Stramm steht der Stamm – Odenheim feiert in den Mai
Seit wann wir Maibäume aufstellen, um den Wonnemonat zu begrüßen, darüber gehen die Meinungen auseinander. Erste Berichte über dieses Ritual gibt es bereits aus dem 13. Jahrhundert, die genauen Ursprünge sind allerdings nicht vollständig geklärt. Macht ja auch nichts – es ist einfach ein schöner Brauch: lebensbejahend und ein Symbol für den nun endlich angekommenen Frühling. Auch bei uns im Kraichgau wird in jeder noch so kleinen Gemeinde der Maibaum gestellt, verbunden mit Musik, manchmal sogar Tanz – immer aber mit einem kleinen Festle, um zusammenzukommen und zu feiern.







Früher wurde der stattliche Baum übrigens in den meisten Fällen noch von Hand gestellt, ganz ohne die Unterstützung von Maschinen. Mit durch dicke Seile verbundenen Scherstangen stemmten die jungen Burschen des Dorfes nur mit der Kraft ihrer Muskeln den nicht selten bis zu 25 Meter langen Stamm von der Horizontalen in die Vertikale. Es gibt zwar noch einzelne Ortschaften, in denen dieses Ritual ausschließlich mit Körperkraft vonstattengeht – beispielsweise im Kraichtaler Stadtteil Landshausen –, aber in den meisten Fällen wird zusätzlich ein Kranwagen genutzt. Das geschieht übrigens nicht, weil es vor Ort zu wenig Muskelschmalz gibt, sondern ganz einfach aus Gründen der Sicherheit. Ein großer Maibaum bringt ohne Probleme zwei bis drei Tonnen Gewicht auf die Waage – Sie können sich sicher nur allzu leicht vorstellen, was passieren würde, wenn sich ein solcher Apparillo mitten in einer Menschenmenge selbständig machen würde. Das ist keine hypothetische Gefahr, sondern geschieht immer wieder überall im Land. Quetschungen und Knochenbrüche sind dabei noch das kleinere Übel – es gab durchaus schon Todesfälle im Zusammenhang mit Maibaumstellungen.
Odna packt an – traditionell und mit Stil
In Odenheim setzt man auf einen guten Kompromiss, sozusagen das Beste aus beiden Welten. Stabilisiert wird der Baum durch einen großen Kranwagen, manövriert wird er allerdings ganz klassisch mit besagten Scherstangen durch die Muskelkraft der Burschen aus Odna. Doch das ist nur der finale Akt des Rituals. In Odenheim – dafür ist man am Katzbach bekannt – wird aus jedem noch so kleinen Anlass ein richtiges Event gezimmert. Denn der Maibaum wird nicht einfach nur schnöde in die Ortsmitte gekarrt, sondern von einem kompletten Festumzug begleitet. Der Musikverein und die Kinder des Kindergartens mit buntem Blumenschmuck ziehen vorneweg, dahinter ein Konvoi aus alten Schleppern und schließlich der Maibaum auf seinem alten Zugkarren. Abgesichert wird der Umzug von der Odenheimer Feuerwehr.








In Odna zieht man den kompletten Weg vom Ortseingang – von Tiefenbach kommend – über eine große Runde durch den Dorfkern bis hin zur Y-Gabelung von Forsthausstraße und Kirchstraße, vis-à-vis der Bäckerei Karch. Abgesperrt wird für diesen Umzug rein gar nichts. Hinter dem Tross fährt – mehr oder minder geduldig wartend – ein etwa 15 Kilometer langer Rückstau. Doch da kennt man in Odenheim nichts. Was muss, das muss.
Hoch hinaus mit Muskelkraft und Präzision
Vor Ort angekommen, gibt es noch etwas Musik vom Musikverein, den Jagdhornbläsern – und dann geht es ans Eingemachte. Am Steuer des gigantischen Kranwagens aus Bad Schönborn manövriert Shandor mit Präzision, Geduld, Konzentration und ruhiger Hand den riesigen Stamm von seinem Wagen hinauf in die Luft. Nun packen die Odenheimer Burschen zu, allen voran die Teams des Köstel-Duos (Elektriker und die Fensterbauer – Seite an Seite), die Jungs von Holzbauer Holger Kunz und die Steinmetze von Fehrer. Das Ganze wirkt hier und da ein bisschen chaotisch, aber diesen Tanz beherrschen die Herren aus dem Stegreif. Stück für Stück wandert der große Stamm in das dafür vorgesehene Loch, der Kranz schwingt in der Luft, mit Keilen und großen Hämmern wird der Baum am Ende fixiert. Die Menge applaudiert – darunter auch Östringens Bürgermeister Felix Geider und Ortsvorsteher Thomas Krapp.






Zur Belohnung gibt’s am Ende Freibier für alle Helfer – vermutlich nicht das letzte an diesem Abend. Denn wenige Meter weiter, vor dem großen Odenheimer Wohnzimmer, der alten Mehrzweckhalle, bereitet man sich bereits auf den Tanz in den Mai vor. Musik, zu essen und zu trinken – alles, was man in Odenheim braucht, um glücklich zu sein.
Toll, dass in Odenheim noch traditionell gestellt wird.
Das kenne ich aus meiner Heimat nahe der Schweizer Grenze nur so. Ein Feuerwehrkran kam dabei nie zum Einsatz, auch heute nicht.
Jetzt fehlt noch die Zunftkluft der Handwerker, dann wäre es wie zu Hause :)
Ich war völlig erstaunt, als ich nach meinem Umzug in den Kraichgau feststellen musste, dass die meisten Maibäume vom Feuerwehrkran gestellt werden. Das kannte ich bisher so nicht. Liegt das an unvollständig eingeführten Tranditionen oder daran, dass abgespeckt wurde, weil es keiner mehr richtig machen will oder kann?
Aber um so schöner, dass man sich in Odenheim noch die Mühe macht und ich gratuliere auch zum wirklich schön anzusehenden Baum mit seinen (Zunft-)Wappen.