Die Bank Ihres Vertrauens

|

Auch im Kraichtal sollen künftig Mitfahrbänke als kleines Puzzleteil zur Mobilitätswende beitragen. Doch wie alltagstauglich ist dieses System, oder bleibt es am Ende nur reine Symbolik?

Lassen Sie uns am Anfang ein bisschen theoretisieren. Stellen wir uns einmal vor, Sie würden in einem jener Stadtteile von Kraichtal leben, die bislang nicht an die Stadtbahn angeschlossen wurden. Lassen Sie uns ferner annehmen, Sie hätten aus welchem Grund auch immer kein Auto zur Verfügung. Dennoch gibt es bekanntlich hin und wieder Erledigungen, beispielsweise einen Arztbesuch oder einen größeren Einkauf, für die Sie die Kraichtaler „Hauptstadt“, den Stadtteil Münzesheim, aufsuchen müssten. Aber wie machen Sie das? Nun, Sie könnten beispielsweise mit dem Fahrrad fahren – bei schlechtem Wetter, bei körperlichen Gebrechen oder bei größeren Einkäufen ist das allerdings nicht praktikabel. Sie könnten mit dem Bus fahren, das kann je nach Komplexität des Fahrplans allerdings eine echte Geduldsprobe werden. Oder Sie setzen sich auf eine der brandneuen Mitfahrbänke in Kraichtal und schließen gleich zwei Wetten gegen Unbekannt ab. Einmal muss Sie jemand mit zum Einkaufszentrum nehmen, ein zweites Mal jemand samt Ihrer Einkäufe wieder retour. Idealerweise ohne lange Wartezeiten, die bei Wind und Wetter im Freien nicht gerade verlockend wirken. Seien Sie ehrlich: Würden Sie das riskieren? Würden Sie Ihren Mitmenschen in dieser Stadt mit ihren neun Stadtteilen so viel Vertrauen entgegenbringen?

Spannende Fragen, die sich – auch wenn sich die Dauerbruddel-Fraktion in den sozialen Netzwerken bestimmt bereits reflexhaft festlegt – keineswegs so leicht beantworten lassen. Wer dazu eine halbwegs aktuelle wissenschaftliche Abhandlung konsultieren möchte, findet diese online, ausgearbeitet durch die Frankfurter Universität. Ganz kurz gesagt: Die Autoren kommen weder zu dem Ergebnis, dass die Bänke gut funktionieren, noch zu dem, dass sie gar nicht funktionieren. Das Konzept funktioniert demnach als soziales Mobilitätsangebot, erreicht aber keine breite verkehrliche Wirkung. Es eignet sich der Studie nach vor allem in eng vernetzten Gemeinden mit starkem ehrenamtlichem Engagement.

Aber ist Kraichtal eine solch vernetzte Gemeinde mit starkem ehrenamtlichen Engagement? Nun, die Projektgruppe „Die Visionäre“ – eine bürgerschaftliche Vereinigung, die sich zum Wohl und zur zukünftigen Entwicklung der Stadt Kraichtal formiert hat – ist hier guter Hoffnung. Gemeinsam haben sie sich dafür eingesetzt, dass die Bänke, die es schon an unzähligen anderen Orten gibt, auch in Kraichtal Realität werden. Gefördert durch das Leader-Programm der Europäischen Union, immerhin mit einem satten Beitrag von 80 % der Gesamtkosten, finden sich nun an mehreren Standorten in Münzesheim und einigen der umliegenden Gemeinden zum Start rote Bänke mit dem weißen, frisch lizenzierten „M“ auf weißem Grund. Wer hier Platz nimmt, kann am großen und gut lesbaren Schild sein Wunschziel einstellen und darauf hoffen, von einem freundlichen Mitbürger mitgenommen zu werden. „Es ist tatsächlich nur zur Ergänzung gedacht. Natürlich haben wir hier noch Busanbindungen und Straßenbahnen, aber wir wollen die Lücken schließen. Besonders sonntags oder feiertags kann das eine wichtige Alternative sein“, erläutert Wolfgang Bauer von den Visionären die Absicht dahinter. Angesprochen werden z. B. Menschen ohne eigenes Fahrzeug, die dennoch mobil bleiben möchten, Senioren, die nicht mehr fahren können, und Jugendliche, die noch keinen Führerschein besitzen.

Dennoch bleibt das Ganze im Grunde das, was wir früher unter „Daumenxpress“ oder „Trampen“ verstanden haben – nur eben mit stationären Start- und Zielpunkten. Dafür braucht es Vertrauen, und zwar auf beiden Seiten. Man muss sich auch auf das Abenteuer einlassen, mit einem Fremden mitzufahren oder Fremde im eigenen Fahrzeug mitzunehmen. Die Frage der Sicherheit kann dabei natürlich nicht final geklärt werden, es ist und bleibt ein Akt des Vertrauens. Ein bisschen etwas wollen die Visionäre aber doch dazu beitragen, um zumindest das Gefühl von Sicherheit zu fördern. Beispielsweise kann man sich als Fahrer im Rathaus registrieren lassen. Man bekommt dann ein grünes M-Schild für das Auto, um sich als vertrauenswürdiger Fahrer auszuweisen. Das ist aber natürlich keine Voraussetzung – die Mitfahrbänke leben ja auch von Spontanität. Hier bleibt eben – man kann es nicht oft genug betonen – nur das Vertrauen in die eigenen Mitmenschen.

Eine Mitfahrbank in Graben-Neudorf

Aber wie funktioniert das tatsächlich in Gemeinden, die das System bereits eingeführt haben? Graben-Neudorf beispielsweise hat seit Jahren solche Mitfahrbänke in den beiden Teilorten umgesetzt, das Fazit von Bürgermeister Christian Eheim fällt aber eher verhalten aus. „Die Akzeptanz für die Bänke ist überschaubar, vor allem während und auch nach der Pandemie“, berichtet Christian Eheim. Auch er hat sich im Vorfeld informiert, weiß von funktionierenden Projekten dieser Art, besonders in den ganz, ganz kleinen ländlichen Gemeinden, wo wirklich jeder jeden kennt – also dort, wo Anhalter und Fahrer einander persönlich bekannt sind. In Graben-Neudorf gehe man aber nun einen anderen Weg, so Eheim. Gemeinsam mit der Initiative „Füreinander Miteinander“ wolle man nun ein Seniorenmobil realisieren, das ebenfalls für mehr Mobilität sorgen soll – aber eben mit verlässlichen Routen und Zeiten, da es sich viele alte Leute einfach nicht leisten können, im Worst Case ohne Mitfahrgelegenheit mit vollen Einkaufstüten im Regen zu stranden.

Auch in Gondelsheim, wo es Bänke dieser Art seit zwei Jahren gibt, wurde das Rad nicht gerade neu erfunden. „Grundsätzlich finde ich das nach wie vor eine gute Sache. Aber überbewerten sollten wir ihre Auswirkung auch nicht. Kleines, feines, ergänzendes Angebot für nicht mobile Menschen eben“, so Bürgermeister Rupp mit einem kurzen und pragmatischen Feedback. Mehr will man in Kraichtal auch nicht – es geht nur um eine Ergänzung, nicht um irgendeine Art von Ersatz für den ÖPNV. Die Vertrauensfrage muss sich am Ende aber natürlich jeder selbst stellen, das wissen auch die Visionäre: „Jeder, der einsteigt, muss selbst entscheiden, ob er sich wohlfühlt. Wir können und wollen den gesunden Menschenverstand nicht ersetzen“, stellt Wolfgang Bauer klar.

Sollte sich das Konzept bewähren, könnte das Netz der Mitfahrbänke erweitert werden. Langfristig hofft man, dass sich das grüne „M“-Logo als allgemeines Symbol für Mitfahrgelegenheiten etabliert – ähnlich wie das blaue „P“ für Parkplätze.
Ein besonderer Testlauf findet bald während des Weinwandertags statt.
Geplant sind zusätzliche Mitfahrangebote zwischen den Weinständen und Mitfahrbänken. Ziel ist es, das Konzept öffentlichkeitswirksam zu präsentieren und zu testen.

Die Mitfahrbänke in Kraichtal sind mehr als nur Sitzgelegenheiten – sie sind eine Einladung, ein kleines Stück Vertrauen in die eigene Gemeinschaft zu setzen. Ob sie sich als echte Alternative oder nur als symbolischer Versuch entpuppen, wird die Zukunft zeigen. Doch vielleicht ist genau das die wahre Bewährungsprobe: ob Kraichtal mit seinen neun Stadtteilen zusammenhält und beweist, dass hier nicht nur jeder jeden kennt, sondern dass man sich auch aufeinander verlassen kann.

Anzeige

7 Kommentare zu „Die Bank Ihres Vertrauens“

  1. Mitfahrerbänke kenne ich, aber eher aus Bayern (Sulzfeld am Main) und nicht aus dem Kraichgau. Nach der Schließung des real in Heidelsaheim ist man auf Hilfe und Unterstützung angewiesen, wenn man kein Auto hat. Bis es zu einer Widereröffnung im Gebäude des alten real gibt werden noch Jahre ins Land ziehen. Ob es zuvor noch zu einer Sanierung kommt steht in den Sternen. Aber schau mer mal.

  2. Nette Idee ohne Wirkung. Ich saß mit meinem Sohn in Linkenheim schon mal auf so einer Bank… stundenlang… da hält keiner… ignorieren ist halt am einfachsten… ich glaube nicht dran… obwohl ich selbst anhalten würde… aber so oft ich selbst dran vorbeigefahren bin saß nie jemand drauf… also bleibt es bei einer bunten Sitzgelegenheit, aber es ist überhaupt keine Alternative zu regelmäßigen und regulären Transportmitteln im Linienverkehr!
    Hier bleibt der Wunsch Vater des Gedankens… leider!
    Chris

  3. Ich weiß nicht ob das heutzutage so eine gute Idee ist mit irgendjemand mitzufahren. Ich persönlich würde eher im bekanntenkreis nachfragen ob mich jemand mitnehmen oder abholen kann. Ich selber würde nicht wollen das meine Kinder mit jedem mitfahren. Ein Denkanstoß darüber nachzudenken ob alle mobil sind,egal in welcher Form. Evtl. Da sich Gedanken machen ob man im bekanntenkreis jemanden hat der kein Auto besitzt.

  4. Recht unspektakulär und einfach. So wie wir es verstanden haben, ist jeder der mitfährt über die normale Kfz Versicherung ganz regulär mit abgedeckt

Die Kommentare sind geschlossen.