Auf einem der letzten dörflichen Bauernhöfe Ubstadts verkauft Familie Reichert Halloween-Kürbisse vom eigenen Acker
Es fällt kaum noch auf – eigentlich erst dann, wenn man auf einen „Last Bauer Standing“ trifft. Seit der großen Aussiedlungswelle in den Sechziger- und Siebzigerjahren sind die Bauernhöfe aus unseren Dörfern und damit aus unserem Ortsbild weitestgehend verschwunden. Damals gab es im Zuge der Flurbereinigung viele Förderungen, die die Landwirte dazu ermuntern sollten, ihre alten Höfe in den Siedlungen zu räumen und stattdessen mit günstigen Flächen und Gebäuden draußen vor den Toren der Kommunen neu anzufangen.
Familie Reichert aus Ubstadt hat auch längst eine solch große Halle vor den Toren Ubstadts, aber es gibt immer noch den angestammten Familiensitz an der Weiherer Straße, von wo aus schon viele Generationen der Reicherts Nutzpflanzen und Getreide angebaut haben.



In erster Linie fahren Roland Reichert und seine Söhne und Mitarbeiter Getreide ein, aber seit 15 Jahren pflanzen sie auch Kürbisse an, in allen Farben und Formen – Speisekürbisse, aber auch solche, die nur zur Zierde dienen. Wirtschaftlich spielt dieser Anbau kaum eine Rolle, er ist mehr eine Liebhaberei, für die ihnen Ubstadt-Weiher aber jeden Herbst sehr dankbar ist. Denn zum einen sind die Kürbisse wunderschöne herbstliche Deko-Elemente, zum anderen wäre da ja noch dieser kleine große inoffizielle Feiertag, der besonders bei den Kindern unheimlich beliebt ist.
Ja, was wäre Halloween ohne einen schönen Halloween-Kürbis? Eine liebevoll geschnitzte Fratze, die mit einer Kerze dahinter schaurig schön in der Dunkelheit leuchtet. Formal gesehen spielt der importierte Gruseltag eigentlich keine Rolle im deutschen Kalender, aber wenn es den Kindern Spaß macht, warum sollte man hier den strengen Zeigefinger heben? Leben und leben lassen, gruseln und gruseln lassen.
Kleiner geschichtlicher Exkurs gefällig? Der 31. Oktober ist ursprünglich das keltische Neujahrsfest Samhain, das über Irland und Schottland in die USA wanderte (dorthin brachten es irische Auswanderer im 19. Jahrhundert), dort zu Halloween wurde und ab den 1990er Jahren durch amerikanische Filme, Serien und geschicktes Marketing kommerziell zurück nach Deutschland exportiert wurde. Keltisch ging es um die Grenze zwischen Leben und Tod – man glaubte, die Verstorbenen kehren in dieser Nacht zurück. Kürbisse (ursprünglich Rüben in Irland), Grusel und Verkleidung speisen sich aus dieser Tradition.



Aber wenn man davon mal absieht, macht es doch auch einfach etwas her, eine solche selbst geschnitzte Kürbis-Laterne vor das herbstlich geschmückte Haus zu stellen. Sieht doch prima aus, finden Sie nicht? Die passenden Kürbisse gibt es derzeit zuhauf in den Supermärkten, aber wenn Sie heimische Erzeuger unterstützen wollen, dann wäre beispielsweise ein Besuch auf einem Bauernhof wie dem von Familie Reichert eine tolle Sache.
Denn bis ein Kürbis seine imposante Größe und Farbe erreicht hat, geht eine Menge Zeit ins Land und reichlich Wasser den Rhein herunter. Wasser ist hier auch ein gutes Stichwort. Davon gab es bekanntlich in diesem Sommer viel, viel zu wenig. „Am Anfang hatten wir noch das gesammelte Regenwasser vom Dach, immerhin rund 50.000 Liter“, erzählt Roland Reichert. Aber das war irgendwann alle, musste regulär aus der Leitung bezogen werden, das rechnet sich kaum noch.
Ob es in den nächsten Jahren noch Kürbisse bei Reicherts geben wird, steht derzeit in den Sternen. Zum einen hat die Nachfrage nachgelassen, zum anderen sind die Kosten der Erzeugung durch die regelmäßig wiederkehrenden Dürren massiv gestiegen.
Und noch ein Faktor kommt hinzu, der wenig rühmlich ist. Das System der Vertrauenskasse wird von manchen Menschen leider ausgenutzt. Insbesondere bei den Eiern, die Familie Reichert bislang offenherzig und vertrauensvoll angeboten hat, gab es derart viel Diebstahl, dass die Ausfälle über Wochen hinweg im hohen dreistelligen Bereich lagen. Das haben die Reicherts nun mit einem modernen Verkaufsautomaten gelöst, der in einer kleinen Hütte direkt in der Hofeinfahrt steht. Schade ist es dennoch, dass ein solches Entgegenkommen von manchen so schamlos ausgenutzt wird.
Sollten Sie also frische Eier brauchen und natürlich auch noch einen Last-Minute-Halloween-Kürbis, dann finden Sie beides mitten im Herzen von Ubstadt auf dem Hof von Familie Reichert. Und hier noch ein kleiner Tipp, damit Ihr Kürbis auch möglichst lange vor Ihrem Haus leuchten kann: Nach dem Schnitzen innen gründlich reinigen, alle Schnittflächen mit Essigwasser einsprühen und ihn tagsüber kühl sowie luftig lagern, um Schimmelbildung zu verzögern.
Und über das ausgekratzte Fruchtfleisch und die Kerne freuen sich übrigens die Hühner, erzählt Roland Reichert – auch seine bekommen nach Halloween die Reste der bunten Pracht auf dem Hof zum Frühstück. So hat jeder etwas davon.