Unerwartet und viel zu früh ist die gute Gochsheimer Seele Thomas Dutzi von uns gegangen
Ein Nachruf von Stephan Gilliar
Langsam spaziere ich an diesem eiskalten Januarmorgen durch das winternebelige Gochsheim. Die Hände tief in den Taschen vergraben, der Atem kondensiert als Nebel, vermischt sich mit dem fahlen Grau, das heute in den alten Gassen hängt. Ich komme vorbei am gluckernden Kraichbach, wo Thomas noch vor ein paar Wochen für unseren Kraichtal-Film barfüßig und fröhlich das Wasser hat spritzen lassen, vorbei am Bäckereimuseum, wo er sich für ein schönes Foto in das alte Bett der Gesellen gelegt hat, vorbei am Schloss, wo er mit vielen anderen dafür gesorgt hat, dass Gochsheim ein schönes Altstadtfest und einen ebenso schönen Schlossadvent feiern kann. Und schlussendlich, kurz bevor ich sein Haus in der Berthold-Bott-Straße erreiche, fällt mein Blick auf die Vogelscheuer, wo Thomas Jahr für Jahr den Kindern im Dorf als Nikolaus ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert hat.
Dass dieser gutmütige, friedfertige und durch und durch liebenswerte Mann nicht mehr da sein soll, das begreife ich immer noch nicht ganz. Als mich die Nachricht seines Todes vor ein paar Wochen erreicht hat, hat sie mich unerwartet wie ein Hammerschlag in den Magen getroffen. Es ist nicht so, als ob wir eng befreundet gewesen wären, aber Thomas war einer dieser Weggefährten, die einfach immer da waren, ganz selbstverständlich. Still, leise und unaufgeregt hat er immer unterstützt, immer ausgeholfen, wenn er gebraucht wurde. Zu so vielen Gelegenheiten sind wir uns immer wieder über den Weg gelaufen, im Grunde bei jedem kleineren und größeren Anlass in und um Gochsheim. Ja, Gochsheim, seine Wahlheimat seit so vielen Jahren, seine große Familie, das Zentrum und der Ort seines Wirkens.

Er war nicht nur ein Einwohner Gochsheims, er war Teil des Kits, der ein Dorf zusammenhält, der es erst mit Herz und Leben füllt. Das Schicksal von Gochsheim war ihm niemals gleichgültig, es war ihm vielmehr ein ewiges Herzensanliegen, dieses Stück Kraichtal, dieses Stück Heimat voranzubringen und zu stärken. So engagierte er sich in Vereinen, in Arbeitsgemeinschaften, war elementarer Bestandteil des Motors, der das Dorf am Laufen hielt und voranbrachte.
Genau in einem solchen Moment, während eines solchen Akts der Güte und des bedingungslosen Gebens, schied Thomas nun im Dezember aus dem Leben. Während er als Nikolaus den Kindern im Dorf kleine Geschenke brachte, die Vorweihnachtszeit für sie voller Hingabe und Freude mit Zauber und Magie belebte, ging sein eigenes Leben zu Ende – plötzlich und unerwartet.
Mit ihm verliert Gochsheim mehr als nur einen Einwohner, mit ihm geht ein Stück dessen, was dieses Dorf auszeichnet und es stark macht. Und mit ihm verliert seine Familie einen liebenden Ehemann und einen nicht minder liebenden Vater. Während ich mit seiner Frau Simone im viel zu ruhigen gemeinsamen Haus im alten Herzen Gochsheim spreche, wird klar, welches Loch Thomas’ Tod in diese Familie, in diese Gemeinschaft gerissen hat. „Tagsüber komme ich zurecht“, erzählt sie mir, „aber abends, wenn es im Haus leise wird, dann fehlt er mir so sehr.“ Nach außen hin gibt sich Simone stark – „Das Leben muss weitergehen“, wiederholt sie ein ums andere Mal, aber manchmal zittert die Stimme dann doch kaum hörbar. Wie könnte sie auch nicht

Nur ein paar Wochen sind seit diesem Nikolaustag vergangen, an den sich Gochsheim – da darf man sicher sein – immer erinnern wird. Doch eben genau jene Dorfgemeinschaft, die Simone und Thomas, als sie vor so vielen Jahrzehnten aus Hambrücken nach Gochsheim zogen, aufgenommen hat, trägt nun weiter, weit über Thomas’ Tod hinaus. Die ganze alte Stadt sieht regelmäßig nach Simone, man achtet aufeinander, man besucht sich, man spendet sich Trost. Und Simone hat nicht vor, aufzugeben. Sie will weiter dabei sein, will genau wie bisher mit Thomas weiterhin für diese Gemeinschaft da sein und sich hier engagieren. Deswegen ist sie draußen, lässt sich blicken, verkriecht sich nicht. „Wenn wir dich nicht auf der Straße sehen würden, dann würden wir uns richtig Sorgen machen.“ Das bekommt sie immer wieder aus der Nachbarschaft zu hören und freut sich sichtlich darüber.

Mit dem Tod hat Simone längst Bekanntschaft geschlossen, hat viele ihr nahestehende Menschen verloren, weiß ein Stück weit, wie sie damit umgehen kann, wie sie damit umgehen muss. Sie und die gemeinsamen Kinder, allesamt bereits erwachsen, werden in Gochsheim nicht alleine durch diese Zeit hindurch müssen. Sie können sich darauf verlassen, dass die Gochzemer Dorffamilie zusammenhält. Denn auch Simone ist ebenso wie Thomas ein fröhlicher, durch und durch lebenslustiger Mensch, voller Hunger nach Gemeinschaft und Geselligkeit. Ein Mensch, der anderen zugewandt ist, sich offen zeigt für andere und das Anderssein. Es ist genau die Art von Kraft und Stärke, die der beste Garant dafür ist, auch eine solche Krise zu durchstehen. Und ihr Thomas hätte nie im Leben gewollt, dass sie davon in Trauer und Gram Abkehr nimmt. „Er hätte nicht gewollt, dass ich daheim sitzen bleib’, sondern dass ich einfach wieder raus gehe zu den Leuten“, ist sich Simone sicher. „Das soll so bleiben, das soll sich nicht ändern.“
Eine Sache hat Simone aber doch geändert. Das gemeinsame Schlafzimmer hat sie neu gestaltet, die Wände neu gestrichen, zu sehr hat sie die vertraute Atmosphäre Abend für Abend traurig gemacht. Das ist ihr Stückchen Neustart, das nun sein muss, um weitermachen zu können. Doch die Wunde und das klaffende Loch, das Thomas’ Tod in Gochsheim hinterlassen hat, werden noch eine Weile brauchen, um heilen zu können. Bis es so weit ist, wird er schmerzlich fehlen. Nicht nur hier in der Berthold-Bott-Straße, sondern überall in Gochsheim. Am Schloss, im Bäckereimuseum, in der Vogelscheuer, am Kraichbach und eben überall dort, wo dieser wunderbare Mann seine Fußspuren hinterlassen hat.

Vor einigen Tagen habe ich vom Tod dieses liebenswerten Menschen erfahren. Auch wenn ich meine Stationen wie Sulzfeld, Gochsheim, Forst und Heidelsheim betrachte, so ist das ganz liebenswerte Städtle Gochsheim meine alte Heimat.