häusern mit ihren vielen hellen Fenstern, hinter denen so viele Menschen ihren eigenen Freuden, Sorgen und Nöten nachgehen. Ein bisschen schwebend und durch die ruhige Musik zwar mittendrin, aber kein echter Teil davon, spaziere ich durch die Menschentrauben, gleite durch die ganze Emsigkeit, den Trubel, dieses Nimmermüde und Unerschöpfliche der großen Stadt – und sehe plötzlich ganz hinten am Horizont ein buntes Funkeln und Leuchten.

Ich gehe näher, und die Lichter werden bunter, die Stimmen lauter, man hört fröhliches Kreischen, es riecht nach Gebratenem und Süßem. Erst in diesem Moment fällt mir wieder ein: Natürlich – heute Abend beginnt die Herbstmesse in Karlsruhe. Das erste Mal seit vielen Jahren – ich will ehrlich sein, es waren eher Jahrzehnte – bin ich wieder hier. Ich stehe an der Durlacher Allee auf dem alten Messplatz und tauche ein in eine Welt, wie ich sie das letzte Mal durch Kinderaugen gesehen habe.

Und dann passiert etwas, mit dem ich nicht gerechnet hätte … habe ich doch all die Jahre Stein und Bein behauptet, mit einem Rummel nichts mehr anfangen zu können. Ich fange an zu lächeln, fange an zu grinse, stehe da mitten in dieser Kakophonie aus unzähligen Stimmen, Melodien, markigen Durchsagen mit rollendem R, dem Gewitter der bunten Lichter, dem Dröhnen der Fahrgeschäfte, dem Lachen der Menschen … und lache selbst.

Plötzlich bin ich wieder acht Jahre alt, es sind wieder die Achtziger, und ich sitze auf den Schultern meines Papas, halte die Hände unter seinem stoppeligen Kinn gefaltet, kneife das eine Auge zu, um seinem Zigarettenrauch auszuweichen. Und währenddessen treibe ich in dieser erhöhten Position durch die Menschenmenge, die heute kein bisschen anders aussieht als damals. Wir kaufen Händeweise kleine zusammengerollte Lose, ernten Nieten in rauen Mengen, wir essen rechteckige Stücke Pizza vom Blech, kaufen uns Magenbrot und Liebesäpfel, fahren Autoscooter und Geisterbahn. Ich stehe Seite an Seite mit meinem Vater, drücke mein Gesicht an seine raue Lederjacke, während er konzentriert das eine Auge zukneift und versucht, die wilden Blechhasen mit dem Luftgewehr zu erwischen. Am Ende bekommen wir beide eine Plastikrose fürs Knopfloch an der Jacke. Ich hab sie heute noch.

Heute bin ich so alt, wie er es damals war, bin selbst Vater und freue mich darüber, dass sie alle noch da sind: die gegerbten Schausteller mit ihren Segeljacken und ihren Tätowierungen, die Angeber und Chauvis, die den Arm cool um ihr Mädchen legen, die Kinder, die ungeduldig an den Ärmeln ihrer Eltern ziehen, die Muskelberge in ihren Kassenhäuschen, die nuschelnd ihre uralten Sprüche in den Schaumstoff ihrer Mikrofone näseln.

Ich fahre Riesenrad, esse ein quadratisches Stück Pizza, das heute so schmeckt wie damals, nestle steinhartes Magenbrot aus der Papiertüte und – tatsächlich – jauchze, als das Kettenkarussell mit mir abhebt. Die Lichter meiner alten Stadt rasen an mir vorbei, alles verschwimmt zu einem Teppich aus Klang und Licht … und ich bin mittendrin, wieder Kind und glücklich, selig, ganz in diesem Moment – ohne Vergangenheit und ohne Zukunft.

Seit 1717 gibt es die Karlsruher Mess schon – das sind über 300 Jahre. Und doch geht es ihr so wie mir: Solange die Lichter tanzen, bleiben wir für immer jung.


🎪 Karlsruher Herbstmess 2026

Noch bis zum 9. November 2026

📅
Dauer: Bis Sonntag, 9. November
An der Durlacher Allee
🎢
Highlights: No Limit, Streetfighter & das Juwel-Riesenrad
Über 90 Attraktionen für Jung & Alt
🍖
Genuss: Von Bratwurst bis Crêpes
Alles außer gesund ;-)
🎃
Familientag: 5. November Noch im Programm
Schunkeln, Grusel & spezielle Angebote
Anzeige