„Zigarren, Haarschnitt und Geschichten.“ – Eine Odenheimer Institution wird 75. Die Friseur-Schwestern Stricker feiern großes Jubiläum und blicken zurück auf einfachere Zeiten.
Ein Ort voller Erinnerungen
„Früher hat es hier alles ganz anders ausgesehen“, erzählt Joachim Zorn, Ortsvorsteher in Eichelberg, als er am Dienstagnachmittag den Friseursalon Stricker in Odenheim betritt. „Früher gab es hier zwei Räume, hinten den Damensalon, vorne den Herrensalon. Da wurde viel geraucht, die Herren saßen auf der Bank und haben Zigarren gequalmt, und ich als kleiner Bub saß mittendrin und hab zuschauen dürfen.“ Das alles ist rund 50 Jahre her – und noch immer kommt Joachim Zorn regelmäßig zum Haareschneiden in den Nachbarort, auch wenn sein Haar über all die Jahre etwas dünner geworden sein mag.
Zigarrenqualm, Kindheit und Kondome
An die Zigarren kann sich auch Sibylle Stricker allzu gut erinnern: „Der Herrensalon war eine dampfende Bude – mit Zigarren, Haarschnitten und Geschichten“, erzählt sie von jenen Tagen, als sie noch ein kleines Mädchen war und zusammen mit ihrer Schwester Yvonne ihrem Vati Reinhold zugesehen hat, während er im weißen Kittel rasierte, stutzte und pomadisierte. „Wir sind hier drin groß geworden – und am Lade rummarschiert. Wir waren immer ein bisschen naseweiß“, kichert Sibylle – und ist in diesem Moment wieder ganz das junge Mädchen von einst. „Neben Zigarren wurden auch Kondome verkauft – und wir haben ganz genau geschaut, wer sich welche holt“, lacht sie – und jetzt kichert auch Yvonne.
Ein Friseursalon schreibt Geschichte
Es macht Spaß, diesen beiden fröhlichen Schwestern zuzuhören, denn sie haben viel zu erzählen. 75 Jahre wird ihr Friseursalon heute alt – ein Dreivierteljahrhundert voller spannender Geschichten: unverfälschter Odenheimer Alltag zwischen Tratsch, dem Klappern der Scheren und dem Dröhnen der Trockenhauben.
Liebe auf den ersten Blick – und auf Lebenszeit
Angefangen hat alles am 1. April 1950. An diesem Tag, mitten im aufkeimenden Wirtschaftswunder, wurde nicht nur die Deutsche Bundespost gegründet, sondern auch der Salon Stricker in Odenheim – anfangs als reiner Herrensalon im kleinen Bauernhäusl. Ab 1953, als Sibylles Mutter mit einstieg, dann auch für Damen. Kennengelernt haben sich Reinhold und seine Frau auf einer Modenschau im damaligen Gasthof Engel. Es funkte sofort zwischen den beiden – und so wechselte Sibylles Mutter von der Schneiderei zur Kunst des Haareschneidens.








Es war eine einfache und bescheidene Zeit damals. Odenheim war keineswegs eine reiche Gemeinde, die Nachwehen des erst wenige Jahre zuvor zu Ende gegangenen Weltkrieges waren noch immer deutlich spürbar. Wer sich im Salon Stricker die Haare frisieren lassen wollte, musste nicht nur ein Handtuch mitbringen, sondern auch ein Brikett – damit der Salon und das Waschwasser auf angenehme Temperaturen gebracht werden konnten. Ansonsten aber waren die Kosten sehr überschaubar: „Für 1 Mark gab’s einen Haarschnitt und eine Rasur – und ein bisschen Dorfklatsch dazu“, erzählt Sibylle.
Der Salon als zweites Wohnzimmer
Auf einer langen Bank saß man dann im Salon – selbst wenn der eigene Haarschnitt längst erledigt war –, paffte an seiner Zigarre und tauschte sich aus. Man erfuhr immer das Neueste aus Odenheim und vielleicht noch aus der Nachbargemeinde. Denn hier endete damals bereits der Horizont – die große weite Welt, nun ja, sie war einfach verdammt weit weg. Fast schon beneidenswert – finden Sie nicht?
Zwei Schwestern, ein Lebensweg
1956 kam Sibylle auf die Welt, ihre Schwester Yvonne zehn Jahre später, anno 1966. Wie es der Zufall – oder vielmehr die elterliche Prägung – so wollte, wurden beide Schwestern Friseurinnen. 1981 legte Sibylle ihre Meisterprüfung ab, übernahm dann den Salon 1993. Papa Reinhold stand noch fast bis kurz vor seinem Tod jeden Tag im Betrieb, schnitt die Haare seiner alten Stammkunden – alles Weggefährten über Jahrzehnte hinweg.
Ein Haus voller Leben
Der Salon Stricker war und ist ein Familienbetrieb. Das ganze Leben hat sich hier in der Kirchstraße Nummer 16 abgespielt. Die Oma, die hinten in der Küche gekocht hat, Papa und Mama, die vorne im Salon frisierten, rasierten und toupierten, die beiden Schwestern, die hier ihre Kindheit verbrachten, ihre Hausaufgaben erledigten – und später selbst in die Fußstapfen der Eltern traten.
Als alles still wurde
Die erste wirklich große Krise erlebte der Salon Stricker während der Corona-Pandemie. Sibylle wurde erst in dieser Zeit bewusst, wie sehr sie ihren Beruf und den Kontakt mit den Menschen liebt: „Ich bin manchmal im Laden gesessen, hinter zugezogenen Jalousien, und habe mir gedacht: Das kann doch alles einfach nicht wahr sein. Was passiert hier mit uns?“
Es gibt keinen Ruhestand für Herzblut
Seither weiß sie: Für ihren Beruf gibt es kein Ablaufdatum, kein festgesetztes Ende. Solange sie eine Schere halten kann, steht sie im Laden – und ihrer Schwester Yvonne geht es kaum anders.
75 Jahre voller Wärme und Widerstandskraft
Stolz wären ihre Eltern auf die beiden Schwestern gewesen, die sich immer wieder zusammengerauft haben, gemeinsam den Salon durch die Jahre und Jahrzehnte geführt haben. 75 Jahre – das ist nicht nur gelebte Tradition, das bedeutet auch: harte Arbeit, Durchhaltevermögen und die eine oder andere Durststrecke.
Ein Ort, der bleibt
Natürlich hat sich das Geschäft und die Branche in all den Jahren verändert – da macht sich Sibylle keine Illusionen: „Heute ist es anonymer“, erzählt sie. Doch viele treue und liebe Stammkunden sorgen dafür, dass man sich auch weiterhin zu Hause und aufgehoben fühlt im Salon Stricker in Odenheim. Außerdem versprechen Sibylle und Yvonne unisono: „Wir bewahren, was geht.“

Herzlichen Glückwunsch zu Eurem Jubiläum. Ihr könnt sehr stolz auf Eure Leistung sein. Nicht viele können ein so herzlich geführtes Familienunternehmen vorweisen. Seit Kindesbeinen bin ich immer gerne bei Euch gewesen. Es war immer ein Erlebnis mit im Salon sein zu dürfen und später immer von Yvonne, eine meiner beiden Cousinen, frisiert zu werden. Am nächsten Tag konnte ich, zurück in meiner Heimat, mächtig angeben. In den 80igen war es unüblich mit Dauerwelle😀 in der Schule aufzutauchen.
Tante Margret und Onkel Reinhold sind (sie schauen bestimmt von oben runter) auch mächtig stolz auf Euch.
Weiter so! Liebe Grüße aus der Pfalz, Martina & Tante Ingeborg ❤️🫶
Ah, ich geh do a mol hie!