Last Kerl Standing

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Fast überall rund um den ehemaligen Basar im Heidelsheimer Süden sind mittlerweile die Lichter ausgegangen, nur einer steht noch immer jeden Tag auf der Matte: Arthur Kerle mit seinem Jeanslager. Doch auch seine Tage sind gezählt.

Es kann schon etwas an der Stimmung nagen, wenn man den kleinen Zipfel von Heidelsheim betritt, der losgelöst vom Rest des Dorfes direkt an der viel befahrenen Bundesstraße 35 liegt. Früher hat hier das Leben pulsiert. Tausende Menschen kamen jeden Tag zum Einkaufen in den Basar, später in den Real und den Baumarkt Praktiker. Was mit diesen Ketten geschehen ist, das wissen Sie längst, darüber müssen wir nicht noch einmal sprechen. Doch seit das Gelände für das neue, große Fachmarktzentrum vorbereitet wird, bricht auch Stück für Stück die vertraute Peripherie rund um den einstigen Basar weg. Der kultige Autohof Herzl, der seine goldenen Jahre mit dem Wegbruch der großen Transitroute längst hinter sich hat, steht schon seit Wochen leer und wartet auf seinen Abbruch. Und auch Margits Trödelscheune leert sich immer mehr, ist nur noch ein Skelett, das vermutlich demselben Schicksal entgegensieht wie der alte Autohof. Nur in einer vertrauten Adresse brennt immer noch das Licht – im Jeanslager von Arthur Kerle, wo Heidelsheim sich nicht nur mit Klamotten eingedeckt, sondern auch all seine Postangelegenheiten erledigt hat.

Ein Jeansgeschäft auf dem platten Land

Arthur ist im Grunde schon immer da, seit man zurückdenken kann. An der jetzigen Adresse findet man ihn bereits seit etwa 20 Jahren, zuvor, genauer seit 1994, am Hühnerberg in Heidelsheim. Damals eröffnete er hier ein eigenes Jeansgeschäft – auf dem Dorf heute ein Vorgang, den man vermutlich sofort mit Grabgesängen quittieren würde. Ein Bekleidungsgeschäft auf dem platten Land? Ein Rohrkrepierer, ohne Zweifel, werden Sie jetzt vermutlich sagen. Doch man muss sich vor Augen halten: 1994 gab es noch keine Konkurrenz durch das Internet. Amazon wurde zwar just in diesem Jahr geboren, verdiente sich seine Sporen aber erst mal im Buchhandel. Wer Jeans wollte, konnte sie entweder auf gut Glück in einem der großen Kataloge wie Quelle, Neckermann, Otto und Co. bestellen oder sich auf echte Fachberatung vor Ort verlassen. Genau dafür stand und steht Arthur und sein Jeanslager, das er in einer ehemaligen Kfz-Werkstatt am Ortsrand hochzog. Selbst gebaute Regale, handverlesene Produkte, dazu ein einzigartiges Styling durch zwei Jugendliche, die hier bezahlt und gewollt die Wände mit Graffiti verschönert haben.

So hat der Tresen im alten Jeanslager am Hühnerberg ausgesehen. Bild: Privat

Eigentlich war Arthurs Plan, das Geschäft auf die Beine zu stellen und es dann an seine Frau zu übergeben. Doch wie man unschwer feststellen kann, ging dieser Plan in die Hose. Auch seine Frau ist im Einzelhandel und hat ein Modegeschäft in Sandhausen, das Jeanslager ist aber seit 1994 fast ausschließlich in Arthurs Hand. Keine Selbstverständlichkeit, denn eigentlich kommt er aus der Baubranche – nicht gerade eine Steilvorlage für eine Karriere in der Modeindustrie. Doch Arthur hat sich irgendwie hineingefuchst, sich autodidaktisch alles selbst beigebracht und erkennt mittlerweile die Kleidergröße eines Kunden, sobald er unter der klingelnden Türglocke hindurch den Laden betritt.

Tatsächlich hat mir Arthur schon vor Jahren Hosen verkauft, die so exakt meiner Größe entsprachen, dass ich mir die kleinen, im Hosenbund eingenähten Schilder für künftige Käufe einfach abfotografiert habe. Seither kaufe ich immer wieder genau das gleiche Modell in der gleichen Größe – das spricht zwar nicht für ein ausgeprägtes Modebewusstsein, aber zumindest für einen stabilen Bauchumfang.

Egal wie viel X vor dem L stehen

Apropos Bauchumfang: Arthur ist von jeher auch ein echter Spezialist für große Größen. Bei ihm kann man sich – ohne wie in Spezialgeschäften in den Innenstädten finanziell ausgezogen zu werden – vollumfänglich anziehen, auch wenn man eine kräftige Statur hat. Arthur verzichtet dabei ganz bewusst auf stigmatisierende Ausdrücke wie „Übergröße“. Für ihn ist das ein ganz normaler Teil seines Sortiments für ganz normale Menschen, die eben nun mal so unterschiedlich sind, wie der Herrgott sie geschaffen hat. „Egal wie viel X vor dem L stehen, wir stehen zu Ihnen“, zitiert Arthur seinen Slogan, den er extra für solche Situationen parat hält. „Den hat immer jeder verstanden. Und jeder, der das verstanden hat, hat sogar gelacht“, sagt er und lacht selbst.

Arthur ist überhaupt ein liebenswerter und gutmütiger Mensch, vielleicht manchmal ein bisschen zu gutmütig und nachgiebig. Einbrüche und Diebstähle, die es leider auch in all den Jahren gegeben hat, hat er nicht zur Anzeige gebracht, die Täter manchmal ziehen lassen. Für ihn stand der Ärger in keinem gesunden Verhältnis, deshalb hat er diese unschönen Momente zähneknirschend heruntergeschluckt, auch wenn sie im Nachhinein stark an ihm genagt haben. Manch einer mag hier den Kopf schütteln, genauso gut kann man es aber als gelebte Selbstfürsorge betrachten – und das ist mehr als legitim.

Das Ende einer Ära nach der Pandemie

Ereignisse wie Diebstähle oder Einbrüche haben Arthur zwar durchgeschüttelt, aber niemals zu Fall gebracht. In all den Jahren ist er jeden Tag gerne zur Arbeit gekommen, hat gerne seine Zeit in seinem Jeanslager verbracht, mit Beratungen rund um Heidelsheimer Modefragen und natürlich reichlich Klatsch und Tratsch am Tresen der Post. Verändert hat sich das Geschäft dennoch über all die Jahre – nicht von innen, sondern von außen. Große Zäsuren waren natürlich die Pleite von Praktiker, der Wegfall von Real, aber auch die Einrichtung einer großen Sammelunterkunft in den frei gewordenen Räumlichkeiten. Die Kundschaft hat darauf eher sensibel reagiert, erinnert sich Arthur. Die Kundenströme haben nie wieder zu alter Größe zurückgefunden, spätestens nach der Pandemie war das offenkundig.

Ans Aufhören hat Arthur schon öfter mal gedacht. Nachvollziehbar, hat er doch schließlich mit über 70 Jahren längst das Rentenalter erreicht. Doch einfach nur hinzuschmeißen, weil es schwierig wird, das kam für ihn nicht infrage. Der Wink des Schicksals, den Arthur schließlich für sich als Ausstiegspunkt erkannt hat, war die Umgestaltung des Geländes rund um den alten Basar. Sein Mietvertrag endet Ende Juli. Im selben Monat wird sein Geschäft Stück für Stück zurückgefahren, dann endet für ihn das Kapitel Jeanslager – nicht nur für ihn, sondern für ganz Heidelsheim. In zwei Wochen will er mit dem Ausverkauf anfangen, alles muss raus, ein Danach gibt es schließlich nicht mehr.

Ein echtes Kind der Hügel

Mit diesem Schlussakkord hat Arthur selbst kein Problem, wie es danach für ihn weitergeht, das weiß er allerdings noch nicht. Wie auch? Über 30 Jahre lang war das Jeanslager sein Alltag, von früh bis spät Klamotten, Briefe, Einschreiben und Kundengespräche. Wenn das ab August alles wegfällt, muss er sich erst einen neuen Alltag aufbauen. Über diesen weiß Arthur noch nicht viel, nur, dass er hier in der Region bleiben möchte. Die große weite Welt zieht ihn nicht wirklich an – ein echtes Kind der Hügel, schön.

Wie es um Arthurs alte Wirkungsstätte weitergeht, ist auch noch nicht abschließend geklärt. Man munkelt, es könnte ein Schnellrestaurant auf dem Areal entstehen, doch das sind bislang nur Gerüchte. Fest steht aber: Dort, wo früher einmal der Basar, der Praktiker oder der Real standen, entsteht gerade ein großes Fachmarktzentrum mit Supermarkt, Drogerie, Discounter und weiterem Firlefanz von der Stange oder vielmehr der Kette. Im Grunde ein weiterer Verkaufskomplex auf der grünen Wiese, der vermutlich nur noch wenig gemein hat mit den urigen Heidelsheimer Originalen, die hier über Jahrzehnte hinweg das Bild geprägt haben – einschließlich Arthur natürlich, so wie Neil Diamond es gesungen hat: „Forever in Blue Jeans“.

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3 Kommentare zu „Last Kerl Standing“

  1. Vielen Dank für die Geschichte über Arthur. Genauso habe ich das auch erlebt.
    Ich mag Ihren Schreibstil sehr, denn zeigt auf wie die Menschen sind.

  2. Vielen herzlichen Dank für diese bewegende Geschichte . Man findet sich tatsächlich wieder in den vielen erwähnten Begebenheit sei es beim Stöbern oder der Beratung spezieller Kundenwünschen oder Postangelegenheiten und hat genau diese Bilder vor Augen, die man mal erlebt hat . Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen !

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