Auf seine eigene wunderbare Weise hat Bruno Generationen von Kindern als Hausmeister durch die Schulzeit begleitet. Nun hängt das sanfte Kraichtaler Urgestein den grauen Kittel an den Nagel.
Ein kleiner Abschiedsgruss von Stephan Gilliar
Als jemand, der seinerzeit die Schulen wie Unterhosen gewechselt hat, erlaube ich mir folgende Feststellung zu treffen: Nach meiner eigenen Erfahrung gibt es nämlich an unseren Schulen drei Typen von Hausmeistern – den Strengen, vor dem sich alle etwas fürchten, den Unscheinbaren, der seine Arbeit wie ein Phantom abseits aller Blicke verrichtet, und die gute Seele: jemanden, den man als Schüler sofort in sein Herz schließt. Bruno Herrhofer gehört ohne jeden Zweifel zur letzten Kategorie. Er zählt zu jenem besonderen Schlag Mensch, den man schon mag, wenn man ihm das erste Mal ins Gesicht sieht. Gütige, leuchtende Augen, eingebettet in furchige Lachfalten unter buschigen weißen Brauen, ein offenes und freundliches Lächeln und das untrügliche Gefühl, dass hier jemand vor einem steht, der sich nicht verstellt, der ist wie er ist: einfach ein prima Kerl!
Ein gutmütiger Mensch, der die Welt um sich herum und die Menschen, die darin leben, nimmt wie sie sind, der auch Kindern auf Augenhöhe begegnet, der für alle nur “der Bruno” ist, der auf eigene Kosten Lollies und Gummibärchen kauft, die er bei jeder Gelegenheit aus den tiefen Taschen seines Arbeitskittels zaubert. Ja, wenn die Gemeinschaftsschule in Kraichtal eine gute Seele hat, dann ist das Bruno Herrhofer, der vor Jahrzehnten damit begonnen hat, sich als Hausmeister um alles und jeden zu kümmern – und der in wenigen Wochen damit für immer aufhören wird.
Ein Arbeitsleben beginnt, ein Arbeitsleben endet, soweit so normal, ein alltäglicher Vorgang, möchte man meinen, der in der Regel keine darüber hinausgehende Betrachtung verdient. Doch in diesem Fall ist das anders. Denn Bruno hat in all den Jahren nicht einfach nur Lampen getauscht, tropfende Wasserhähne repariert, Laub gekehrt und Stühle gestapelt. Er war darüber hinaus Freund, Kollege, Tröster, Vertrauter, Verbündeter und der unsichtbare Kit zwischen der Welt der Kinder und der Erwachsenen – ein Joker im oft so wirren und komplexen sozialen Gefüge, das jeder Schule zu eigen ist.

Die Kinder, aber auch das Kollegium, all das ist Teil von Brunos Familie. Vielleicht sind sie auch ein Stück weit ein Ersatz dafür, dass er selbst niemals geheiratet hat, niemals Vater wurde. Der Grund dafür scheint aber einfach nur miserables Timing zu sein, bringt Bruno es humorig auf den Punkt: “Am Anfang war ich einfach zu schüchtern“, erzählt er, lacht und ergänzt: “Später hab ich dann gedacht: Ach geh, lasst me halt in Ruh.” Das soll aber nicht heißen, dass Bruno kein Familienmensch ist, ganz im Gegenteil. Seine Eltern kamen als Ostvertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ungarn in den Kraichgau. Nach der Erstaufnahme in der zuvor noch als KZ genutzten Sammelstelle auf Schloss Kislau wurde seine Mutter bei einer Familie in Oberacker einquartiert, der Vater in Münzesheim. Dort lernten sich die beiden kennen und lieben. Während Brunos Vater wie so viele andere Münzesheimer bei den Malag-Werken eine Anstellung fand, kümmerte sich seine Mutter um den Haushalt und die drei Kinder: ein älterer Bruder und später Bruno und sein Zwillingsbruder. Bruno, ein paar Stunden jünger, kam dabei ganz unverhofft auf die Welt – schließlich gab es in den Fünfzigerjahren noch keine bildgebende Technik wie ein Ultraschallgerät.
Als Nachzügler mit der Nabelschnur um den Hals wäre Brunos Leben beinahe vorbei gewesen, bevor es überhaupt begonnen hatte. Doch eine Welt ohne Bruno konnte sich das Universum ganz offenbar nicht vorstellen – und so ging schlussendlich alles gut. Mit seiner Familie ging Bruno durch dick und dünn, man hielt zusammen wie Pech und Schwefel. Jeden Sonntag ein gemeinsames Mittagessen, danach eine Runde Schafkopf oder auch zehn. Sein Vater und seine Mutter sind schon vor Jahren gestorben, seinen großen Bruder musste Bruno erst vor wenigen Tagen zu Grabe tragen. Eine Zäsur in seinem Leben, denn welche besondere Verbindung Brüder zueinander haben, das wissen – nun ja – eben nur Brüder.

Er ist alt geworden, unser Bruno, das merkt er auch selbst hier und da, wenn das Knie nicht mehr so will, wenn die Knochen schmerzen. Dennoch ist all das für ihn kein Grund, die Flinte zu senken oder gar ins Korn zu werfen. Er hat Pläne, will endlich einmal wieder reisen, sein letzter größerer Urlaub ist sage und schreibe über 30 Jahre her. Er will all die schönen Orte und Plätze erleben, die noch auf seiner Liste stehen. Er will Zeit für sich haben, denkt darüber nach, einen Hund anzuschaffen. “Keine Handtaschenratte, ein richtiger“, sagt er und lacht so herzlich über das furchige Gesicht, dass man nicht umhin kommt zu glauben, dass es genau dafür gemacht wurde.
Dennoch wird ihm die Arbeit fehlen – und noch viel wichtiger: Es werden ihm die Kinder fehlen. So manches Mal wird er bestimmt nach oben an der Schule vorbeifahren, wehmütig auf die Gebäude schauen, in denen er selbst vor so vielen Jahren zur Schule gegangen ist, die er über Jahrzehnte hinweg innen und auswendig kennengelernt hat. Tatsächlich zählte Bruno zum ersten Jahrgang der damals Mitte der Sechzigerjahre neu eröffneten Volksschule in Münzesheim, ging hier zur Schule, bis er schließlich eine Lehre als Gas-Wasserinstallateur begann, nach Jahren in diesem Beruf dann aber Ende der Neunziger als Hausmeister in die alte Penne wechselte. Dort traf er tatsächlich noch auf einen alten Lehrer, der ihn selbst als kleinen Bub unterrichtet hatte, erinnert sich Bruno. Als er ihn respektvoll mit “Sie” ansprechen wollte, habe dieser im Spaß die Hand gehoben und gesagt: „Wenn du noch einmal kommst mit Sie… ich bin der Peter.“
Bruno und Sie? Das geht überhaupt nicht. Er ist für alle nur der Bruno, manche Kinder halten das sogar für die Bezeichnung seines Berufsstandes. Ein Mädchen wollte von ihm wissen, wer nach ihm der neue Bruno an der Schule wird, schmunzelt er ein bisschen schwermütig. Überhaupt habe er immer ein gutes Verhältnis zu den Kindern gehabt – sowie sie zu ihm. Als nach dem Tod seiner Eltern deren Haus zum Verkauf stand, wären zwei Mädchen zu ihm an die Haustür gekommen, hätten bitterlich geweint, weil sie so traurig waren, dass Bruno doch nun fortgeht. Ein Missverständnis, wie sich herausstellte, denn Bruno wollte gar nicht fortgehen, möchte das auch nach seinem Ruhestand nicht. Er ist in seinem “Minze” geboren und will in seinem “Minze” alt werden.

Tränen werden bestimmt aber noch ein paar fließen, wenn dem Letzten klar geworden ist, dass die Schule in Münzesheim bald ohne ihren Bruno auskommen muss. Weit weg sein wird er aber nicht, nur einen Steinwurf entfernt im alten Münzesheim, dort, wo die schönen alten Fachwerkhäuser in Reihe und Glied stehen. Und wenn man ihn dann auf der Straße trifft, vielleicht mit seinem Hund bei einem Spaziergang, dann kann man ihn grüßen und dankbar sein, dass er immer da war: für all die kleinen und großen Dinge, für die schönen Momente, für Notfälle, für alle Fälle – immer dann, wenn man ihn gebraucht hat. Mit ihm geht ein einfacher Mann, aber auf seine Weise auch ein ganz großer. Oifach Bruno! Danke für alles!

Ja so ist er der Bruno.
Ich war zwar nicht in der Schule in Münzesheim, ich kenne ihn aber trotzdem sehr gut durch meinen Mann, der sehr viel mit ihm zu tun hat in der Gemeinschaftsschule.
Was für ein wunderschöner treffender Bericht. Dem kann ich in allem nur zustimmen. Danke lieber Bruno, unsere Enkelkinder haben dich geliebt. Und die Oma sowieso 🥰